Transporter mit der Aufschrift "Friedensfahrzeug" und "Peace"steht an einem Weinberg am  Rand des Hochwasser-Katastrophengebie | picture alliance/dpa
Exklusiv

Aufräumarbeiten Obskure "Helfer" in Hochwassergebieten

Stand: 20.07.2021 18:04 Uhr

Nach den verheerenden Unwettern ist die Hilfsbereitschaft groß. Doch eilen auch "Helfer" aus dem Umfeld der Querdenker- und Verschwörungsideologenszene herbei.

Von Eric Beres, Judith Brosel und Christian Saathoff, SWR

Er gilt als rechtsextrem und wurde bereits wegen Leugnung des Holocaust verurteilt: Nikolai N., der sich "Volkslehrer" nennt, war regelmäßiger Gast auf sogenannten Querdenker-Demonstrationen, wo er unter anderem die Existenz von Corona anzweifelte. Nun hat er offenbar ein neues Betätigungsfeld gefunden: Nach eigenen Angaben hat er Quartier an einer Grundschule in Bad Neuenahr-Ahrweiler bezogen und postet seitdem Videos aus dem Katastrophengebiet in seinem Social-Media-Kanal bei "Telegram", der mehr als 30.000 Abonnenten hat.

Eric Beres
Judith Brosel
Christian Saathoff

Dass Einsatzkräfte von Feuerwehr oder THW aktuell nicht überall sein können, kommt dem "Volkslehrer" offenbar gelegen: "Das ist großartig, weil wir damit endlich in die Selbstverantwortung kommen. Und zeigen können, dass wir diese ganzen BRD-Organisationen gar nicht brauchen," sagt er in einem der Videos.

Sozialpsychologin: Ideologen nutzen Trauer der Opfer

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty, die sich intensiv mit Verschwörungsideologien befasst und in Mainz promoviert hat, sieht in solchen Äußerungen einen "Flirt mit Reichsbürger-Narrativen". "Man inszeniert sich als der Gute, der wirklich da ist für die Menschen, und versucht das Thema für sich zu nutzen", sagte sie dem SWR. Letztlich gehe es darum, das bestehende System zu überwinden. Die Aktivitäten aus dieser Szene sieht sie mit Sorge: "Das ist eine gefährliche Melange. Frustration, Enttäuschung und Trauer der Menschen werden politisch aufgeladen für eigene Ziele."

Spendensammlung in Social-Media-Kanälen

Auch ein anderer bekannter Akteur aus der Querdenker-Szene läuft derzeit zur Hochform auf: Der Sinsheimer HNO-Arzt Bodo Schiffmann, ein Pandemie-Leugner, gegen den bereits wegen Volksverhetzung ermittelt wurde. Aktuell befindet er sich angeblich im Ausland und hat nach eigenen Angaben ein Spendenkonto "für Hochwasseropfer" eingerichtet. Rund eine halbe Million Euro sollen dort bereits eingezahlt worden sein.

Laut eigenen Aussagen koordiniert er Hilfsangebote und stellt dafür seinen Telegram-Kanal mit mehr als 140.000 Abonnenten zur Verfügung. Zwischendrin verbreitet er Posts mit Überschriften wie "Merkel wurde gewarnt und ließ über 150 Deutsche ertrinken". In einem Video, das er teilt, ist von "vorsätzlichem Staatsversagen" die Rede. Sozialpsychologin Lamberty sieht in solchen Äußerungen Ansätze von Verschwörungsideologien, die derzeit vielfach in Social-Media-Kanälen kursierten: "Es findet ein klares Framing statt, nämlich dass die Flutkatastrophe kein Zufall sein könne."

 

Für Aufregung sorgte auch der Verein "Eltern stehen auf", der von Beobachtern ebenfalls mit der Querdenker-Szene in Verbindung gebracht wird. Auf seiner Homepage spricht er in Zusammenhang mit Impfungen vom "Corona-Schuss" und machte bereits in der Vergangenheit gegen Corona-Masken mobil. Nun wollte der Verein nach eigenen Angaben in Bad Neuenahr-Ahrweiler für Flutopfer ein Familienzentrum mit 50 Therapeuten, Psychologen und Seelsorgern gründen. Doch das hat das rheinland-pfälzische Familienministerium inzwischen verhindert und sogar öffentlich davor gewarnt.

Auf SWR-Anfrage positioniert sich das Ministerium sehr klar: Man gehe davon aus, dass Kinder im Angebot eines solchen Vereins nicht gut aufgehoben seien. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme: "Trittbrettfahrer-Versuche aus der Querdenker-Szene, ihre Ideologie unter dem Deckmantel von 'Hilfsangeboten' zu verbreiten, sind in der Krise nicht weiterführend. Dass Personen, die den Gesundheitsschutz in einer Pandemie ablehnen, nun eine offizielle Rolle für die psychische und psychologische Versorgung von Kindern für sich reklamieren, musste deshalb sofort unterbunden werden."

Elternverein weist Frage zu Gesinnung zurück

Als die Entscheidung bekannt wurde, organisierte der Verein eine Diskussionsrunde im Internet - mit bekannten Akteuren der Querdenker-Szene. Auf SWR-Anfrage zur Zusammenarbeit mit Akteuren aus dieser Szene teilt "Eltern stehen auf" mit, es sei eine "Schamlosigkeit, eine etwaige politische Gesinnung der unbürokratisch und ad hoc Helfenden zum Thema" zu machen. Die Politik habe versagt und gehe "buchstäblich über Leichen". Das vom Verein geplante Hilfsangebot sei dringend nötig. Nach eigenen Angaben auf Social Media wollte der Verein zwischenzeitlich ebenfalls in besagter Grundschule in Bad Neuenahr-Ahrweiler eine "neue Location" einrichten.

Diese Grundschule soll zudem Anlaufpunkt für eine weitere Aktion sein: Für Dienstag hat die Gruppe "Honk für Hope", ein Zusammenschluss von Busfahrern, eine Fahrt von Berlin nach Bad Neuenahr-Ahrweiler angekündigt. Unterwegs eingesammelt werden sollen Helfer für eine "unpolitische, unbürokratische Unterstützung" der Hochwasseropfer. In der Vergangenheit war "Honk for hope" vor allem mit Fahrten zu Corona-Demos aufgefallen. Eine SWR-Anfrage zu der aktuellen Aktion ließ "Honk for hope" unbeantwortet.

Innenministerium: Gängiges Muster von Extremisten

Die zuständige Schulaufsicht, die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier (ADD), will sich zur Rolle der Grundschule nicht äußern und verweist auf das Innenministerium. Ein Sprecher des Ministeriums teilte dem SWR schriftlich mit, es sei ein "bekanntes und gängiges Muster", dass Rechtsextremisten akute Krisensituationen ausnutzen, indem sie sich als "Kümmerer vor Ort" ausgäben - mit dem eigentlichen Ziel, extremistisches oder verschwörungstheoretisches Gedankengut zu verbreiten. Der Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz werde die Aktivitäten im Blick behalten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. Juli 2021 um 22:15 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Moderation 21.07.2021 • 12:07 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir beschlossen, die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation