Ein sogenanntes Lovemobil steht auf einem Parkplatz am südlichen Stadtrand von Hannover. | picture alliance / dpa
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Prostituierte in der Pandemie In Armut und Illegalität gedrängt

Stand: 09.02.2022 06:00 Uhr

Sexarbeit hat sich infolge der Corona-Pandemie verlagert: Prostituierte bieten ihre Dienste illegal an, wie SWR-Recherchen zeigen. Damit gehen die Frauen ein hohes Sicherheitsrisiko ein.

Von Sabine Harder und Edgar Verheyen, SWR

Wenn Bordellbetreiber John Heer die Pforten seines Clubs Messalina im Stuttgarter Rotlichtviertel öffnet, dann will er vor allem zeigen, dass er die Phase der Pandamie kreativ genutzt hat. Sein Club und seine Laufhäuser sind - wie alle in der Stadt - seit März 2020 geschlossen. Er hat seinen Laden renoviert. Im März hofft er wieder öffnen zu können. Aber ob das so kommt? Die Perspektive ist in vielerlei Hinsicht ungewiss. Er wisse derzeit ganz einfach nicht, so erzählt er, ob die Gäste wieder kämen und er sehe auch Probleme, dass ausreichend Frauen bei ihm wieder arbeiten wollten.

Wurde mit der Pandemie also auch die Prostitution faktisch abgeschafft? SWR-Recherchen belegen, dass sie sich vor allem verlagert hat - in einen illegalen Bereich. Allein in Stuttgart bieten täglich zwischen 300 und 500 Frauen online ihre Dienste an. Sie seien buchbar per Telefon, machten Hausbesuche oder empfingen Freier in ihrer Wohnung, geben sie an. Eine der Frauen ist Yarina aus Rumänien, 21 Jahre alt. Noch bis zum 16. März 2020 arbeitete sie als Prostituierte in einem Laufhaus, jetzt arbeitet sie von einer Wohnung in der Stuttgarter Innenstadt aus.

Miete erhöht, ohne Schutz

Da ihr Vermieter von ihrem Job wisse, habe er mal gleich die Miete erhöht, berichtet sie dem SWR. Sie zahle dafür jetzt 3000 Euro. Hinzu kämen Kosten für die Anzeigen in einschlägigen Portalen, für die sie nochmal 1400 Euro hinlegen müsste. Mehr als die Hälfte ihres Einkommens ginge so schon mal weg.

Sie sei nach der Pandemie zwar kurz wieder in Rumänien gewesen, habe sich jedoch bald entschlossen, den illegalen Weg der Wohnungsprostitution zu wählen. Sie brauche ganz einfach das Geld, denn sie unterstütze damit ihre Familie. Ohne ihr Einkommen käme die Eltern in Rumänien nicht über die Runden. Den Freiern sei sie natürlich mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert: "Manchmal kommen die Leute aggressiv in die Wohnung, sie beleidigen mich und ich kann nichts machen. Ich habe Angst, ich bin alleine."

Gewalt gegenüber Prostituierten nimmt zu

Wenige Wochen nach dem Interview wird Yarina von einem Freier in dessen Wohnung vergewaltigt und misshandelt, so erzählt ihr Anwalt. Sie habe die Polizei gerufen. Derzeit untersucht die Staatsanwaltschaft Ulm den Fall.

Offensichtlich hat Gewalt gegenüber Frauen im Milieu seit der Pandemie bundesweit zugenommen. Entsprechende Meldungen der Polizei häufen sich, es soll auch bereits zu Todesfällen gekommen sein. Auch Yarinas Anwalt, der Strafrechtler Stefan Holoch aus Stuttgart, beschreibt Gewaltdelikte gegenüber Prostituierten als beinahe alltäglich: "Seitdem im Zuge der Corona-Vorschriften die ganzen Puffs und Laufhäuser geschlossen wurden, hat sich die Prostitution zwangsläufig verlagert, und zwar in Risikobereiche, in denen Frauen eher schutzlos sind. Freier fühlen sich überlegen, werden übergriffig, erzwingen sexuelle Dienstleistungen, die vorher nicht abgesprochen waren und so kommt es immer wieder zu kritischen Situationen."

Viele Prostituierte sind auch obdachlos

Die Lage der Frauen im Milieu ist aber nicht nur in Stuttgart schwierig. Denn illegale Prostitution hat sich in beinahe allen deutschen Großstädten inzwischen etabliert. Sie findet auch in Bereichen statt, die weder im Internet noch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Die Mannheimer Sozialarbeiterin Julia Wege von der Prostituierten-Beratungsstelle Amalie e.V. berichtet, dass viele Frauen infolge der Pandemie obdachlos geworden seien und dennoch weiterhin dem Gewerbe nachgingen.

"Ich habe Frauen erlebt, die haben mir berichtet, dass sie im Auto schlafen. Eine war schwanger. Sie sagte, sie schlafe im Auto, sie wisse einfach nicht, wo sie schlafen soll und im Auto könne sie auch arbeiten", berichtet die Sozialarbeiterin. Das seien "Zustände, die wir uns eigentlich so gar nicht vorstellen können".

Eine der so betroffenen Frauen ist Maria, eine Bulgarin, Anfang 30. Tagsüber hält sie sich in einem Mannheimer Szenecafe auf, wartet darauf, von Freiern angesprochen zu werden. Ihre sexuellen Dienstleistungen erbringt sie in Hinterzimmern, im Auto, bei den Freiern zu Hause, so erzählt sie. Vor allem die Hygiene stellt sich für sie als Herausforderung dar. "Ich habe deshalb immer eine Wasserflasche dabei und mache mich damit auf irgendeiner Toilette sauber", sagt die Frau. Sie kenne auch Kolleginnen, die schliefen in der Bar. Auch an den Eigentümer des Cafés müsse sie etwas zahlen. Die genaue Summe wolle sie aber nicht sagen.

Gesetz schützt kaum

Die derzeitige verzweifelte Lage vieler Prostituierter zeigt: Das Prostituiertenschutzgesetz von 2002 schützt kaum. Sozialarbeiter sind sich mit vielen Beratungsstellen einig, dass jetzt wenigstens Ordnungsämter und kommunale Sozialbehörden die illegale Wohnungsprostitution besser kontrollieren müssten, um die Lage nicht noch weiter zu verschlimmern.

"Prostitution im Dunkeln - das verborgene Geschäft mit dem Sex" am 09. Februar ab 20.15 Uhr im SWR Fernsehen.