Ein Audi Q5 steht in der Produktion | dpa
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Abgasskandal Manipulation auch bei Audi-Benziner?

Stand: 19.08.2020 05:03 Uhr

Nach Funden bei diversen Diesel-Modellen mehren sich nun auch bei einem Audi mit Benzin-Motor Indizien für eine illegale Abschalteinrichtung. Interne VW-Unterlagen erhärten den Verdacht.

Von Nick Schader, SWR

Recherchen des SWR legen den Verdacht nahe, dass auch Benzinmotoren vom Abgasskandal betroffen sein könnten. Dem SWR liegt exklusiv ein aktuelles Gerichtsgutachten vor, das für einen Audi Q5 TFSI 2.0 (Euro 6), Baujahr 2015, angefertigt wurde. Hintergrund ist eine Klage gegen Audi vor dem Landgericht Offenburg.

 Lenkradeinschlag verändert Abgaswerte

Um zu klären, ob bei dem Fahrzeug eine sogenannte "Abschalteinrichtung" vorliegt, wurden bei dem Audi Q5 mehrere Abgastests durch einen unabhängigen Gerichtsgutachter durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Abgaswerte deutlich veränderten, wenn vor dem Test das Lenkrad eingeschlagen wurde.

Der Verdacht: Wenn sich die Reifen eines Fahrzeugs drehen wie auf einem Rollenprüfstand, aber das Lenkrad nicht bewegt wird, geht das Fahrzeug davon aus, dass es gerade einem Abgastest unterzogen wird. Dann schaltet die manipulierte Motorsteuerung in einen sauberen "Test-Modus". Experten nennen das "Zykluserkennung". Diese stand auch schon im Mittelpunkt des ersten Dieselskandals.

Gutachter: Stickoxide über dem Grenzwert

Im vorliegenden Fall kam der Gutachter zu dem Ergebnis, dass bei Lenkeinschlag der Ausstoß an Stickoxiden um 24 Prozent und an Kohlenmonoxid um 60 Prozent anstieg. Im Ergebnis lag der Ausstoß an Stickoxiden bei mehr als 80 mg/km - und damit über dem Grenzwert für Euro 6 Benziner von 60 mg/km. Zudem lag der Ausstoß 300 Prozent über den Herstellerangaben von Audi, so der Gutachter. Untersuchungen der amerikanischen Umweltbehörden zu Audi-Fahrzeugen laufen bereits seit 2017. Auch hier gab es bereits Hinweise, dass der Lenkradeinschlag die Abgaswerte verändert.

Der Leiter des Zentrums für Kfz-Elektronik und Verbrennungsmotoren an der TH Aschaffenburg, Kai Borgeest, kommt nach Durchsicht des Prüfgutachtens zu dem Ergebnis: "Es fällt auf, dass vor allem bei den höheren Geschwindigkeiten während des Abgastests die Stickoxidwerte erheblich nach oben gehen, wenn das Lenkrad eingeschlagen ist. Und das ist ein klassischer Vertreter einer Abschalteinrichtung." Auch der Gerichtsgutachter kam zu dem Schluss, dass sich der "Lenkeinschlag auf die Steuerungssoftware des Fahrzeugs" auswirkt.  

Strafanzeige gegen Audi-Chef

Der an dem Landgerichtsverfahren gegen Audi beteiligte Rechtsanwalt Ralf Stoll sagte gegenüber dem SWR: "Aus meiner Sicht ist das Gutachten eindeutig. Der Schadstoffausstoß ist ohne Lenkwinkeleinschlag wesentlich geringer als mit Lenkwinkeleinschlag. Aus unserer Sicht handelt es sich um eine illegale Abschalteinrichtung."

Die Rechtsanwälte Dr. Stoll & Sauer waren auch federführend gemeinsam mit den Rechtsanwälten Rogert & Ulbrich bei der Musterfeststellungsklage gegen VW beim ersten Dieselskandal. Aufgrund des aktuellen Gutachtens zum Audi Q5 hat die Kanzlei jetzt Strafanzeige gegen Ex-Audi-Chef Rupert Stadler gestellt - wegen Betrugs.

