Polizisten vor einer abgesperrten Aral-Tankstelle. | dpa
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Idar-Oberstein Verdächtiger stand wohl unter Alkoholeinfluss

Stand: 04.10.2021 16:28 Uhr

Am 18. September soll der Maskenverweigerer Mario N. den Kassierer Alex W. an einer Tankstelle in Idar-Obarstein erschossen haben. Der mutmaßliche Täter stand dabei nach Recherchen von Report Mainz offenbar unter Alkoholeinfluss.

Von Eric Beres, Mona Botros, Sara Rainer-Esderts, SWR

Der mutmaßliche Täter von Idar-Oberstein, Mario N., der den Kassierer Alex W. erschossen haben soll, stand bei seiner Tat offenbar unter Alkoholeinfluss. Das bestätigte der Pressesprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach, Kai Fuhrmann, auf Anfrage von Report Mainz: "Es gibt Hinweise, dass der Tatverdächtige bei der Tat unter Alkoholeinfluss stand." Derzeit sei allerdings unklar, um welchen Blutalkoholwert es gehe und welche Rolle der Alkoholeinfluss bei der Tat spielte. Der Grund: Es fehlten objektive Beweise wie etwa eine Blutprobe. Mario N. hatte sich erst am Tag nach seiner Tat der Polizei gestellt. Ein Gutachter werde sich mit der Frage des Alkoholeinflusses von Mario N. befassen, so Fuhrmann. Hinweise, dass dieser auch unter Einfluss von Betäubungsmitteln stand, gebe es hingegen nicht.

Eric Beres
Mona Botros

Nach Informationen von Report Mainz soll Mario N. seit Pandemie-Beginn auf der Plattform Telegram zahlreiche Kanäle von sogenannten Querdenkern und Corona-Leugnern besucht haben. Auf Anfrage teilte die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach mit, die Internetaktivitäten des mutmaßlichen Täters würden noch ausgewertet. Bisher war unter anderem bekannt geworden, dass Mario N. sich bis zum Jahr 2019 auf Twitter geäußert hatte.

Impfgegner und Querdenker-Szene immer radikaler

Bundesweit gibt es Hinweise darauf, dass die Corona-Leugner-Szene sich immer weiter radikalisiert. So ist Christina Bleisinger, eine SPD-Bürgermeisterin aus Simmertal, das nur 25 Kilometer von Idar-Oberstein entfernt liegt, vor wenigen Wochen zurückgetreten.

Im Frühjahr begannen hier sogenannte Dienstagsspaziergänger mit Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. Die Bürgermeisterin wollte das nicht hinnehmen und organisierte Gegendemonstrationen. Deswegen wurde sie nach eigenen Angaben selbst zur Zielscheibe, vor allem im Internet. Schließlich legte sie ihr Amt nieder. Nach dem Tod des Tankstellenkassierers Alex W. hätten die Bedrohungen für sie eine neue Qualität bekommen: "Ich befürchte, dass Idar-Oberstein kein Einzelfall bleibt, wenn die Menschen sich nicht mehr damit befassen, welche Gefahr von dieser Querdenker-Bewegung ausgeht", so Bleisinger.

So sieht es auch die Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München. Seit Pandemie-Beginn dokumentiert sie Demonstrationen der Querdenker-Szene. Gerade die Entwicklung in den vergangenen Monaten sei besorgniserregend. Eine Mitarbeiterin, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will, berichtet: "Sie werden weniger, aber diejenigen, die jetzt noch auf der Straße sind, sind verzweifelt, haben mit ihren Familien gebrochen, haben teilweise keine Freunde mehr. Die Radikalisierung äußert sich in dem Sinne, dass man zum Beispiel hetzt gegen den Staat, gegen Polizei, gegen die klassischen Feindbilder wie Presse und Politikerinnen."

Impfen unter Polizeischutz

Mit den Impfungen von Kindern geraten insbesondere Schulen immer häufiger ins Visier von Protestaktionen. Gerade einmal vier Tage nach dem Anschlag von Idar-Oberstein gab es eine Demo von Impfkritikern an einem Münchner Gymnasium.

Die Schulleiterin und mehrere Kollegen berichten von "massiven Einschüchterungsversuchen" seitens der Protestierenden. So hätten Impfgegner beispielsweise eine Schülerin im Umfeld der Impfaktion regelrecht in die Enge getrieben. Ferner hätten einige Demonstranten von Zivilbeamten der Polizei sogar vom Schulgelände geleitet werden müssen. Auch in Freiburg versammelten sich wenige Tage nach dem Anschlag in Idar-Oberstein rund 100 Demonstranten bei einer Impfaktion an einer Schule. 

Staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Bedrohungen

An mehreren Orten laufen staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Drohungen gegen Schulleitung und Lehrer, zum Beispiel im Fall einer Schule in Altenholz bei Kiel. In einer Stellungnahme teilt der Kieler Oberstaatsanwalt Henning Hadeler mit: "Es gab einen Aufruf in einer Chatgruppe zum Tod von Schulleitung und Lehrenden und dies in Verbindung mit dem Maskenzwang und der Impfung."

Nationaler Aktionsplan gefordert

Im Interview mit Report Mainz schätzt Andreas Zick, Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Uni Bielefeld, die Lage als besorgniserregend ein: "Mein Fazit ist, dass wir jetzt neue extremistische Milieus haben, die hoch gewaltorientiert sind. Wir haben den Fehler gemacht, dass wir uns zu Beginn eingeredet haben, das sind doch Bürgerinnen und Bürger, deren Meinung wir anhören müssen und die ja mit dem Extremismus nichts zu tun haben. Das heißt, in dieser Bewegung haben wir dieses Moment der Verniedlichung gehabt, was jede Form von Prävention unmöglich macht. Wir brauchen einen neuen nationalen Aktionsplan für den Umgang mit Extremismus. Da muss alles auf die Agenda. Wir brauchen - das sagen alle Opfer - mehr Strafverfolgung. Und wir brauchen sehr viel mehr Analyse über die Dynamiken."

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 05. Oktober 2021 um 21:45 Uhr.