Ein Mann hat die Aufforderung eine Maske zu tragen in mehreren Sprachen auf den Boden der Berliner Karl-Marx-Straße gesprüht. | Bildquelle: dpa

Fehlende Corona-Infos Wer sagt's den Migranten?

Stand: 18.12.2020 15:48 Uhr

Zur Bekämpfung der Pandemie kommt es auf alle an. Doch wo finden Menschen mit fehlenden Deutschkenntnissen aktuelle Informationen zur Corona-Krise? SWR und Correctiv haben festgestellt: Es herrscht Nachholbedarf.

Von Judith Brosel, SWR

Wozu es führt, wenn Eltern die aktuellen Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise nicht verstehen, hat Schulleiter Dirk Lederle in diesem Jahr immer wieder erlebt. Als die Eltern nach den Sommerferien in einer Erklärung mitteilen sollten, ob ihre Kinder in den vergangenen Tagen in einem Risikogebiet waren, wandte sich beispielsweise ein Vater an die Schule, um zu erfragen, was ein Risikogebiet sei.

"Dann versuchen Sie mit Google-Übersetzer und Weltkarte zu erklären, was ein Risikogebiet ist und herauszufinden, wo die Familie im Urlaub war." Das Ende des Gesprächs: "Wir haben dann festgestellt, dass die Familie in der Schweiz und damit einem Risikogebiet war und die Kinder demzufolge vorerst nicht zur Schule kommen dürfen. Allerdings saßen sie zu diesem Zeitpunkt schon im Unterricht", erinnert sich Lederle.

Schulleiter fordert mehr Unterstützung

Bei den Corona-Maßnahmen gehe es ja teilweise um sehr technische Dinge, die auch wir Muttersprachler manchmal nur schwer verstehen, meint Lederle, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg ist. Er fordert daher vom baden-württembergischen Kultusministerium die Übersetzung zentraler Unterlagen in alle wichtigen Sprachen, bestenfalls mit Erklärungen. Bislang habe er seinen Aussagen zufolge meist nur die Sprachen Englisch oder Französisch zur Verfügung - damit komme er im Alltag nicht weit. In seinem Fall seien unter anderem Arabisch Türkisch, Kroatisch und Serbisch wichtig.

Warum den Schulen solche Unterlagen gerade jetzt in der Corona-Krise nicht zur Verfügung gestellt würden, lässt das baden-württembergische Kultusministerium auf Nachfrage unbeantwortet. Eine Sprecherin verweist auf das von den Eltern im Herbst auszufüllende Formular zu den Risikogebieten, das auf der Seite des Ministeriums neben den Sprachen Englisch und Französisch auch auf Arabisch und Türkisch hätte abgerufen werden können. Mehr Beispiele nennt die Sprecherin nicht.

Webpräsenz des Sozialministeriums Baden-Württemberg
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In Baden-Württemberg waren die fremdsprachigen Online-Informationen zur Corona-Pandemie zeitweise veraltet.

Überholte Informationen

Fehlende Übersetzungen aktueller Corona-Maßnahmen sind jedoch nicht nur ein Problem an Schulen, zeigt eine gemeinsame Recherche von SWR und dem Recherchezentrum Correctiv. In einer umfangreichen Untersuchung haben sie zahlreiche online verfügbaren Informationsangebote der Bundesländer für Menschen mit fehlenden Deutschkenntnissen untersucht und bei den zuständigen Ministerien weitere Informationsangebote abgefragt. Ein Ergebnis: Gerade bei der Kommunikation aktuell verabschiedeter Maßnahmen herrscht in vielen Ländern, aber auch auf Bundesebene, deutlicher Nachholbedarf.

So war auf der Seite der Integrationsbeauftragten des Bundes noch bis Donnerstag unter der Überschrift "Update für Dezember 2020" in sämtliche Sprachen übersetzt veraltete Informationen zu lesen - mit dem Hinweis, diese würden "laufend erweitert und aktualisiert".

Von Schulschließung aus arabischen Medien erfahren

Die Donnerstagmorgen von SWR und Correctiv gestellte Anfrage, warum die auf der Seite zur Verfügung gestellten Informationen über mehrere Tage nicht überarbeitet wurden, beantwortet ein Sprecher mit dem Hinweis, Bund und Länder arbeiteten "selbstverständlich jeden Tag mit Hochdruck daran, alle Informationen und Regelungen zur Corona-Pandemie schnell und zuverlässig der Bevölkerung in Deutschland bereitzustellen, auch für diejenigen, die noch nicht gut Deutsch sprechen." Die Integrationsbeauftragte habe auf Twitter und Instagram am Dienstag und Mittwoch in mehreren Sprachen auf die neuen Regelungen hingewiesen. Am Donnerstagnachmittag sind die Angaben auf der Seite dann auf dem neuesten Stand.

Corona-Hinweis in mehreren Sprachen (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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In welchen Sprachen Informationen angeboten werden, ist oft dem Zufall überlassen.

