Ein Gewehr in ziviler Ausführung des deutschen Waffenherstellers Haenel ist auf einer Fachmesse für Jagd, Schießsport, Outdoor und Sicherheit ausgestellt.  | dpa
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Tödliche Waffen Jedermann-Schießtrainings boomen

Stand: 23.11.2021 17:38 Uhr

In Deutschland darf jeder Volljährige unter Aufsicht auf den Schießstand. Nach Report Mainz-Recherchen konnte sich so ein Markt für Schießevents entwickeln und Extremisten an Waffen trainieren.

Von Philipp Reichert, SWR

Samstagmorgen, ein kleiner Schießstand, irgendwo in Deutschland. Knapp 20 Menschen sind gekommen, um in den nächsten Stunden in eine andere Welt abzutauchen. Zum ersten Mal wollen sie mit scharfen Waffen schießen. Ein Erlebnis soll es werden. "Schießen für jedermann", so nennt sich das.

Philipp Reichert

Was nach amerikanischem Alltag klingt, gibt es in Deutschland bundesweit. Das Angebot für solche Veranstaltungen ist riesig, verkauft als Highlight für die Firmenfeier oder den Junggesellenabschied. Journalisten des ARD-Politikmagazins Report Mainz haben dokumentiert, was auf einem solchen Event passiert, mit welchen Waffen geschossen wird und wie der Umgang mit Munition dort ist.

Eine kurze Einweisung und schon halten die Teilnehmer die ersten Waffen in den Händen - vom großkalibrigen Präzisionsgewehr über den Karabiner aus dem Zweiten Weltkrieg bis zum halbautomatischen Sturmgewehr. Militärähnliche Waffen also, wie sie vielfach auch bei Amokläufen und Attentaten benutzt wurden.

"Waffen und Events passen nicht zusammen"

Michael Mertens, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GDP), sieht solche Events kritisch. "Waffen und Events, das passt nicht zusammen", so Mertens im Interview mit Report Mainz. Ganz besonders kritisiert er, dass dort jedermann Zugang zu solchen Waffen hat: "Diese Waffen gehören nicht in die Hände von Laien, die gehören in die Hände von Profis".

Vier Stunden lang werden die Teilnehmer des Schießevents detailliert mit Waffen vertraut gemacht - vom Einlegen der Munition über die richtige Körperhaltung bis zum Schuss. Und ihnen wird Munition für verschiedenste Waffen anvertraut. Den Journalisten von Report Mainz gelang es mehrfach, damit den Schießstand zu verlassen. Theoretisch hätten sie mit der Munition unbemerkt davonfahren können - sie brechen den Versuch ab.

Veranstalter weist Vorwürfe zurück

Wenige Tage später nimmt der Veranstalter auf Anfrage von Report Mainz hierzu Stellung: "Es wäre aus unserer Sicht nicht problemlos möglich gewesen, die Munition zu entwenden", schreibt er den Journalisten. "Sie wurden bemerkt, weil Sie auf dem Gelände herumgelaufen sind. Da Sie wieder zurückgekommen sind, wurde auch nichts unternommen", heißt es weiter. Außerdem werde bei seinen Events nicht gelehrt oder gelernt, alle Waffen seien für den zivilen Gebrauch zugelassen gewesen.

Michael Mertens von der GDP hält einen solchen Umgang mit Munition für äußerst gefährlich. "Wenn Ihnen das gelungen ist, brauche ich nicht viel Fantasie, um zu überlegen, wem das noch gelingen kann", so Mertens im Interview mit Report Mainz, "das schockiert mich jetzt wirklich, dass das so möglich ist."

Extremisten als Gastschützen

Die Gesetzeslage in Deutschland macht solche Schießevents möglich. Zwar braucht es für den Kauf und Besitz von Waffen eine Erlaubnis, und die Käufer müssen überprüft werden. Doch für das Schießen auf einem Schießstand ist all das nicht nötig - solange eine Aufsicht dabei ist. Und so kann jeder Volljährige auch abseits solcher Events auf Schießständen mit allen Waffen schießen, die als Sportwaffen erlaubt sind. Auch die vielen Schützenvereine dürfen Gäste schießen lassen: ohne Waffenerlaubnis, ohne behördliche Überprüfung.

Nach Recherchen von Report Mainz konnte so 2017 eine Gruppe Linksextremer in Berlin an Waffen üben, obwohl die Männer zuvor Ermittlern bekannt waren. Und auch Stephan Ernst, der wegen Mordes an Walter Lübcke vom OLG Frankfurt zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, trainierte vor seiner Tat auf einem Schießstand als Gastschütze - trotz Vorstrafen und Einbindung in die rechtsextreme Szene. Der Verfassungsschutz bestätigt, auch ihm seien Fälle von Extremisten als Gastschützen bekannt.

Änderung des Waffenrechts gefordert

Deshalb und wegen des großen Marktes für Schießevents fordert GDP-Mann Mertens die Politik auf, sich mit dem Thema Gastschießen zu beschäftigen. Es brauche dringend eine Diskussion darüber, welche Voraussetzung ein Gastschütze mitbringen müsse. "Es kann nicht sein, dass Straftäter, Extremisten oder andere Menschen, die charakterlich nicht geeignet sind, an den Waffen schlau gemacht werden", so Mertens.

Die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei Martina Renner | dpa

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Renner verlangt eine Verschärfung des Waffenrechts in Bezug auf Gastschützen. Bild: dpa

Das sieht auch Martina Renner so. Die Innenexpertin der Linkspartei beschäftigt sich seit Jahren mit Extremismus, Schießtrainings und Waffen. Sie fordert Nachbesserungen im Waffenrecht. "Es muss geändert werden, dass jeder einfach auf einem Schießstand schießen kann", so Renner gegenüber Report Mainz. Wer mit scharfen Waffen schießen wolle, brauche eine Erlaubnis so wie beim Kauf und Besitz einer Waffe.

Bundesregierung weist Forderung zurück

Das zuständige Bundesinnenministerium sagt auf Anfrage von Report Mainz, dass das Schießen auf Schießanlagen als Gast nicht vergleichbar mit Erlaubnissen zum Kauf, Besitz oder Führen von Waffen sei - eine Antwort, die die vielen Veranstalter von Schießevents beruhigen dürfte. Denn so können sie weiterhin ein Geschäft machen: mit "Schießtrainings für jedermann".

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung Report Mainz am 23. November 2021 um 21:46 Uhr.