Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz nehmen in einem Fernsehstudio bei einer Diskussionsrunde teil. | dpa
Exklusiv

Analyse zum Wahlkampf Baerbock am häufigsten Ziel von Fake News

Stand: 06.09.2021 18:00 Uhr

Aktuelle Untersuchungen, die dem SWR vorliegen, zeigen: Baerbock ist im Wahlkampf am häufigsten von Kampagnen zur Desinformation betroffen. Einige Fake News werden dann auch von Zeitungen übernommen.

Von Marilina Görz y Moratalla, Marcel Kolvenbach und Nick Schader, SWR

Unter den Spitzenkandidatinnen und -kandidaten zur Bundestagswahl wird Annalena Baerbock mit Abstand am häufigsten Opfer von Desinformationskampagnen und Fake News. Das hat eine Untersuchung der Organisation Avaaz ergeben, die dem SWR vorab vorliegt.

Demnach wurden in der Zeit von Januar bis Ende August 2021 über keinen anderen Politiker oder keine andere Politikerin so viele Falschmeldungen verbreitet, wie über die Spitzenkandidatin der Grünen. Von Falschnachrichten zu Top 10 Politikerinnen und Politikern, die am häufigsten Ziel von Falschnachrichten wurden, betreffen 25 Prozent Annalena Baerbock. Dahinter folgen mit deutlichem Abstand Bundeskanzlerin Angela Merkel (13 Prozent) und CDU-Kandidat Armin Laschet (zehn Prozent).

Im Fokus: die Grünen und Baerbock

Exklusiv für die ARD-Dokumentation "Die geheimen Meinungsmacher. Wie wir im Wahlkampf manipuliert werden" haben die Datenanalysten von Pressrelations und Newsguard ebenfalls Falschmeldungen in unterschiedlichen Medien untersucht. Sie kommen darin zum gleichen Ergebnis wie Avaaz: Die große Mehrheit der Desinformationskampagnen richtet sich gezielt gegen Baerbock und die Grünen. Im Untersuchungszeitraum bis Mitte Juli habe man nur 14 Beiträge mit SPD-Bezug gefunden, so Florian Klaus vom Medienbeobachter Pressrelations. Bei CDU/CSU seien es 285 gewesen - aber mehr als 16.000 Beiträge zu den Grünen.

Die Experten von Avaaz werteten nach eigenen Angaben für ihre Analyse über mehrere Monate hinweg mehr als 800 Falschmeldungen aus, die unter anderem über Social-Media-Plattformen massiv verbreitet wurden. Dabei griffen sie auch auf die Ergebnisse der "Faktenprüfer" von AFP, dpa und CORRECTIV zurück, um den Wahrheitsgehalt von Meldungen zu überprüfen.

Baerbock und die "Haustier-Lüge"

Die Falschmeldungen über die drei Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl sind demnach sehr ungleich verteilt: Rund 70 Prozent betrafen Baerbock, etwa 30 Prozent Laschet - während über Olaf Scholz praktisch keine Falschmeldungen verbreitet wurden, so das Ergebnis der Untersuchung.

Die Organisation Avaaz sammelte auch zahlreiche Beispiele: So verbreitete sich das Gerücht, Baerbock wolle angeblich Haustiere verbieten lassen, unter anderem auf Facebook. Diese Falschmeldung schaffte es über die sozialen Medien dann sogar in seriöse Medien, wie zum Beispiel Tageszeitungen, obwohl die Geschichte nicht stimmte. Ebenso wie angebliche Nacktfotos der Spitzenkandidatin - die es nie gab.

Christoph Schott, Kampagnendirektor bei Avaaz: "Desinformation hat auch in Deutschland das Mainstream-Publikum erreicht. Die Bundesrepublik läuft Gefahr, in die Fußstapfen der USA zu treten, wo Trumps Tweets - ob wahr oder falsch - von den Mainstream-Medien weit verbreitet wurden."

Russland mischt kräftig mit

Offenbar spielen bei der Verbreitung von Falsch-Meldungen auch russische Medien eine wichtige Rolle. Die russische Plattform RT DE stand schon häufiger in der Kritik, Desinformationen zu verbreiten. Der Sender wird unter anderem vom Verfassungsschutz beobachtet. Laut der aktuellen Untersuchung werden Artikel von RT besonders häufig von rechten Gruppierungen und Querdenkern auf sozialen Plattformen geteilt. Der russische Sender erzeugte vor allem mit Berichten über Querdenker und Anti-Covid-Demos Millionen Klicks.

Auf Anfrage des SWR bestritt RT DE, dass man Falschnachrichten beispielsweise zu Corona-Themen über die eigenen Kanäle verbreite: "RT DE betreibt keinen Kampagnenjournalismus, sondern bleibt auf dem Boden der Tatsachen und präsentiert ein großes Spektrum an Sichtweisen, wie es alle Nachrichtenorganisationen tun sollten. Uns ist kein einziger Fall bekannt, in dem der Presserat RT DE öffentlich gerügt hat."*

Facebook in der Kritik

Die Experten von Avaaz kritisieren zudem, dass die Warnhinweise zu Fake News auf der Plattform Facebook in der Praxis nicht immer funktioniert. Avaaz konnte zahlreiche Beispiele sammeln, bei denen erwiesene Falschmeldungen auch ohne Warnhinweis von Facebook verbreitet wurden. Dafür genügte es zum Beispiel, wenn die Meldung oder das Foto nur leicht verändert wurden.

"Nachdem wir Facebook bereits in der Vergangenheit auf diese Missstände hingewiesen haben, erstaunt es doch sehr, dass dieses altbekannte Problem in der Zwischenzeit noch immer so weit verbreitet ist", sagt Christoph Schott von Avaaz, vor allem, da "von Facebook versichert wurde, die Bundestagswahl habe 'Top Priority'" - also höchste Priorität.

*Anmerkung der Redaktion: RT DE kann gar nicht vom Presserat gerügt werden.

Über die Desinformationskampagnen während des Wahlkampfes in Deutschland sendet DAS ERSTE am Montag, 6.9.2021 um 23.05 Uhr die Dokumentation "Die geheimen Meinungsmacher. Wie wir im Wahlkampf manipuliert werden".

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Moderation 07.09.2021 • 00:29 Uhr

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