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Kurkinder Mit Medikamenten ruhiggestellt

Stand: 28.07.2020 05:14 Uhr

Bei Kuren sollten Kinder wieder zu Kräften kommen. Doch in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren wurden viele von ihnen mit Medikamenten ruhiggestellt. Nach wie vor kämpfen sie um Gerechtigkeit.

Von Philipp Reichert und Ulrich Neumann, SWR

Für Detlef Lichtrauter ist es einer der schwersten Tage seines Lebens. Jahrelang hat er darauf gewartet, an diesen Ort zurückzukehren. Zum ehemaligen Haus Bernward im Bonner Stadtteil Oberkassel. Eine idyllische Villa mit großem Park, direkt am Rhein gelegen. Einst ein Kinderkurheim.

Nur wenige Meter hinter dem großen weißen Tor bleibt Lichtrauter ungläubig stehen. Schon der Anblick des Hauses verschlägt ihm die Sprache. Denn sofort sind sie wieder da, die Erinnerungen an seine sechswöchige Kur. Erinnerungen an das Verbot zu trinken, an Gewalt durch die Mitarbeiter, an Einschüchterungen. "Als wir ankamen, ging es direkt in diesem typischen Befehlston los", erzählt er. "Hinsetzen, runtergehen, Mund halten."

Sigrid Bluschke und Detlef Lichtrauter
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Sigrid Bluschke und Detlef Lichtrauter leiden noch heute unter ihren Erlebnissen als "Kurkinder".

Zwang zum Essen und "zack" kriegte man einen drüber

Lichtrauter ist an diesem Tag nicht allein. Neben ihm läuft Sigrid Bluschke. Auch sie war als Kind im Haus Bernward zur Kur. Auch sie erinnert sich an die ständige Angst vor den Mitarbeiterinnen, den Zwang zum Essen, die Schläge mit dem Holzlatschen. "Wenn man bei der Mittagsruhe die Augen aufhatte, kriegte man zack einen drüber."

Wie die beiden verbrachten bis in die 1970er-Jahre Hunderte Kinder ihre Kur im Haus Bernward. Vor allem zu dünne, zu dicke und einnässende Kinder sollten dort behandelt werden und sich erholen. Ausgewählt von Ärzten und der kommunalen Sozialfürsorge.

Haus Bernward im Bonner Stadtteil Oberkassel war ein Kurheim für Kinder.
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An Haus Bernward im Bonner Stadtteil Oberkassel haben die ehemaligen Kurkinder keine guten Erinnerungen.

Spritzen statt Erholung

Doch statt Spaß und Erholung erlebten die Kinder Demütigung und Angst. Lichtrauter und Bluschke berichten, dass sie nach dem Frühstück Spritzen erhielten. "Wir wurden nach vorne gerufen", erinnert sich Bluschke. "Nach und nach gab es für jeden eine Spritze in den Po". Besonders schlimm sei es gewesen, wenn der Heimarzt die Spritzen persönlich gesetzt habe. "Er hat sie ins Hinterteil reingerammt", erzählt Lichtrauter. "Draußen konnte man hören, wie jedes Kind aufgeschrien hat". Warum es die Spritzen gab, wissen beide bis heute nicht.

Report Mainz hat die Akten zu diesem Kurheim recherchiert, das 1976 geschlossen wurde. Demnach wurden die Kinder mit Psychopharmaka und Schmerzmitteln gequält und ruhiggestellt. Auf Anweisung des leitenden Arztes sollten die Mitarbeiterinnen die Kinder sedieren, bis sie "im Stehen einschlafen". Oft seien die Kurkinder morgens und nach dem Mittagsschlaf kaum zu sich gekommen und "torkelten umher". So schilderte es eine damalige Mitarbeiterin.

Für den Pharmakologen Gerd Glaeske sind die Vorgänge im Haus Bernward ein Skandal. Die Therapie sei weder nachvollziehbar noch zugelassen. "Möglicherweise sind Kinder dauerhaft geschädigt worden."

Tabletten - in vielen Heimen Alltag

Bis in die 1980er-Jahre gab es bundesweit rund 1000 solcher Kurheime. In wie vielen dieser Heime Kinder mit solchen Medikamenten traktiert wurden, ist unklar. Doch Report Mainz liegen Berichte ehemaliger Kurkinder aus weiteren Heimen vor. Sie bekamen bittere Tees, Tabletten und Pillen.

Auch Sylvia Wagner kennt solche Schilderungen. Die Pharmazeutin recherchiert seit Jahren zum Medikamenteneinsatz an Kindern und seit einiger Zeit verstärkt zu den mehrwöchigen Erholungskuren. "Dort sind Kinder mit Medikamenten sediert worden", sagt sie. "Vor allem, wenn sie unruhig waren, Heimweh hatten oder einfach damit sie schlafen". Sinn und Zweck sei dabei nicht das Wohlergehen der Kinder gewesen, sondern dass der Ablauf in den Einrichtungen ungestört funktioniere.

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Die Ereignisse aus den Heimen müssen aufgearbeitet werden - da sind sich inzwischen auch die Sozialminister einig.

"Alles muss auf den Tisch"

Im Mai beschlossen die Sozialminister der Länder, die Geschehnisse in den Kurheimen aufzuarbeiten. Beispielsweise soll ein Forschungsprojekt klären, was die Kinder während der Kuren erleben mussten. Im Interview mit Report Mainz fordert der Vorsitzende der Sozialministerkonferenz, Manfred Lucha, auch der Medikamenteneinsatz müsse aufgeklärt werden. "Alles muss auf den Tisch".

Für Lichtrauter und Bluschke ist das eine wichtige Entscheidung. Denn sie beide quälen die Erinnerungen an ihre Kur bis heute. Lichtrauter leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, sagt er. "Die Ereignisse von damals kommen in Albträumen immer weiter hoch."

REPORT MAINZ: Kinder in Kurheimen sediert und ruhiggestellt
Philipp Reichert, SWR
28.07.2020 06:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtet das Magazin „Report Mainz“ im Ersten am 28. Juli 2020 um 21:45 Uhr.

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