Flugzeuge der Turkish Airlines auf dem Flughafen Istanbul Atatürk (IST) in der Türkei. | Bildquelle: picture alliance / Markus Mainka

Touristen in der Corona-Krise Von der Botschaft im Stich gelassen?

Stand: 14.04.2020 16:04 Uhr

Noch immer sitzen Hunderte Menschen aus Deutschland in Pakistan und der Türkei fest. Sie haben kaum noch Hoffnung, vor dem Ende der Covid-19 Maßnahmen zurückzukehren. Das Auswärtige Amt gibt sich in der Notsituation zögerlich.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Über das Oster-Wochenende haben Dutzende Hilferufe von Familien den SWR erreicht, die es bisher nicht geschafft haben, Pakistan zu verlassen. Die Regierung in Islamabad hatte als Reaktion auf die Covid-19-Epidemie am 21. März den regulären Flugverkehr ausgesetzt. Betroffen sind neben kleinen Kindern auch alte Menschen und Personen mit Vorerkrankungen.

Nach Berichten des Auswärtigen Amtes wurden für 625 Reisende, die in Pakistan von der Corona-Krise überrascht worden waren, bisher zwei Rückholflüge organisiert - am 31. März und am 4. April. "Vorrangig berücksichtigt wurden vor allem Touristen und spezifisch Covid-19-Gefährdete, also Personen mit medizinischen Vorerkrankungen und ältere Mitbürger", war am 10. April auf der Seite der Botschaft in Islamabad zu lesen. Weitere Flüge seien derzeit nicht geplant.

300 Menschen sitzen in Pakistan fest

Dabei hätte nach Aussagen von Betroffenen, die sich rechtzeitig auf der Website der Botschaft und bei der "Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland" (ELEFAND) registriert hatten, der deutschen Botschaft von Anfang an klar sein müssen, dass es mehr als 800 Personen gab, die nach Deutschland zurückkehren wollten.

In einer Online-Petition der in Pakistan gestrandeten Personen heißt es, dass immer noch rund 300 Menschen aus Deutschland in Pakistan festsitzen. "Viele dieser Personen haben ernste gesundheitliche Leiden wie diverse kardiologische Krankheitsbilder, Bluthochdruck, Diabetes, Asthma, oder Stoffwechselerkrankungen" erklärt die Koordinatorin der Petition, die Frankfurter Autorin und Netzaktivistin Ayesha Khan.

Sie berichtet auch, dass die Personen mit denen sie gesprochen hat, vergeblich versuchten, mit der Botschaft in Islamabad oder dem Auswärtigen Amt Kontakt aufzunehmen, um einen Platz in einem der beiden Rückflüge zu bekommen. Einige Betroffene hätten parallel teure Flüge über Quatar Airways gebucht, doch diese seien kurzfristig von der Airline gestrichen worden.

Rückholaktion am Flughafen von Islamabad (Archivbild vom 4. April 2020) | Bildquelle: German Embassy Islamabad
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Am 31. März und 4. April wurden 625 Deutsche aus Pakistan ausgeflogen, die in dem Land festsaßen. In den Hallen bildeten sich lange Schlangen.

Ticketbuchung unmöglich

Über einen weiteren Flug nach Europa erfuhren die Menschen unter anderem über soziale Medien. Botschafter Bernhard Schlagheck twitterte am 8. April, dass die dänische Botschaft am 10. April einen Flug mit einer Maschine der Pakistan International Airlines (PIA) von Islamabad nach Kopenhagen organisiere. "Ein Teil der Tickets ist frei verkäuflich in PIA-Ticketverkaufsstellen erhältlich. First come first served" - so heißt es am Ende lapidar.

Berhard Schlagheck, der deutsche Botschafter in Islamabad, war bisher für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Gegenüber dem SWR erklärten Betroffene, dass die Buchung so eines PIA-Tickets aufgrund der Ausgangssperre in der Praxis nahezu unmöglich sei. Einem Pärchen sei eine Buchung für einen anderen PIA-Flug nach Kopenhagen für 1700 Euro zunächst gelungen, via SMS hätten sie dann zunächst von der Verschiebung und dann kurz vor Abflug von der Absage des Fluges erfahren.

Ein erstes Todesopfer

Unterdessen sei es zu einem ersten Todesfall unter den Reisenden gekommen: Ein 61-Jähriger aus Offenbach sei aufgrund des Stresses angesichts der angespannten Situation vor Ort an Herzversagen gestorben.

Die Menschen sind verzweifelt, weil sie den Eindruck haben, die Botschaft wolle die verbleibende Zeit aussitzen, bis der reguläre Flugverkehr wieder aufgenommen wird. Dabei sei es völlig offen, wann es dann wieder Flüge nach Deutschland geben könnte.

Aufforderung an das Außenministerium

Auch in der Türkei sollen noch immer Hunderte Reisende aus Deutschland gestrandet sein. Hier berichten die Betroffenen, dass sie wegen der Ausgangssperren es nicht zu den Flughäfen geschafft hätten.

Memet Kilic, der Vorsitzende des Bundesintegrationsrates, wies gegenüber dem SWR darauf hin, dass es sich unter den Gestrandeten nicht nur deutsche Touristen, sondern auch viele Deutsche mit türkischen Wurzeln oder türkische Staatsangehörige befänden, die auf Dauer in Deutschland lebten. Sie seien für eine Hochzeit oder einen Todesfall angereist. "Diese Menschen sind Teil unseres Landes, sie sind hier zuhause", betont er. "Deshalb fordern wir das Ministerium auf, die Rückholaktion auf alle Menschen auszuweiten, die im Ausland festsitzen und ihren rechtmäßigen, dauerhaften Aufenthalt in Deutschland haben."

"Auch Bemühung für EU-Ausländer"

"Das Rückholprogramm richtet sich an deutsche Staatsangehörige und ihre Familienangehörigen in besonders von Reiseeinschränkungen betroffenen Regionen", erklärte das Auswärtige Amt gegenüber dem SWR. Es gebe jedoch Bemühungen, im Rahmen der Kapazitäten auch für EU-Ausländer und Inhaber eines Aufenthaltstitels mit ständigem Wohnsitz in Deutschland Lösungen zu finden. Auf den vom Auswärtigen Amt direkt organisierten Flügen seien nach vorläufigen Zahlen auch 5000 EU- Staatsangehörige sowie 1000 Drittstaater.

Konkret zu der Situation der in der Türkei gestrandeten Personen heißt es: "Seit Bestehen der weltweiten Reisewarnung ist es den allermeisten deutschen Reisenden aus der Türkei bereits gelungen zurück zu reisen."

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