Das Türschild des Oberlandesgericht in Koblenz | Bildquelle: dpa

Prozess in Koblenz Assads Totengräber im Zeugenstand

Stand: 10.09.2020 19:01 Uhr

Im Verfahren wegen Staatsfolter in Syrien werden erstmals Details über die Beseitigung von Leichen aus den Geheimdienstgefängnissen bekannt. Die Aussagen sind erschreckend.

Von Tarek Khello und Tina Fuchs, SWR

Der Gestank. Tagelang habe er ihn mit sich getragen. Nicht in der Kleidung. Im Kopf. Unerträglich. Der Gestank von Leichen - Hunderten, manchmal Tausenden, täglich, die er zu den Massengräbern habe bringen müssen. Aber das ist es nicht, was ihn zusammenbrechen lässt, den Buchhalter der Toten aus den Geheimdienst-Gefängnissen von Damaskus.

Anonyme Aussage in Koblenz

Der Zeuge vor dem Oberlandesgericht in Koblenz sagt seinen Namen nicht. Zu brisant seine Aussagen, er fürchtet um seine Familie in Syrien, der Senat gewährt ihm die Anonymität, um "Leib, Leben und Freiheit" der Angehörigen zu schützen. Es ist der dreißigste Verhandlungstag in dem sogenannten Al-Khatib Verfahren, ein Prozess, der aus Sicht vieler Syrerinnen und  Syrer für sie die Bedeutung hat, wie die Auschwitz-Prozesse für Deutschland.

Im rheinland-pfälzischen Koblenz stehen zwei ehemalige Geheimdienstmitarbeiter des syrischen Regimes vor Gericht. Oberst Anwar R. muss sich als Leiter der Ermittlungsabteilung von Al-Khatib für Folter in 4000 Fällen, 58 Morde und einzelne Fälle sexueller Nötigung verantworten, Eyad A. soll dafür verantwortlich gewesen sein, friedlich Protestierende bei Demonstrationen gefangen genommen und in die Al-Khatib-Abteilung verbracht zu haben.

Erstmals wird durch die Aussage des Zeugen bekannt, was mit den Menschen in Syrien passiert, die in den Geheimdienstgefängnissen hunderttausendfach verschwinden - und nicht entkommen können, bis heute.

Als Bestatter rekrutiert

Der leicht bullige Mann, der seinen Aussagen zufolge als Zivilist beim Bestattungsamt in Damaskus arbeitete, erzählt, wie er 2011 von Geheimdienstoffizieren rekrutiert und angewiesen worden sein soll, eine Truppe von 10, 15 Männern zusammenzustellen. Mit ihnen habe er vier Mal die Woche Leichentransporte begleiten und an den Massengräbern abliefern müssen.

Dafür habe er einen Van vom Geheimdienst gestellt bekommen, ohne Nummernschild, vorne unten hinten geschmückt mit dem Portrait von Bashar al-Assad, dem syrischen Präsidenten. So seien sie ungehindert durch die Checkpoints gekommen. Im Konvoi: Ein, manchmal drei Tiefkühltransporter, mit 300, 500, 700 Leichen. Die Route: Von den Militär-Krankenhäusern Tishreen und in Harasta zu zwei großen Massengräbern, Al-Qutayfah im Norden und Najha im Süden von Damaskus.

Hunderte Leichen in Gräbern verscharrt

Was dann dort immer in den frühen Morgenstunden zwischen 4 und 5 Uhr geschehen sein soll, beschreibt der Zeuge, der sich hinter einer Mund-Nasen-Schutzmaske versteckt, so: Sobald der Kühltransporter angekommen sei, wären seine Männer hineingeklettert, hätten die Leichen gezogen und rausgehievt. Dann hätten sie die Leichen, durcheinander und ungeordnet, in einem der Gräben verscharrt - mit einem Bulldozer.

So ein Graben sei sechs Meter tief und 100 Meter lang. Es habe viele davon gegeben. Die erste Fuhre werde zugeschüttet, dann käme die nächste dran. Manchmal brauche es 50 Fuhren, bis dann so ein Graben voll sei. "Wir sprechen hier von einer sehr, sehr großen Fläche", übersetzt der Gerichtsdolmetscher.

Keine Namen, nur Nummern

Von 2011 bis 2017 sei das seine Tätigkeit gewesen, ununterbrochen. In seinem Büro beim Bestattungsamt hätte er dann mit einem Geheimdienstoffizier die Todeslisten geführt: Mit den Namen der Geheimdienstabteilungen, auch der Al-Khatib-Abteilung, die Leichen hingegen hätten keine Namen gehabt, nur Nummern. Deren Anzahl sei dann dokumentiert, das Register in einem Tresor verwahrt worden.

Der anonyme Zeuge will keine Pause, als er nach Folterspuren auf den Leichen gefragt wird. Wenn die Türen der Transporter geöffnet wurden, sei ein Gestank ausgeströmt, den man noch hundert Meter weit gerochen hätte. Er habe so weit wie möglich Abstand gehalten.

