Deutsche Modellflugzeugmotoren in Drohnen

Krieg im Jemen Drohnen mit deutschen Modellflugzeugmotoren

Stand: 23.09.2020 11:07 Uhr

Die Huthi-Rebellen setzen bei Luftangriffen im Jemen Drohnen ein, die mit Motoren für Modellflugzeuge aus Deutschland betrieben werden. SWR-Recherchen zeigen, wie die Motoren über Athen nach Teheran kamen.

3W-110i B2 - ein Kürzel, das für einen Zwei-Zylinder-Propellermotor für anspruchsvolle Modellflugzeuge steht. Für Modellflugzeuge, die zwei Meter lang und knapp 20 Kilo schwer sein können, die ferngesteuert Kunstflugfiguren drehen. Nun hat ein UN-Expertenteam herausgefunden, dass just diese Motoren in Jemen in todbringenden Waffen zum Einsatz kamen.

Am 17. September dieses Jahres tritt der saudische Oberst Turki Al Malki vor die Presse in seinem Heimatland und verkündet, dass wieder eine Drohne im Grenzgebiet zu Jemen von der Luftverteidigung abgefangen worden sei.  Drei Tage später schlägt ein ähnliches Fluggerät der Huthis in einem saudischen Dorf an der Grenze ein und verletzt fünf Menschen. Fast täglich sind auf den arabischen Fernsehkanälen Meldungen von Drohnenangriffen zu finden. Drohnen, die mit deutschen Motoren bestückt sind.

Jahrelanger Krieg

Seit mittlerweile fünf Jahren tobt der Krieg im Jemen. Seit immer mehr regionale und internationale Akteure mitmischen, ist kaum zu überblicken, wer gegen wen vorgeht. Im Zentrum des Konflikts stehen die Huthis, eine Schiitengruppe, die die von den Saudis und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAR) unterstützte offizielle Regierung nicht anerkennen will.

Während die von Saudi-Arabien und VAR geführte "arabische Koalition" militärisch vor allem vom Westen ausgestattet wird, unterstützt der Iran die Huthis und die mit ihnen verbündeten Milizen. Zum Beispiel mit Drohnen, die Hunderte Kilometer Reichweite haben und eine Bombenlast tragen können. Wie solche gefährlichen Waffen in den Jemen gelangen, hat die UN-Expertengruppe, die für den Sicherheitsrat die Sanktionen überwacht, in ihrem Bericht 2020 genau dargelegt.

2018 setzten die Huthis erstmals einen neuen Typ Drohne mit einem V-förmigen Leitwerk ein, genannt UAV-X (uncrewed aerial vehicle). Dieser Drohnentyp trägt eine Kamera zur Luftaufklärung - oder eine Bombenlast von 18 Kilo. Durch vorzeitig abgestürzte Modelle fanden die Experten heraus, dass der Propellermotor aus Deutschland stammt. Gebaut wurden sie von der 3W-Modellmotoren Weinhold GmbH, einem kleinen Unternehmen in Hanau, das schon seit den 1980er-Jahren vor allem Modellflugzeugmotoren baut. Fast 1300 Euro kostet der Motor, der knapp 12 PS Leistung bringt.

Über Athen nach Teheran

Zwar waren die Seriennummern der Motoren abgeschliffen, doch die Experten konnten sie rekonstruieren. Demnach stammten die Teile aus einer Bestellung, die 2015 beim Unternehmen 3W-International, dem Händler vom Hersteller 3W, eingegangen war. Im Juni 2015 orderte die griechische Firma Eurowings Aviation 42 Motoren mit einer Reichweite von 1200 bis 1500 Kilometern bei einer Geschwindigkeit von 200- 250 Km/h. Genug, um vom Huthi-Gebiet im Jemen die saudische Hauptstadt Riad oder die VAR-Kapitalen Abu Dhabi und Dubai zu erreichen. 

Den vorliegenden Unterlagen zufolge gehört Eurowings drei Teilhabern, die seit Jahren Geschäfte rund um die Hobby-Fliegerei abwickeln, die von Flugstunden bis zu Flugkarten alles anbieten. Modellflugzeugbau schien nicht ihr Schwerpunkt zu sein. Vom SWR telefonisch auf ihre Bestellung angesprochen, verweigerten sie eine Stellungnahme.

