Tiertransport mit Kühen | Bildquelle: Animal Welfare Foundation e.V.

Tierschutz Mehrere Länder stoppen Langzeittransporte

Stand: 24.07.2020 17:43 Uhr

Tausende Kilometer in großer Enge und mit unzureichendem Wasser und Futter. Mehrere Bundesländer haben diese Art von Tiertransporten auf Eis gelegt. Eine Reaktion auf eine ARD-Recherche?

Von Eric Beres und Edgar Verheyen, SWR

Nordrhein-Westfalen machte am Mittwoch den Anfang: Das zuständige Landwirtschaftsministerium beklagt, es fehlten bei Langzeittransporten von Tieren Informationen über Versorgungsstationen und es komme zur Überschreitung der maximalen Transportzeit. Und: keine Tränkmöglichkeiten für Kälber auf den Lkw. Die Abfertigung von langen Rindertransporten in Drittstaaten werde in dem Bundesland deshalb vorerst nicht mehr genehmigt. Man habe die Veterinärbehörden entsprechend instruiert.

Wiederholt sei belegt worden, dass "einige Transporte nicht bis zum Bestimmungsort in Drittstaaten tierschutzkonform durchgeführt werden," teilte das Ministerium mit. "Nach aktuellen Erkenntnissen" reiche es nicht aus, Routen und Transportbedingungen nur innerhalb der EU auf Plausibilität zu überprüfen.

Reaktion auf ARD-Dokumentation "Tiertransporte gnadenlos"

Diese "aktuellen Erkenntnisse" beziehen sich offensichtlich auf ARD-Recherchen, die am Montag in dem Film "Tiertransporte gnadenlos" gezeigt worden waren.

Darin wurde unter anderem über einen Rindertransport aus Deutschland nach Usbekistan berichtet. Dieser ging über 6137 Kilometer. Die in dem Lkw transportierten Rinder blieben dabei über sechs Tage in dem Lkw, ohne dass sie - wie gesetzlich vorgeschrieben - zwischendurch ausgeladen wurden. Sie wurden nur notdürftig versorgt. Funktionierende Versorgungsstationen entlang der Strecke: Fehlanzeige. Die Dokumentation legt zudem nahe, dass viele Rinder, die - als Zuchttiere deklariert - in Länder wie den Libanon, das Bürgerkriegsland Libyen oder nach Marokko verschifft werden, zeitnah Schlachthöfen zugeführt werden.

Niedersachsen und Sachsen ziehen nach   

Konsequenzen hat nun auch das Land Niedersachsen gezogen. "Bis auf Weiteres" sei die Abfertigung "von langen Nutztiertransporten in Drittländer" verboten. Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) begründete diesen Schritt in einem Erlass an die Veterinärbehörden so: "Das ist eine Entscheidung für den Tierschutz. So lange bei den zuständigen Veterinärämtern zu wenig sichere Informationen vorliegen, dass die Tierschutzanforderungen auf der gesamten Strecke eingehalten werden können, so lange können wir keiner Abfertigung zustimmen."

Auch aufgrund der Corona-Krise könne "eine rechtskonforme Durchführung von Straßen- oder Schiffstransporten in Drittländer nicht sichergestellt werden." Nach SWR-Informationen ziehen auch Sachsen und drei Landkreise in Brandenburg nach und haben Langzeittransporte erst einmal auf Eis gelegt.

Kein Verbot in Rheinland-Pfalz

Doch nicht alle Bundesländer wollen so weit gehen. Aus dem zuständigen Umweltministerium in Rheinland-Pfalz heißt es auf SWR-Anfrage etwa, man sehe die Transporte zwar "sehr kritisch". Ein generelles Verbot in bestimmte Drittländer sei jedoch "pauschal nicht möglich". Es müsse allerdings sichergestellt sein, dass etwa bei so genannten "nicht abgesetzten Kälbern", also Tieren, die noch von ihren Muttertieren versorgt werden, eine "bedarfs- und verhaltensgerechte Versorgung mit temperierter Elektrolyt- oder Milchaustauscherlösung" gewährleistet sei.

Diese Argumentation halten Experten wie der Tierarzt Michael Marahrens von der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz für nicht schlüssig. Im SWR-Interview sagt er zur Situation bei solchen Transporten: "Da sind die Tiere noch vollständig auf Milchernährung angewiesen in dieser Zeitspanne. All diese Aspekte führen dazu, dass die Tiere weder bedarfs- noch verhaltensgerecht an Bord von Fahrzeugen versorgt werden können während eines langen Transportes." Mangels Nahrung gerieten Kälber auf solchen Transporten in einen sogenannten Hungerstress.

Exportwirtschaft in der Pflicht

Nordrhein-Westfalen sieht nun die Tierexportwirtschaft in der Pflicht. Sie müsse den Veterinärbehörden Konzepte für einen tierschutzkonformen Transport vorlegen. Aus Deutschland wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 60.000 Rinder in Länder außerhalb der EU exportiert. 2015 hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die tierschutzrechtlichen Vorgaben der EU zum Tiertransport bis zum Bestimmungsort einzuhalten sind - auch wenn dieser in einem Drittstaat liegt.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen im Hörfunk am 23. Juli 2020 um 18:00 Uhr.

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