Leichen waren teilweise entstellt

Aber blaue Flecken, überall auf den nackten Leichnamen, die habe er gesehen, oder herausgerissene Zehen- und Fingernägel, bei einem Toten wäre der Penis abgeschnitten gewesen. Die Gesichter seien komplett entstellt gewesen, wie mit einer Säure überzogen - vielleicht, um sie unkenntlich zu machen.

Noch hält sich der Zeuge. Er spricht von der Angst und Alpträumen, die er seit dieser Tätigkeit hat. Er erzählt ohne Zögern. Nicht immer sind seine Aussagen konsistent und klar, manche Zahlen sind nicht nachvollziehbar. Aber wie er seine Tätigkeit beschreibt, lässt bei den Zuhörern im Gerichtssaal keine Zweifel aufkommen.    

Begräbnisorte nicht zugänglich

Die Orte der Massengräber seien gar nicht geheim, erklärt der syrische Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni. Alle Menschen wüssten davon - nur: Betreten dürfe sie niemand, außer den Geheimdienstleuten und ihren Helfern. Die beiden, von denen der anonyme Zeuge hier berichtet, seien bei weitem nicht die einzigen, aber die größten in der Region Damaskus.     

Und es sind jene, in denen auch Foltertote verscharrt worden sein sollen, aus dem Geheimdienstgefängnis Al-Khatib. Jener Abteilung mit der Nummer 251, für die die beiden Angeklagten gearbeitet haben sollen - und die sich dafür vor dem Gericht in Koblenz verantworten müssen. Aber es geht hier nicht nur um die Verbrechen, die den beiden angeklagten Geheimdienstmännern zur Last gelegt werden. Es geht um das große Bild.

"Gezielte Vernichtung einer politischen Gruppe"

Ugur Üngör vom Institut für Holocaust und Genocide Studies in Amsterdam erforscht seit dem Beginn der Revolution 2011 den Konflikt in Syrien.  Er spricht von einem politischen Genozid. "Wer seit 2011 in Syrien verhaftet wurde: Das waren Menschen, die politisch aktiv waren, die auf die Straße gegangen sind und protestiert haben", sagt er. "Sie wurden dafür verhaftet, gefoltert und getötet - ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet. Das ist keine ethnische Säuberung, oder ein religiöser Massenmord, wie zum Beispiel unter dem Islamischen Staat. Das ist die gezielte Vernichtung einer politischen Gruppe. Sie sind getötet worden, weil sie politisch aktiv waren."

Der Prozess in Koblenz ohne Bezug zu Deutschland, also ohne deutschen Tatort oder deutsche mutmaßliche Täter, ist nach dem Völkerrecht möglich, weil systematische Menschenrechtsverletzungen dargelegt werden können. Deshalb geht es hier nie nur um die Schuldfrage der beiden Angeklagten, sondern das verbrecherische System.

"Die Massengräber sind wichtig, um zu verstehen, wie die Mordmaschinerie von Assad funktioniert. Damit kann man wissen, welcher Geheimdienst verantwortlich ist. In den Massengräbern liegt die Wahrheit", sagt Üngör.

Seltene Beweise

Patrick Kroker, Völkerrechtsexperte beim Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte, vertritt als Nebenkläger mehrere Syrer in dem Koblenzer Verfahren. "Normalerweise ist es ja so, dass wir Zeugen hier hören, die berichten können, was ihnen selbst passiert ist oder ihren Angehörigen, die verschwunden sind", sagt er. "Aber ganz, ganz selten gibt es die Gelegenheit wirklich darüber berichten zu können, was mit den Leuten passiert, die nicht frei kommen. Und das sind sehr, sehr viele, wie wir heute gehört haben."

Es sei "unglaublich wichtig, dass es dazu Beweise gibt", sagt Kroker. "Da haben wir heute eben sehr eindrückliche und auch wirklich schockierende, ja schwer zu ertragende Details erfahren: was mit den Leuten passiert, die in den Gefängnissen inhaftiert sind und die es nicht raus schaffen, die nämlich einfach massenhaft getötet werden oder an den Folgen von Folterungen und Inhaftierungen sterben und dann in Massengräbern verscharrt werden."

Drei Stunden berichtet der anonyme Zeuge über die Massengräber vor den Toren der syrischen Hauptstadt Damaskus. Er braucht eine Pause, bricht aber nicht zusammen. Einmal kommt er doch an seine Grenze. Da erzählt er von der toten Frau, die er unter den Leichenbergen gesehen habe. Sie habe ihr totes Kind mit den Armen umschlungen. Das sei das fürchterlichste gewesen. Kurz danach bricht der Mann zusammen.

Über dieses Thema berichtete SWR1 Rheinland-Pfalz am 10. September 2020 um 16:00 Uhr.

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