Das Problem: Sind die Informationen zu beschlossenen Maßnahmen dort überholt, haben Menschen mit fehlenden Deutschkenntnissen oft keine Möglichkeit, an offizielle Informationen zu Regelungen in einer für sie verständlichen Sprache zu kommen. Denn nur wenige Länder bieten hierzu eigene Informationen an. So erzählt am Dienstag die Teilnehmerin eines Kurses des Mainzer "Instituts zur Förderung von Bildung und Integration", sie habe über die neu beschlossenen Maßnahmen in Deutschland aus dem arabischen Radio erfahren.

Aufklärungsarbeit der Länder

Selbst verifizieren konnte sie die Informationen bis Mittwoch nicht, dann aktualisierte Rheinland-Pfalz, das als eines der eher wenigen Länder auch einen eigenen stichpunktartigen Überblick über im Land geltende Corona-Maßnahmen in mehreren Sprachen anbietet, seine Übersetzungen.

Institutsleiterin Peimaneh Nemazi-Lofink beklagt, dass sich Menschen mit wenigen Deutschkenntnissen die Informationen selbst zusammensuchen müssen - und das in Zeiten, in denen sich die Regelungen häufig änderten. "Die bekommen ein bisschen was von uns, ein bisschen was von den Kindern aus der Schule, ein bisschen was über ausländische Medien." Das führe zu großer Unsicherheit.

Kein Hinweis auf Ausgangsbeschränkungen

Hinzu kommt, dass neben den bundesweiten Regelungen jedes Land eine eigene Verordnung hat, die nicht auf der Seite der Integrationsbeauftragten übersetzt wird.

Das Sozialministerium Baden-Württemberg erklärt beispielsweise auf Anfrage von SWR und Correctiv, man habe für seine fremdsprachigen Informationsangebote bisher 170.000 Euro ausgegeben. Trotzdem findet sich in dieser Woche auf dessen Homepage zunächst nur eine veraltete Zusammenfassung der Maßnahmen in sieben Sprachen. Ein Referent des zuständigen Sozialministeriums erklärt auf Nachfrage, man habe diese nun aus dem Netz genommen und warte auf die neueste Übersetzung.

Das Warten führt jedoch dazu, dass auf der Seite des Ministeriums bis Donnerstagnachmittag nirgends fremdsprachige Informationen zu den in Baden-Württemberg seit Samstag geltenden Ausgangsbeschränkungen zu finden waren. Nach telefonischer Nachfrage durch SWR und Correctiv reagierte das Ministerium und stellte eine Pressemitteilung mit den wichtigsten beschlossenen Neuregelungen auf Englisch und Französisch online.

Corona-Hinweis in mehreren Sprachen (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Oft gibt es zusätzliche Informationen zu der Pandemie nur auf Englisch oder Französisch.

Vielfältige Angebote in Berlin

Die Recherche zeigt: Die Länder nehmen ihre Verantwortung, Menschen mit fehlenden Deutschkenntnissen in der Krise mitzunehmen, sehr unterschiedlich wahr - das wird sowohl über die finanziell aufgewendeten Mittel als auch die Form und Anzahl der Informationsangebote deutlich.

Während die einen Länder nur auf die mehrsprachigen Informationen der Bundesintegrationsbeauftragten verweisen oder überhaupt keine Hilfestellungen anbieten, platzieren Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg ihre vorhandenen eigenen mehrsprachigen Informationen teils sehr versteckt.

Besonders bemüht in der der Aufklärung zeigt sich den Recherchen zufolge unter anderem Berlin, das auf seiner Seite auch fremdsprachige Nutzer sehr umfassend und übersichtlich über neueste Entwicklungen informiert. Die Senatsverwaltungen ließen zudem mit englischen Untertiteln versehene Videos für Risikogruppen produzieren, nutzen eigenen Angaben zufolge fremdsprachige Medien und Social Media aktiv zur Aufklärung oder bieten auf der Seite des Senats einen Chatbot namens "Bobbi" an, der Fragen zur Pandemie in acht Sprachen beantworten soll.

Nur wenige Bundesländer haben auf Anfrage von SWR und Correctiv die Frage nach den für die zur Verfügung gestellten fremdsprachigen Informationen aufgewendeten finanziellen Mitteln beantwortet - in Berlin lag das mitgeteilte Budget mit zusammengefasst fast 300.000 Euro jedoch mit Abstand am höchsten.

Aufklärung als zentrale Säule

Wozu mangelnde Aufklärung führen kann, erlebt auch Mara Hasenjürgen vom Flüchtlingsrat Brandenburg regelmäßig. Sie fordert eine flächendeckende Aufklärungsoffensive für Menschen mit wenigen Deutschkenntnissen. Viele Nachfragen beim Verein zeigten ihr, dass zahlreiche geflüchtete Menschen von den mehrsprachigen Angeboten, die es immerhin gebe, überhaupt nichts wüssten. Über ihren Verein mache sie zudem die Erfahrung, dass Menschen mit wenigen Deutschkenntnissen sich mit sehr grundlegenden Fragen an den Verein wendeten, zum Beispiel wie gefährlich das Virus sei und wie man sich schützen könne.

Dieser Beitrag ist eine Kooperation des Recherchezentrums Correctiv mit dem SWR.

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