Eine Reihe wegen der Corona-Krise geparkter Lufthansa-Maschinen am Frankfurter Flughafen.   | dpa
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Lufthansa-Konzern Lohndumping auf Staatskosten?

Stand: 01.06.2021 19:05 Uhr

Lufthansa wickelt Konzerngesellschaften wie Germanwings ab, während es eine neue Airline gründet: Eurowings Discover. Dort wird nach Recherchen von Report Mainz zum Teil weniger Gehalt bezahlt - trotz Milliarden an Corona-Hilfen.

Von David Meiländer und Christian Stracke, SWR 

Kein guter Tag für Heiko Kurz. Der ehemalige Flugkapitän steht zum ersten Mal seit einem Jahr auf dem Besucherhügel des Münchener Flughafens, vor ihm das Rollfeld. Es ist so viel los wie lange nicht mehr. Nach Monaten der Stille startet ein Flugzeug nach dem anderen. 80 Starts und Landungen sind es heute - mehr als Anfang Mai. "Ich habe einen richtigen Kloß im Hals", sagt Kurz, als über ihm gerade eine Lufthansa-Maschine zur Landung ansetzt. Und er sei auch wütend. 

Neun Jahre lang arbeitete Kurz als Pilot beim deutschen Ableger der Lufthansa-Tochter SunExpress. Doch im Juni 2020 verkündete die Unternehmensleitung das Aus für die Airline. Die Familie Kurz traf das gleich doppelt. Auch die Frau von Heiko Kurz arbeitete als Chefstewardess bei SunExpress Deutschland. Jetzt lebt die Familie von Arbeitslosengeld. Christine Kurz jobbt in einer Zahnarztpraxis, er für 450 Euro in einem Getränkemarkt. "Wir haben Existenzangst", sagt sie. "Lange können wir uns unser kleines Reihenhaus nicht mehr leisten." 

Vorwurf des Lohndumpings  

SunExpress Deutschland ist nicht das einzige Unternehmen im Lufthansa-Konzern, das mitten in der Corona-Krise abgewickelt wird. Auch bei der Germanwings ist der Passagierbetrieb mittlerweile eingestellt. Trotz der umfangreichen Rettungshilfen durch den deutschen Staat.

"Der Lufthansa Gruppe werden neun Milliarden Euro an Staatsgeldern zur Verfügung gestellt, dazu kamen noch Gelder aus Kurzarbeit", sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. "Und jetzt geht man hin und unterstützt, weil man auf jede Bedingung verzichtet, einen harten Sanierungskurs, der auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Der Konzern wird massiv umgebaut. Kostensenkungen verbunden mit Lohndumping bei den Beschäftigten, um dort Kosten zu sparen."

Lufthansa verteidigt sich

Die Lufthansa weist den Vorwurf des Lohndumpings zurück. "Der Erhalt der Arbeitsplätze setzt Wettbewerbsfähigkeit voraus", schreibt der Konzern auf Anfrage von Report Mainz.  

Tatsächlich gründete die Lufthansa im Juli 2020 mitten in der Corona-Krise eine neue Tochtergesellschaft: Eurowings Discover, die neue Urlaubsairline. Gut 500 Mitarbeiter wurden eingestellt - viele haben laut Lufthansa vorher bereits im Konzern gearbeitet.

Zu ihnen zählt auch die Flugbegleiterin Sophie L. (Name geändert). Sie möchte ihren vollen Namen nicht nennen, weil sie berufliche Konsequenzen fürchtet. Report Mainz liegen ihre Gehaltsabrechnungen und ihr alter Arbeitsvertrag vor. Demnach arbeitete sie zuvor bei Germanwings für 2500 Euro brutto im Monat. Bei ihrem Wechsel zur Eurowings Discover wurde ihr aber nur ein 70-Prozent-Teilzeitvertrag angeboten. Jetzt verdient sie 1400 Euro.   

Deutlich niedrigeres Gehalt

Konfrontiert mit diesem Vorwurf erklärt die Lufthansa auf Anfrage, die Arbeitsbedingungen seien auf dem Niveau vergleichbarer Flugbetriebe. "Ab dem 1. Juni werden bei Neueinstellungen ausschließlich Vollzeitverträge vergeben und bestehende Teilzeitverträge auf 100 Prozent aufgestockt", so der Konzern.  

Für Sophie L. ein schwacher Trost. Hochgerechnet käme sie nach Report Mainz vorliegenden Informationen auch in Vollzeit auf 500 Euro weniger als bei Germanwings.  

"Man fühlt sich hilflos, dass man da im Prinzip nicht wirklich eine Wahl bekommen hat", sagte die Flugbegleiterin im Interview mit dem ARD-Politikmagazin. Sie sei "ausgebeutet und ausgenutzt" worden. Man solle die gleiche Arbeit weitermachen zu deutlich anderen Konditionen. 

Über 200 Klagen vor den Arbeitsgerichten  

Die Umstrukturierung im Konzern beschäftigt jetzt auch die Arbeitsgerichte. Über 200 Klagen liegen nach Report-Mainz-Recherchen allein bei den Arbeitsgerichten in Köln und Frankfurt.

Der Rommerskircher Anwalt, Martin Leufgen, vertritt einen Großteil der Klagen. Die betriebsbedingten Kündigungen hält er für unwirksam. Leufgen wirft der Lufthansa vor, im großen Stil Arbeitsplätze zu verlagern, auch um Löhne zu drücken. "Die Strategie ist perfide", sagt er. Es gehe darum, "sich teurer, altgedienter Mitarbeiter zu entledigen und sie im Zweifel sogar noch in billige Arbeitsverhältnisse zu drängen." 

Die Lufthansa bestreitet diesen Vorwurf und hält auch die Klagen für unbegründet: "In der Krise ist unser vordringlichstes Ziel, das Überleben der Lufthansa Gruppe zu sichern und gleichzeitig möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten", heißt es in einer schriftlichen Mitteilung an Report Mainz.  

Bundesregierung fühlt sich nicht zuständig 

Die Bundesregierung hat trotz allem nicht eingegriffen und das obwohl sie Milliarden an Hilfen gewährte, sogar am Unternehmen beteiligt ist. Gegenüber Report Mainz erklärt das Bundeswirtschaftsministerium: "Die Bundesregierung kann keinen Einfluss auf die operative Geschäftsführung der Deutschen Lufthansa AG nehmen." 

Für Stefan Sell ist die Lufthansa damit ein großer Profiteur der Corona-Krise. "Das heißt, die Verluste wurden sozialisiert und die möglichen Gewinne, die jetzt realisiert werden, die privatisiert die Lufthansa-Gruppe", sagt er. "Für alles muss man einen Preis zahlen. Und der Preis, den zahlen jetzt die Beschäftigten." 

Alle Hoffnung der Familie Kurz jedenfalls liegt jetzt auf ihrem Gerichtsverfahren - gerade wurde es noch einmal verschoben, in den Oktober. Die Hoffnung: Bald wieder einen Job zu haben und endlich wieder fliegen zu können.  

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Report Mainz" am 01. Juni 2021 um 21:45 Uhr.