Der Schatten eines Priesters, der am Karfreitag bei einer Zeremonie ein Kreuz trägt, fällt auf das Pflaster | dpa
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Missbrauchsskandal Wie die katholische Kirche Täter versteckte

Stand: 14.06.2022 06:05 Uhr

Priester unter Missbrauchsverdacht sollen nach Recherchen von report München und "El País" heimlich nach Südamerika verschickt worden sein. Für Strafverfolger in ihren Heimatländern waren sie somit nicht auffindbar.

Von Florian Heinhold, Gabriele Knetsch, BR

Anfang der 1960er-Jahre suchte die Staatsanwaltschaft einen Priester aus Süpplingen in Niedersachsen per Haftbefehl. Der Verdacht: Der Mann habe sich wiederholt an Jungen seiner Jugendgruppe vergangen. Doch die Ermittler tappten über Jahre im Dunklen, der Priester war nicht auffindbar. Er war in Südamerika untergetaucht. Hochrangige Kirchenpersönlichkeiten deckten ihn.

Einer der Köpfe dieser Aktion war Emil Stehle (1926-2017), ein renommierter Theologe. Dies belegen bisher geheime Kirchenakten. Stehle, der später als Bischof nach Santo Domingo de los Colorados in Ecuador entsandt wurde, war damals Leiter der "Fidei Donum"-Koordinationsstelle der Deutschen Bischofskonferenz und zuständig für die Missionierung in Lateinamerika.

Sensationeller Aktenfund

Antje Niewisch-Lennartz, die Obfrau der Aufarbeitungskommission des Bistums Hildesheim, brachte den Fall ins Rollen: Die ehemalige Richterin und Ex-Justizministerin Niedersachsens stieß durch Zufall auf die Akte eines straffälligen Priesters aus Süpplingen. Die Unterlagen befanden sich in einem noch ungeöffneten Umzugskarton im Bistumsarchiv. Darin enthalten war auch ein Brief Stehles aus dem Jahr 1976, der sich konspirativ las und skizzierte, wie im Fall des Priesters weiter vorgegangen werden solle.

Unter anderem schlug Emil Stehle in dem Schreiben an den damaligen Bischof von Hildesheim, Heinrich Maria Janssen, vor, "den hier nicht genannten Herrn anderenorts, und zwar nicht nur in einer anderen Diözese, sondern auch in einem Land einzusetzen. Ich darf im Sinn Ihres Briefes annehmen, dass Sie einverstanden sind, wenn ich Ihnen diesen neuen Einsatzort nicht bekannt mache und Sie Dritten gegenüber folglich auch keine Auskunft geben können."

Vorwurf der Vertuschung

Der Süpplinger Priester, dessen Klarname - laut Akten - aus offiziellen Kirchendokumenten getilgt wurde, lebte unbehelligt in Paraguay und wurde für seine Taten offenbar nie belangt. Die Finanzierung des Aufenthalts übernahm Adveniat, das bischöfliche Hilfswerk für Lateinamerika. Niewisch-Lennartz geht davon aus, dass die Verschickung kirchlicher Missbrauchstäter System hatte. "Aus der Art und Weise, wie dieser Brief geschrieben ist, ergibt sich, dass das aller Wahrscheinlichkeit nach kein Einzelfall gewesen ist. Sondern dass da ein Verfahren beschrieben wird, wie man das eben macht, wenn man jemanden verschwinden lassen möchte", sagt sie im Gespräch mit report München.

Weitere Fälle von Absprachen zwischen Bischöfen

Recherchen von report München und der spanischen Zeitung "El País" zeigen, dass Stehle auch Priestern aus anderen Ländern dabei geholfen hat, der Strafverfolgung zu entkommen. So fand 1990 ein spanischer Priester aus Barcelona, gegen den ein Ministrant schwere Missbrauchsvorwürfe erhoben hatte, Unterschlupf in Stehles Bistum in Ecuador - er machte diesen sogar zu seinem Privatsekretär. Briefe im geheimen Bistumsarchiv von Santo Domingo in Ecuador dokumentieren, dass es zuvor Absprachen auf höchster Ebene gegeben haben muss - zwischen dem entsendenden Bischof aus Barcelona, Ricardo Maria Carles, und Emil Stehle, damals Bischof von Santo Domingo de los Colorados.

Ein weiterer Fall liegt aus Kolumbien vor. Nach Aussage des Bistums Cali in Kolumbien wurde ein Priester, gegen den mehrere Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen vorlagen, ebenfalls zu Stehle in sein Bistum nach Santo Domingo de los Colorados geschickt.

"Null Toleranz" unter aktuellem Bischof

Unter der Ägide des heutigen Bischofs von Santo Domingo de los Colorados, Bertram Wick, arbeitet das Bistum in Ecuador derzeit zehn Altfälle sexuellen Missbrauchs in der Diözese auf, die aus der Zeit Emil Stehles und seines Nachfolgers stammen. Seit 2016 laufe die Aufarbeitung, so der juristische Vikar des Bistums, Padre Jorge Apolo: "Ein Priester floh aus Santo Domingo, wir wissen nicht, wo er sich befindet. Der andere Priester war zwar hier in Santo Domingo, aber er stammt aus Kolumbien. Dort sitzt er jetzt im Gefängnis."

Missbrauchsvorwürfe gegen Bischof Stehle

Stehle selbst wird inzwischen ebenfalls des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Nach Recherchen von report München haben sich mehr als zehn Frauen bei kirchlichen Stellen gemeldet - das jüngste Opfer soll zum Tatzeitpunkt elf Jahre alt gewesen sein. Zwei von ihnen haben nun ihr Schweigen gebrochen.

Auf Anfrage teilt die Deutsche Bischofskonferenz mit: "Das von Emil Stehle gezeigte Verhalten ist in jeder Hinsicht verwerflich." Aktuell lasse man alle Dokumente der Koordinationsstelle "Fidei Donum" untersuchen - auf "Hinweise auf Fälle sexuellen Missbrauchs oder die Vertuschung sexuellen Missbrauchs". Die Ergebnisse könnten noch in diesem Monat vorliegen.

Über dieses Thema berichtete report München am 14.6.2022 um 21:45 Uhr im Ersten.