Deutsche Modellflugzeugmotoren in Drohnen
galerie

Eine der Drohnen, die von UN-Experten untersucht wurde.

Den Dokumenten zufolge lieferte 3W die Motoren am 22. Juni 2015 nach Athen an die Firma Eurowings Aviation, die sie zehn Tage später mit einem Flug von Turkish Airlines weiterbeförderte: An eine Firma in Teheran. Vom Iran aus, vermuten die Experten, gingen die Motoren nach Jemen, wo die UAV-X Drohnen von Hand zusammengebaut werden.

Dual-User-Güter

Damit verstieß der griechische Händler klar gegen die deutschen Bestimmungen für den Weiterverkauf solcher Dual-Use-Güter ins außereuropäische Ausland. Bei solchen Gütern, die sowohl zivil wie auch im militärisch verwendet werden können, erlegt die Bundesrepublik besondere Vorsichtsmaßnahmen auf. Dennoch versuchte Eurowings Aviation noch einmal, 3W-Motoren zu kaufen, erklärt Karsten Schudt, Geschäftsführer von 3W-International. "Im August 2015 waren wir um ein weiteres Angebot angefragt. Hinweise, dass die Motoren in den Iran weitergeliefert werden sollten, gab es selbstverständlich nicht. Auf Veranlassung des Bundesamtes für Verfassungsschutz wurde die Durchführung des Auftrages verhindert."

Warum der Verfassungsschutz alarmiert war, ist aus der Perspektive von Sicherheitsexperten offensichtlich: "Durch solche Drohnen ist die kritische Infrastruktur sehr gefährdet", erklärt Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. "Im Fall der Aramco-Anlagen haben wir gesehen, dass ein gezielter Schlag fünf Prozent der weltweiten Ölförderung außer Kraft setzen kann." Tatsächlich konnten durch einen Angriff im September 2019 die Huthis - nach eigenen Angaben - durch den Einsatz von 19 bis 25 Drohnen und Raketen die Aramco-Öraffinerien Abqaiq und Khurais in Saudi-Arabien erheblich beschädigen.

Iranisches Baukastensystem

Mittlerweile verfügen die Huthis und andere Gruppen wie die Hisbollah über verschiedenste Drohnenmodelle, die oft im Iran gefertigt oder von dort in Einzelteilen angeliefert werden. Jason G., der als verdeckter Agent in einem Golfstaat arbeitete und jetzt als Dienstleister für westliche Geheimdienste agiert, behauptet, dass die Finanzen dafür aus Katar stammen. Mittlerweile würde damit die Modernisierung der Drohnenflotte vorangetrieben, um ältere durch bessere chinesische Modelle zu ersetzen.

Dem UN-Expertenbericht zufolge stellen die Iraner einige ihrer Waffen nach einer Art Baukastenprinzip zusammen. Dabei kommen nicht nur deutsche Motoren zum Tragen, sondern auch holländische Treibstoffzünder, Schweizer Servomotoren, chinesische Steuerungseinheiten und Propellermotoren, deutsche Öldruckmesser, italienische Sensoren - für Drohnen, aber auch für auch Boden-Luft Raketen.

Bessere Kontrollen gefordert

Grünen-Politiker Nouripour fordert daher eine "echte Endverbleibskontrolle auch von Komponenten, nicht nur von den klassischen militärischen Gütern". Denn gerade die Drohnen-Entwicklung zeige, dass das viel zu wenig gemacht würde. "Dadurch betreiben wir unwillkürlich einen Technologie-Transfer, also Know-How Transfer, in Richtung Iran", meint Nouripour. Und in letzter Konsequenz bewirkt auch diese mangelnde Kontrolle, dass der Krieg im Jemen mit seinen vielen tausenden Opfern noch weiter gehen kann.

Über dieses Thema berichtete die Sendung Monitor am 04. April 2019 um 21:45 Uhr im Ersten.

Darstellung: