Kämpfer der Miliz Haya Tahrir al Sahm in Nordsyrien (Archivbild) | Bildquelle: AP

Syrische Rebellenhochburg Rund 60 deutsche Islamisten in Idlib

Stand: 09.02.2020 05:03 Uhr

In der letzten syrischen Rebellenhochburg in Idlib versuchen Al-Kaida nahestehende Milizen den Vormarsch des Assad-Regimes zu stoppen. Nach Informationen des SWR gehören ihnen mehr als 60 Islamisten aus Deutschland an.

Von Eric Beres, SWR und Daniel Hechler, ARD Studio Kairo

"Die Stimmung ist natürlich nicht die, wie wenn man Siege einfährt. Aber die Menschen sind optimistisch. Wo ich sie antreffe und mit ihnen rede, zeigt sich die Gewissheit, dass die Lage sich bessern wird und die verlorenen Gebiete zurückerobert werden." Der Mann, der sich "Abu Fatima" nennt, übt sich in Zweckoptimismus. Wer ihn als Journalist über seinen Chat-Kanal der Plattform Telegram anschreibt, dem antwortet er in bestem Deutsch. Er sei mitten im Kriegsgebiet in Syrien, schreibt "Abu Fatima" - dort wo Kampfjets wahllos "in die Dörfer und Städte bomben".

Seit Wochen kämpft sich das Militär des syrischen Machthabers Assad mit russischer Unterstützung in die syrischen Rebellengebiete rund um Idlib vor. Gegenwehr gibt es kaum. In seinen Telegram-Propagandakanal, in dem er Glaubensbrüder in Deutschland ganz offen vom "Dschihad" in "Schaam" (Großsyrien) berichtet, zeigt sich "Abu Fatima" denn auch weniger optimistisch: "Wegen der aktuellen Lage werde ich keine Zeit mehr für den Kanal haben. Der große Krieg hat begonnen, es geht um alles."

"Hier lernte ich das Kämpfen"

Nach Informationen des SWR sind es mehr als 60 Islamisten aus Deutschland, die im Raum Idlib für dschihadistische Gruppen kämpfen. Während die Terrormiliz "Islamischer Staat" im Norden und Osten Syriens militärisch längst als geschlagen gilt und deren Kämpfer größtenteils in kurdischer Haft sitzen, träumen sie im Nordwesten Syriens weiter vom Sieg gegen Assad und der Etablierung einer islamistischen Ordnung. Das Sagen dort haben neben der Al-Kaida nahen Gruppe "Hayat Tahrir Al-Sham" (HTS) islamistische Gruppen wie "Hurras-ad-Din" (Die Wächter des Glaubens) oder "Junud Al-Shaam" (Die Soldaten Großsyriens).

Unter den Islamisten aus Deutschland sind offenbar auch "alte Bekannte" der deutschen Sicherheitsbehörden. Nach SWR-Informationen gehört dazu Tolga D. Er stammt aus dem Umfeld der "Sauerland-Gruppe", die 2007 wegen Vorbereitung eines Sprengstoffattentats aufflog. Tolga D. soll damals den Mitverschwörer und später verurteilten Fritz G. in die salafistisch-islamistische Szene eingeführt haben. Er selbst wollte sich damals angeblich in Pakistan der Al-Kaida anschließen. In Idlib hat er nun offenbar seine Bestimmung gefunden.

Und für wen ist „Abu Fatima“ in den Dschihad gezogen? Darüber will er sich gegenüber Journalisten nicht äußern. In einem privaten Chat vom Dezember, der dem SWR zugespielt wurde, ist er hingegen gesprächiger: Hier berichtet er ganz offen, dass er Mitglied von HTS war, mit der er auch heute noch zusammenarbeite. In Deutschland sei er zwar bei der Bundeswehr gewesen, aber: "Hier lernte ich das Kämpfen."

Screenshot aus Propagandavideo
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Das Graben des Tunnels wird in einem Propagandavideo gezeigt.

"Abu Khalid al-Almani" hat sich der Gruppe "Junud Al-Schaam" angeschlossen, ist nach eigenen Angaben fast 30 Jahre alt. Eines seiner Propagandavideos, das er vor wenigen Tagen gepostet hat, zeigt ihn angeblich in der Nähe der Stadt Chan Schaichun. Gefilmt wird er beim Graben eines Tunnels, der Kämpfern Schutz vor Luftangriffen bieten soll. Vermummt ruft er zu Spenden auf: "Meine Brüder, wenn Ihr helfen könnt, das wäre sehr gut. Auch wenn du in Deutschland bist, ist das als wenn du gegraben hättest, also ob du Dschihad machst."

Spenden per Bitcoins und "Western-Union"

Mit dem Spendensammeln scheint "Abu Khalid" bestens vertraut. In einer Sprachnachricht, die dem SWR zugespielt wurde, gibt er eine detaillierte Anleitung, wie man von Deutschland aus Geld nach Syrien transferieren soll. Entweder schicke man Geld per "Western Union" über eine Kontaktperson in Istanbul. Oder man zahle Geld an einem Bitcoin-Automaten in Deutschland ein - also an einem Automaten, der echtes Geld in so genannte Kryptowährung umtauscht. Diese Währung wird häufig für kriminelle Geschäfte im Internet verwendet.

Das virtuelle Geld, schildert "Abu Khalid" werde zunächst nach London geschickt: "Dort wird mir das von einem Bruder abgehoben und mir persönlich geschickt (…) Das ist inshallah safe und anonym", sagt er. Als sein Gesprächspartner ihm kurz vor Abbruch des Chats 135 Euro anbietet, hebt Abu Khalid den Emoji-Daumen. Im Dschihad-Gebiet Idlib scheint jeder Cent zu zählen.

Deutsche Behörden wissen um Spenden

Deutsche Sicherheitsbehörden haben diese Spendenpraxis nach eigenen Angaben auf dem Schirm. So schreibt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) auf SWR-Anfrage: "Dem BfV liegen Erkenntnisse zu deutschsprachigen "al-Qaida"-nahen Online-Akteuren vor, die regelmäßig zur Ausreise nach Syrien und zur Unterstützung des Jihad aufrufen. Wer nicht selbst ausreisen kann, wird dazu angehalten, den Jihad finanziell zu unterstützen."

Laut Bundeskriminalamt (BKA) sei allerdings oft nicht erkennbar, "ob die akquirierten Spenden ausschließlich zur Terrorismusfinanzierung dienen oder für andere (z.B. humanitäre) Zwecke aufgewendet werden". Das Thema Kryptowährungen im Kontext Terrorismusfinanzierung beobachte man "seit längerer Zeit intensiv".

Gefahr durch Rückkehrer?

Bleibt die Frage, ob Idlib-Kämpfer auch in Deutschland zu einer Gefahr werden könnten, sollten sie jemals dorthin zurückkehren. Auf Nachfrage sieht das BKA derzeit zwar "keine Änderung der für die Bundesrepublik Deutschland gültigen Gefährdungslageeinschätzung". Es bestehe aber "grundsätzlich ein Gefahrenpotential bei Rückkehrern, die sich in Konfliktregionen radikalisiert, eine terroristische Ausbildung erhalten oder an Kampfhandlungen teilgenommen haben."

Zumindest was das angeht, gibt sich "Abu Fatima" allerdings gelassen: Von den Deutschen, schriebt er, ziehe keiner "in Betracht nach Deutschland zurückzukehren."

Über dieses Thema berichtet das Erste im Weltspiegel am 09. Februar 2020 um 19:20 Uhr.

Korrespondent

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Eric Beres, SWR

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