Brisante interne Unterlagen

Auch Juristen des VW-Konzerns haben sich bereits hausintern mit möglichen Abschalteinrichtungen bei Audi-Fahrzeugen beschäftigt. Die "Rechtliche Bewertung Warmlaufprogramme" liegt dem SWR ebenfalls vor. Auch sie erhärtet den Verdacht, dass bei Benzinern mit dem Automatikgetriebe AL 551, wie beim Audi Q5, eine sogenannte "Zykluserkennung" vorliegt.

Wenn das Lenkrad bei der Abgasprüfung nicht eingeschlagen sei, würde die Schaltung des Automatikgetriebes verändert, heißt es in dem internen Papier. Dadurch würde der Schadstoffausstoß beim Abgastest sinken. Es gebe zudem eine "zyklusnahe Bedatung". "'Zyklusnahe Bedatung' ist eine Umschreibung der Autohersteller für die Zykluserkennung (Prüfstandserkennung)", erklärt Abgasexperte Borgeest. "Die ist unzulässig, und deshalb nennen die Hersteller das gerne anders."

Weiter heißt es in dem internen Papier: "Warmlaufprogramm ist im NEFZ aktiviert (= Abgasprüfung, Anm. d. Red.), im Real Drive (= Straßenbetrieb, Anm. d. Red.) so gut wie nie. Austrittsbedingung Lenkwinkeleinschlag > 15 Grad." Offenbar ging man beim VW-Konzern davon aus, dass die Behörden hier im Dunkeln tappen. Dazu schreiben die VW-Experten in der internen Bewertung: Die "Konkrete Lenkwinkelerkennung" sei den "Behörden nicht bekannt".

Nach aktueller Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ist eine Prüfstandserkennung illegal, wenn damit Abgaswerte verändert werden. Und das ist laut dem aktuellen Gutachten beim Audi Q5 der Fall.

 Kein Kommentar von Audi

Die Audi AG wollte sich auf Anfrage des SWR zu den Recherchen und zu dem Gutachten über den Audi Q5 nicht äußern. Zunächst teilte die Pressestelle mit, man benötige mehr Zeit zur Beantwortung des Fragenkatalogs. Einige Tage später teilte ein Konzernsprecher dann mit: "Wegen der urlaubsbedingten Abwesenheit von in dieser Sache wichtigen bzw. zuständigen Kollegen, konnte ich nur in Erfahrung bringen, dass das offenbar ein laufendes Verfahren betrifft. Zu laufenden Verfahren können und werden wir uns jedoch aus diversen Gründen nicht äußern."

Das Bundesverkehrsministerium teilte auf Anfrage des SWR mit: "Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) untersucht im Rahmen der Marktüberwachung fortlaufend Fahrzeuge mit verschiedenen Antriebskonzepten auf die Übereinstimmung mit den typgenehmigungsrechtlichen Vorgaben. Bisher konnte das KBA in seinen Untersuchungen keine unzulässigen Abschalteinrichtungen bei Fahrzeugen mit Ottomotoren feststellen." Konkrete Fragen zu Audi-Modellen, Benzinfahrzeugen und einer möglichen "Lenkwinkelerkennung" wurden weder vom Bundesverkehrsministerium noch vom Kraftfahrtbundesamt beantwortet. 

Dass jetzt womöglich auch Benziner von Abgasmanipulationen betroffen sind, überrascht Experte Borgeest nicht: "Die modernen Benzin-Direkteinspritzer (Bsp. TFSI) werden bezüglich der Abgase den Dieselfahrzeugen immer ähnlicher. Deshalb war es zu erwarten, dass es auch dort irgendwann zu Manipulationen kommt."

 

Über dieses Thema berichtete BR24 am 19. August 2020 um 09:06 Uhr.