Frauen und Kinder, die aus der Ukraine geflohen sind, werden am Grenzübergang Medyka, kurz hinter der ukrainischen Grenze, auf polnischer Seite, von einer freiwilligen Helferin (l) begleitet. | dpa

Unterbringung von Geflüchteten Viele Kommunen sehen sich überfordert

Stand: 27.04.2022 08:53 Uhr

Viele Kommunen sind laut einer Umfrage von Report Mainz bei der Unterbringung von Geflüchteten belastet oder sogar überlastet. Ohne die privaten Wohnangebote würde die Lage noch weit schlechter aussehen.

Von Claudia Kaffanke und Aleksandra van de Pol, SWR

Wie eine Umfrage bei den 100 größten Städten Deutschlands ergab, sehen sich knapp 41 Prozent der Antwortenden durch den Andrang von Geflüchteten aus der Ukraine belastet bis überlastet. Die Städte gaben an, dass vor allem personelle Engpässe und die Frage der Unterkunftsbereitstellung die größten Herausforderungen seien. An der Befragung nahmen 66 Städte teil.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, sagte auf Anfrage: "Gerade die Städte, die besonders viele Geflüchtete aufnehmen, stoßen an ihre Grenzen. Sie müssen sehr schnell viel Wohnraum finden. Das gelingt nicht immer von jetzt auf gleich und führt leider dazu, dass die Menschen zeitweise in Hotels oder Turnhallen untergebracht werden müssen."

Private Unterbringung hilft gegen Überlastung

Auf Anfrage von Report Mainz teilte die Stadt Wiesbaden mit: "Ohne die vielen privaten Unterbringungen wären wir schon längst über der Kapazitätsgrenze unserer Gemeinschaftsunterkünfte. So sind wir am Limit und stehen jede Woche vor der Entscheidung, Turnhallen nutzen zu müssen."

Die Stadt Bottrop teilte mit: "Derzeit ist auf Bundes- und Landesebene noch nicht abschließend geklärt, wie die Kosten zu tragen sind. […] Die Kommunen können die zusätzlichen Lasten nicht tragen." Dortmund räumt ein: "Es versteht sich von selbst, dass in einer solchen Situation auf allen Ebenen Überlastungssituationen entstehen." Die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart schreibt, sie hätte "(…) keine ausreichenden Platzkapazitäten z.B. in den regulären Flüchtlingsunterkünften". Es müsse "auf Notunterkünfte ausgewichen werden".

Zustände teilweise bedrückend

Eine weitere Report Mainz-Umfrage bei den zuständigen Ministerien der Bundesländer ergab: Mindestens 55.000 Ukrainerinnen und Ukrainer leben derzeit in Massenunterkünften für Flüchtlinge. Von hier aus sollen sie gerecht auf die Kommunen verteilt werden.

Report Mainz wurden Bilder aus Flüchtlingsunterkünften bundesweit zugespielt. Darauf zu sehen: verdreckte Schränke, verendete Insekten, Schimmel und Schmutz.

Fall von Rotavirus in Massenunterkunft in Hessen

Report Mainz hat den Fall einer Ukrainerin recherchiert, die mit ihren drei Kindern in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen untergebracht war. Sie berichtet, ihr eineinhalbjähriger Sohn habe sich in der Unterkunft mit dem Rotavirus infiziert. "Er hat sich zwei Tage lang übergeben, hatte Durchfall, hohes Fieber." Am folgenden Tag seien auch andere krank geworden.

Das Rotavirus ist ein hochansteckender, besonders für Kleinkinder gefährlicher Brechdurchfall. Trotz der Erkrankung ihres Sohnes wurde die Ukrainerin zusammen mit ihren Kindern in eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung verlegt - nach Marburg in einem Gemeinschaftsbus.

Das Gesundheitsamt Gießen räumte ein, dass "eine Person mit einer Rotavirusinfektion in der Erstaufnahmeeinrichtung" gemeldet worden sei. Das Gesundheitsamt Marburg schreibt auf Anfrage, es habe Mitte März zwei Fälle mit dem Rotavirus in einer Notunterkunft gegeben. Das Land Hessen äußerte sich auf mehrfache Anfrage dazu nicht.

 

Mehr Geld vom Bund

Beim Ukraine-Flüchtlingsgipfel am Montag im Kanzleramt kündigte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan (SPD), an, der Bund werde die Länder bei der Unterbringung der Ukrainer unterstützen und am Mittwoch im Kabinett einen Ergänzungshaushalt beschließen.

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 26. April ab 21:45 Uhr im Ersten.