Aufbau einer Windkraftanlage bei Chemnitz | picture alliance / ZB
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Energiewende in Deutschland Der Windkraftausbau stockt massiv

Stand: 22.06.2021 14:38 Uhr

Der Ausbau der Windenergie in Deutschland ist 2020 teils dramatisch zurückgegangen. Genehmigungen für Windkraftanlagen erreichen in vielen Ländern einen Tiefststand. Kritiker lasten das vor allem der Bundesregierung an.

Von Nick Schader, SWR

Der Ausbau der Windenergie hat sich in Deutschland in vielen Ländern deutlich verlangsamt. Das hat eine Datenauswertung des SWR ergeben. Dafür wurden die Genehmigungen für Windräder in allen Bundesländern ausgewertet, die im Jahr 2020 der Bundesnetzagentur gemeldet wurden. Demnach wurde im Süden von Deutschland ein Tiefststand bei den Genehmigungen erreicht.

Drastischer Rückgang in mehreren Bundesländern

Im Vergleich zu vor fünf Jahren, ist die Zahl der Genehmigungen für Windkraftanlagen lediglich in Brandenburg konstant geblieben. In allen anderen Bundesländern gab es einen deutlichen Rückgang. Dieser fiel im Saarland, in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg am stärksten aus. Hier ging die Zahl der Genehmigungen seit 2015 um 75 bis 100 Prozent zurück. Im Saarland wurde 2020 kein einziges Windrad genehmigt - in Bayern lediglich drei. Auch in Sachsen (neun), Hessen (18) oder Baden-Württemberg (20) wurden nur sehr wenige Windräder im Jahr 2020 genehmigt. Einzig in Norddeutschland gab es im vergangenen Jahr einen leichten Aufwärtstrend.   

"Seit zwei bis drei Jahren sind die Ausbauzahlen beim Wind massiv in den Keller gegangen", kritisiert der Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer, zuständig für Wirtschaft und Energie bei den Grünen. Er kritisiert die Bundesregierung, keine Anreize zu schaffen - im Gegenteil. "Stattdessen werden neue Bremsklötze verabschiedet, wie beispielsweise größere Mindestabstände von Windenergieanlagen zur Wohnbebauung."

"Situation ist alarmierend" 

Das Staatsministerium für Umwelt in Sachsen teilt auf Anfrage mit, der "große Rückstand bei Solar- und Windenergie" sei für den "Wirtschaftsstandort Sachsen wirklich alarmierend." Ganz ähnlich das baden-württembergische Umweltministerium: "Mit dem aktuellen Ausbau der Windenergie im Land sind wir natürlich überhaupt nicht zufrieden." 

Schuld daran sei vor allem, dass neue Windkraftanlagen seit 2017 bundesweit ausgeschrieben werden müssten, das habe zum aktuellen Einbruch geführt. Denn in der Folge lieferten sich die Anbieter einen Preiskampf, bei dem etliche kleinere Unternehmen aus dem Markt gedrängt wurden. "Um die Energiewende hin zu erneuerbaren Quellen noch stärker voranzutreiben und Klimaneutralität im Land zu erreichen, brauchen wir noch viel mehr Windkraft", so das Umweltministerium in Stuttgart.

Rückgang um 40 Prozent

Deutschlandweit wurden 2020 rund 770 Windräder genehmigt - ein Rückgang von rund 40 Prozent gegenüber 2015. Zum Vergleich: In "guten" Windkraft-Jahren der vergangenen 20 Jahre wurden jeweils zwischen 1500 und 2000 Windräder bundesweit genehmigt. In Bayern waren es zum Teil mehr als 150 pro Jahr - 2020 waren es nur noch drei. Auch in Baden-Württemberg, Hessen oder Thüringen gingen die Genehmigungen um 70 bis 90 Prozent im Vergleich zu "guten" Jahren zurück. 

Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium sieht keinen Grund zur Kritik: "Der Erneuerbaren Ausbau in Deutschland schreitet weiter voran." Mit dem aktuellen "Erneuerbaren Energien Gesetz" habe man "ein klares Zukunftssignal für mehr Klimaschutz und mehr Erneuerbare Energie" gesetzt. Zubau und Genehmigungen lägen aber in der Tat noch hinter den Erwartungen. "Ein Grund sind vor allem Klageprozesse, vor allem auch im Bereich des Arten- und Naturschutzrechts, für das das Bundesumweltministerium federführend zuständig ist."

“Bundesregierung hat Windkraft ausgebremst”

Experten aus der Windbranche kritisieren vor allem die erschwerten Genehmigungsverfahren. Der größte Fehler der Bundesregierung sei gewesen, eine "Ausschreibungspflicht" für neue Windkraftanlagen einzuführen, sagt Energieexperte Ingo Stuckmann vom "Zero Emission Think Tank", der auch für "Parents for Future" aktiv ist und Energieanlagen plant und analysiert. 

Durch falsche, politische Entscheidungen, wie Ausschreibungspflicht und Abstandsregeln, sei "die Windbranche um 90 Prozent eingebrochen und 50.000 Arbeitsplätze seit 2017 verloren gegangen", kritisiert Stuckmann. Um die Klimaziele zu erreichen, brauche man "etwa 2000 neue Windräder pro Jahr, wie wir es vor der Ausschreibung schon hatten." Die verschiedenen Ministerien hätten ihre Hausaufgaben nicht gemacht, ergänzt Krischer von den Grünen: "Von den vereinbarten 18-Punkten aus dem Oktober 2019 zur Rettung der Windkraft, sind die wenigsten umfassend umgesetzt."

Auf Anfrage teilte der Bundesverband WindEnergie (BWE) mit, man fordere "die Bereitstellung von zwei Prozent der Fläche jedes Bundeslandes für die Windenergie." Man sehe zwar in einigen Bundesländern eine "Trendumkehr" bei den Genehmigungen, aber "wir warten immer noch händeringend auf politische Flankierung, um den Ausbau der Windenergie entsprechend des steigenden Strombedarfs und der vorliegenden Klimaziele der Bundesregierung stärker vorantreiben zu können," sagt BWE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm.

Vier Jahre harte Auseinandersetzung

Die einzigen drei Windräder, die in Bayern 2020 genehmigt wurden, haben einen langen Weg hinter sich. Sie waren bereits 2016 von einer lokalen Bürgerenergie-Genossenschaft beantragt worden. Für das Bürgerwindparkprojekt folgte eine mehrjährige Auseinandersetzung um Genehmigungen und Gutachten mit den zuständigen Behörden. Nachdem die Kreisbehörde unter einem 2020 neu gewählten Landrat die Genehmigung jetzt erteilt hat, hat ein Verein, der bundesweit gegen Windräder kämpft, Klage gegen die Genehmigung eingereicht. In Norddeutschland liegen zwischen Antrag und Baubeginn oft nur wenige Monate.

"Unsere zusätzlichen Kosten für Bauanträge, Gutachten und einen (gewonnenen) Bürgerentscheid belaufen sich auf 150.000 Euro bis 300.000 Euro", erklärt ein Sprecher des Bürgerwindparkprojektes. "Wir machen das aus Überzeugung - deshalb haben wir so sehr dafür gekämpft. Ein gewinnorientiertes Unternehmen hätte schon längst aufgegeben bzw. erst gar nicht begonnen."

Das bayerische Staatsministerium für Energie beantwortete die Frage, ob man mit der Entwicklung zufrieden sei, nicht. Die Windkraft habe zwar eine "große Bedeutung" für den Klimaschutz. Wichtig sei allerdings, stets die Bürgerinnen und Bürger vor Ort mitzunehmen. "Denn eine dezentrale Energiewende über die Köpfe der Menschen hinweg wird nicht gelingen", heißt es.