Mitarbeiter eines Schlachthofs zerteilen am Fließband hängende Schweine. | dpa
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Undercover auf Schlachthöfen Verstöße bei Schweinebetäubung

Stand: 01.06.2021 19:48 Uhr

Undercoveraufnahmen aus deutschen Schlachthöfen zeigen bei der Betäubung von Schweinen massive Verstöße. Nach Recherchen von Report Mainz und SZ fordern Tierschützer die Abschaffung der Kohlendioxidbetäubung.

Von Edgar Verheyen, SWR

Rund 40 Millionen Schweine werden in deutschen Schlachthöfen mittels der CO2-Methode betäubt, bevor sie durch Entbluten getötet werden. Neue Undercoveraufnahmen der Tierrechtsgruppe SOKO Tierschutz belegen jetzt, dass die Tiere während dieser Betäubungsphase in panikartige Zustände verfallen, Erstickungsanfälle erleiden. 

Die Tiere werden zur Betäubung in eine Gondel verladen, die sie in den tiefergelegenen CO2-Betäubungsraum bringt. Mehr als zwei Minuten werden sie dort dem Gas ausgesetzt, das sie betäuben soll. Report Mainz wurden Aufnahmen aus mehreren deutschen Schlachthöfen zugespielt. Friedrich Mülln von SOKO Tierschutz hält diese Form der Betäubung für nicht akzeptabel: "Das ist die Standardmethode der Schweinebetäubung in Deutschland. Das bedeutet 40 Millionen Mal Todesangst, Panik und Kampf in dieser Box, bis dann endlich die Bewusstlosigkeit eintritt."

Zustände in Schlachthöfen seien "Hölle pur"

Veterinäre, die in solchen Großschlachthöfen arbeiten, beschreiben die CO2-Betäubung an Schweinen als "Hölle pur". "Bei diesem Betäubungsvorgang beobachte ich, dass die Tiere einen fürchterlichen Todeskampf haben, dass sie nach Luft schnappen, um ihr Leben kämpfen, Panik haben, die Betäubungszeiten sind bei uns für mehr als zweieinhalb Minuten genehmigt", erzählt der Mann, der anonym bleiben möchte. "Es ist ein ganz qualvolles Ersticken, damit sie sich beim Abstechen nicht mehr wehren können. Es geht hier nur um die Wirtschaftlichkeit."

Einer der betroffenen Schlachthöfe ist der städtische Schlachthof von Kulmbach. Nach Konfrontation mit den Bildern räumt Schlachthofleiter Dirk Grühn Probleme bei der Schweinebetäubung ein. "Die CO2-Betäubung an sich ist eine suboptimale Betäubung, hat Vorteile und auch Nachteile. Die Nachteile sind mit Sicherheit diese Abwehrreaktionen der Tiere in der Gondel. Diese Methode ist rechtlich zugelassen, obwohl sie eigentlich nicht den Tierschutz in diesem Sinne widerspiegelt," so Grühn.

Viele Tiere sind nicht richtig betäubt

Report Mainz liegen inzwischen auch Bilder aus dem Vion-Schlachthof in Landshut vor. Sie zeigen den Bereich, der der Betäubung nachfolgt. Hier werden die betäubten Schweine per Stich entblutet. Dabei fällt auf, dass viele Tiere nicht richtig betäubt sind und per Bolzenschuss nachbetäubt werden müssen, während sie bereits entbluten. Immer wieder muss "nachgeschossen" werden.

Damit konfrontiert erklärt Vion: "Der Betäubungseffekt tritt nach zwölf bis 17 Sekunden ein (...). Tritt Schnappatmung auf - und dies ist im Vergleich zu anderen Betäubungsmethoden bei der Kohlendioxidbetäubung häufiger feststellbar -, wird empfohlen, ein solches Schwein vorsorglich zu schießen. Dies hat der Mitarbeiter in der vorgezeigten Sequenz korrekt durchgeführt."

Deutsches Recht vs. EU-Verordnung

"Wenn man bis 90 Sekunden Atemnot hat und in der Todesangst ist, dann sind das länger anhaltende und erhebliche Leiden", sagt die baden-württembergische Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord.

Nach dem deutschen Tierschutzgesetz wäre diese Betäubungsmethode eigentlich untersagt, weil die Schweine länger anhaltenden Schmerzen und Leiden ohne vernünftigen Grund ausgesetzt sind. Paragraf 17 des Deutschen Tierschutzgesetzes sieht bei Verstößen sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor. Doch demgegenüber gilt eine rechtlich höherrangige EU-Schlachtverordnung. In dieser wird die CO2-Betäubung als zugelassene Methode ausdrücklich erwähnt.  

Juristen sehen Bundesregierung in der Verantwortung

Barbara Felde von der deutschen juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht sieht darin einen Widerspruch. Auch sie bezeichnet deshalb die Methode als legale Tierquälerei. "Wir haben hier zwar in Deutschland das Tierschutzgesetz, wonach es verboten ist, Tieren ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Einschlägig für die Schlachtung von Tieren ist aber eine EU-Verordnung, die EU-Tierschutz-Schlachtverordnung", so Felde.

Um den Widerspruch im Gesetz aufzulösen, sieht die Juristin deshalb neben der EU auch die Bundesregierung in der Verantwortung: "Zunächst könnte die EU selbst die Tierschlachtverordnung ändern, die CO2-Betäubung herausnehmen. Sie kann einem Mitgliedsstaat aber auch erlauben, als Alleingang quasi, ein nationales Verbot dieser Betäubungsmethode im Gesetz zu implementieren."

Überprüfung läuft

Auf Report-Anfrage teilt das Ministerium mit, die EU-Kommission überprüfe derzeit das europäische Tierschutzrecht. Das Ministerium werde sich nach Vorliegen etwaiger Änderungsvorschläge damit auseinandersetzen. Im Klartext: Es kann also noch dauern, bis sich etwas tut. Vor der Bundestagswahl, so Beobachter, seien mögliche Veränderungen hier nicht zu erwarten.

In Kulmbach, auch forciert durch die Recherchen, will man ab dem Herbst die CO2-Betäubung abschaffen. Sie soll durch eine Betäubung mittels eines heliumhaltigen Gasgemischs ersetzt werden. Dieses Verfahren ist zwar teurer, damit sollen Tiere, wie bei einem wissenschaftlichen Experiment vor Jahren bereits dokumentiert, tierschutzkonform einschlafen.  

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Report Mainz" am 01. Juni 2021 um 21:45 Uhr.