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Kooperation mit Militärdiktatur Volkswagen vor Vergleich in Brasilien

Stand: 24.09.2020 05:01 Uhr

Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur kann es für einige Opfer Genugtuung geben: Im Verfahren um die Kollaboration von VW mit der Junta steht laut NDR, SWR und SZ eine Einigung bevor.

Von Stefanie Dodt, NDR

Es geht um politische Verfolgung zur Zeit der Diktatur in Brasilien, Verhaftungen auf dem Werksgelände und anschließend Folter durch die Militärs: Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur stellt sich VW einem dunklen Kapitel seiner Vergangenheit. Seit Jahren wird in dem Ermittlungsverfahren gegen die brasilianische Tochter von Volkswagen um einen Vergleich gerungen. Nach Informationen von NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) soll in Brasilien heute die Einigung zwischen VW und brasilianischen Staatsanwaltschaften unterzeichnet werden. Der Vergleich soll demnach Entschädigungszahlungen in Höhe von rund 5,5 Millionen Euro beinhalten.

Das Geld soll in die historische Dokumentation und Aufarbeitung der Geschehnisse fließen und den ehemaligen Arbeitern der brasilianischen Volkswagentochter zugute kommen, die in der Zeit der Diktatur zwischen 1964 und 1985 unter den Folgen der Zusammenarbeit des Unternehmens mit den Militärs leiden mussten.

Viele Opfer nicht mehr am Leben

Der ehemalige brasilianische VW-Arbeiter Lucio Bellentani (74).
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Der Kronzeuge Lucio Bellentani starb vor dem Ende des Prozesses.

Die Organisation ehemaliger Arbeiter zählt bislang 62 ehemalige VW-Mitarbeiter zu den Opfern, einige sind bereits verstorben, so auch der Kronzeuge des Verfahrens, Lucio Bellentani. Er hatte berichtet, wie er im Sommer 1972 von der politischen Polizei des brasilianischen Regimes auf dem VW-Werksgelände verhaftet und im Anschluss über Monate in einem Folterzentrum mit brutalsten Methoden verhört worden war. Zuvor hatte er Flugblätter der Kommunistischen Partei auf dem Werksgelände verteilt.

Die Einigung kommt in einer politisch brenzligen Situation in Brasilien. Der derzeitige Präsident Jair Bolsonaro verherrlicht die Zeit der Diktatur. Ohnehin hat Brasilien bislang dieses Kapitel seiner Vergangenheit nur spärlich aufgearbeitet. Volkswagen Brasilien wäre das erste Unternehmen, das in dieser Form zur eigenen Verantwortung für entstandenes Leid durch politische Verfolgung in dieser Zeit steht.

Bis heute keine Entschuldigung von VW

Besonders schwer getan hat sich Volkswagen bislang mit einer offiziellen Entschuldigung, die von den betroffenen Arbeitern und den beteiligten Staatsanwaltschaften jedoch gefordert wird. Bislang räumte das Unternehmen zwar die damalige Zusammenarbeit mit den Militärs ein und bedauerte diese. Das Unternehmen lehnte jedoch eine "institutionelle Verantwortung" ab und sprach von Handlungen "Einzelner"

Recherchen von NDR, SWR und SZ aus dem Jahr 2017 hatten ein anderes Bild gezeichnet: Eigene Mitarbeiter und ihre politische Gesinnung wurden demnach vom VW-eigenen Werkschutz ausgespäht, Mitarbeiter durch die Politische Polizei auf dem Firmengelände verhaftet. Betroffene berichteten, sie seien im Anschluss monatelang gefoltert worden. Ein eigens von Volkswagen finanziertes historisches Gutachten sowie der Untersuchungsbericht der Bundesstaatsanwaltschaft, die beide noch im Jahr 2017 fertiggestellt wurden, bestätigten die Recherchen.

Gutachter: Kein Druck von der Junta

Nach Einschätzungen des Gutachters der brasilianischen Staatsanwaltschaft, Guaracy Mingardi, hatte VW Brasilien damals aus eigenem Antrieb gehandelt, nicht etwa auf Druck des Regimes: "Die Firma hat mitgemacht, weil sie das so wollte", so Mingardi 2017 gegenüber dem NDR. Die Zusammenarbeit habe dem Interesse der Firma entsprochen, um Störungen in den Produktionsabläufen wie etwa durch Streiks zu verhindern. VW Brasilien habe darüber hinaus eine führende Rolle in einem Netzwerk internationaler Firmen gespielt, das sich über oppositionelle Mitarbeiter austauschte und schwarze Listen erstellte.

Klage gegen VW in Brasilien

Volkswagen muss sich neben dem Abgas-Skandal auch mit einer anderen Affäre auseinandersetzen: In Brasilien wurde gegen den Autobauer eine Zivilklage eingereicht. Der Vorwurf: VW soll während der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 die Folter und illegale Festnahme von Mitarbeitern hingenommen haben. Zwölf ehemalige Mitarbeiter des VW-Werks in São Bernardo do Campo sollen laut Anklage festgenommen und gefoltert worden sein. Dutzende Mitarbeiter seien auf schwarzen Listen geführt worden. Das "Arbeiterforum für Wahrheit, Gerechtigkeit und Reparation" hatte die Klage angestrengt. Sie fordern eine kollektive Entschädigung. Das Arbeiterforum war 2012 von Brasiliens linksgerichteter Staatschefin Dilma Rousseff eingesetzt worden, um die Verbrechen während der Militärdiktatur zu untersuchen.

VW vor Vergleich in Brasilien
Stefanie Dodt, ARD New York
24.09.2020 08:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. September 2020 um 08:00 Uhr.

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