Proteste gegen Frankreichs Präsidenten Macron in Syrien | AFP
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Terrormiliz auf dem Vormarsch Wie der IS in Syrien wieder Fuß fasst

Stand: 03.11.2020 17:45 Uhr

Die Proteste gegen Frankreichs Präsidenten Macron haben es gezeigt: Der IS hat in Syrien wieder an Macht gewonnen. Insbesondere in den türkisch kontrollierten Gebieten gewinnen sie an Einfluss.

Von Alexander Bühler und Daniel Hechler, SWR

Es ist wie ein Bild aus vergangen geglaubten Tagen: Vermummte Männer posieren mit schwarzen Fahnen mit dem Glaubensbekenntnis des Islam auf einer Straßenkreuzung von Ras al-Ain. Es sind die Fahnen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Auf einer Demonstration am vergangenen Freitag rollen einige Teilnehmer diese Fahnen aus und halten sie vor der Menschenmenge hoch. Die französische Trikolore dagegen entzünden sie und rufen "Gott ist groß". Eine beklemmende Szene, gefilmt von kurdischen Aktivisten - ausgerechnet in der Grenzstadt Ras el-Ain, der Geburtsstadt der Kurdenmiliz YPG.

2011 erhoben sie sich hier gegen Assad, 2012 schlugen sie die Islamisten der Nusra-Front zurück. Es folgten Jahre in kurdischer Selbstverwaltung. Für viele waren es glückliche Jahre. Ende 2019 schließlich besetzten Erdogans Truppen die Kleinstadt, mit Unterstützung islamistischer Milizen. Seither haben sie hier das Sagen.

IS nutzt Proteste gegen Frankreich

Es brodelt vielerorts in der arabischen Welt, seit der französische Präsident Emmanuel Macron die Mohammed-Karikaturen unter den Schutz der Meinungsfreiheit gestellt hat. Der "Islamische Staat" nutzt diese Empörung, um sich wieder öffentlich in Szene zu setzen und stößt offenbar auf Zuspruch. Auch in der letzten Rebellenhochburg Idlib kocht die Wut hoch. Die Provinz im Nordosten Syriens wird ebenfalls von radikalen Islamisten kontrolliert.

Proteste gegen Frankreichs Präsidenten Macron in Syrien | AFP

Bei den Protesten war Frankreichs Präsident Macron das wichtigste Feindbild. Bild: AFP

In mehreren Städten demonstrieren am vergangenen Freitag Tausende gegen die Mohammed-Karikaturen und rechtfertigen die Attentate in Frankreich. "Wenn jemand den Propheten beleidigt, ist es richtig und eine heilige Pflicht, ihn auch zu töten", sagt etwa Aziz Asmar. Damit steht der ältere Mann nicht alleine. Über die Attentäter von Paris und Nizza meint ein anderer Mann gegenüber dem ARD-Studio Kairo: "Diese jungen Männer, diese Kämpfer verteidigen ihre Religion und den Propheten!"

Ahmed Dakel aus der Kleinstadt Binnesh glaubt gar, der Attentäter habe den Propheten Mohammed verteidigen wollen. "Die französische Regierung trägt die Verantwortung für die Angriffe und das Blutvergießen, weil sie diese herabwürdigenden Bilder des Propheten erlaubt haben!" Viele Geschäfte boykottieren französische Waren: Käse, Butter, Tabak, selbst Parfum. An deren Stelle kommen türkische Importe.

Islamisten unter Schutz der Türkei

Auch Idlib steht unter der Kontrolle der Türkei. In etlichen Beobachtungsposten haben türkische Einheiten Stellung bezogen. Militärfahrzeuge aus Ankara patrouillieren in der Provinz, halten Assads Truppen auf Abstand. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hält schützend die Hand über Idlib. Ansonsten hätten die Islamisten gegen die syrische und russische Übermacht keine Chance.

Schulkinder in Aleppo | obs

Aus Aleppo wurden die meisten Kurden vertrieben. Bild: obs

Auch im türkisch besetzen Grenzstreifen zwischen Tal Abyad und Ras al-Ain im Nordosten Syriens haben die Islamisten längst Fuß gefasst. Die meisten kurdischen Einwohner sind geflohen. Stattdessen leben hier jetzt arabische Sunniten aus Ost-Ghouta, Deir Ezzour oder Aleppo. Erdogan hat sie hier angesiedelt - ein Bevölkerungsaustausch auf Kosten der Kurden.

Tausende Milizionäre in der Region

Etwa 1000 Kämpfer unterhält allein die islamistische Miliz Jaish al-Islam in Ras al-Ain, wie Bassam Alahmad vermutet, Direktor der Organisation "Syrians for Truth and Justice". Er hat ein Netzwerk unabhängiger Experten vor Ort, um die zahlreichen Menschenrechtsverstöße zu dokumentieren. Seiner Einschätzung nach komme damit diese Gruppe auf insgesamt 10.000 Menschen.

Von solchen Islamisten gebe es noch vier weitere Gruppierungen - ein guter Nährboden für den IS, der hier, nicht weit von seiner ehemaligen Hauptstadt Rakka, wieder neu aufsteigt -offenbar mit Billigung der Türkei.

Fast täglich neue Anschläge

Auch in anderen Regionen Syriens verüben IS-Zellen wieder Anschläge, oft aus dem Hinterhalt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Schreckensmeldung kursiert: Eine neu vergrabene Landmine, die einen kurdischen Soldaten tötet, südwestlich von Raqqa wurden die Leichen zweier Soldaten gefunden.

Wie viele Anhänger der IS in dieser Region noch hat, ist schwer einzuschätzen. Mit gezielten Nadelstichen wollen sie Angst und Schrecken verbreiten, nicht mehr nur in der Wüste zwischen Irak und Syrien, sondern auch entlang des Euphrat-Flusses im Gebiet der kurdischen Selbstverwaltung.

IS hat gefüllte Kriegskasse

Viele IS-Anhänger, die in kurdischen Gefängnissen oder Camps einsaßen, konnten fliehen oder wurden freigelassen, weil die Selbstverwaltung mit deren Versorgung hoffnungslos überfordert war. Sie fassen in der Region nun wieder Fuß. In einer Studie des Center for Global Policy in Washington heißt es, dass der IS bis in den April alle drei Tage einen Angriff gut vorbereitet durchführte, denn der IS habe einen großen Teil seiner Finanzen retten können: Hunderte Millionen Euro lägen noch in seiner Kriegskasse.

Damit lassen sich auch neue Rekruten anwerben, die wieder die Gesetze des "Islamischen Staates" durchsetzen wollen. Inhaber von Geschäften in kurdischen Städten beispielsweise werden dazu angehalten, keine Frauen einzustellen. Wer dagegen verstößt, muss mit einem Sprengstoffanschlag rechnen. So nimmt das Comeback der Terrormiliz in Syrien konkrete Formen an. 

Über dieses Thema berichtete das ARD-mittagsmagazin am 03. November 2020 um 13:00 Uhr.