Stirnband mit Symbol der "Grauen Wölfe" (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa

Nordrhein-Westfalen "Graue Wölfe" unterwandern Politik

Stand: 08.09.2020 19:18 Uhr

Sie nehmen Listenplätze der CDU oder kleinerer Bündnisse ein und dringen in die Politik vor - die "Grauen Wölfe". Wie die türkischen Rechtsextremisten Einfluss gewinnen, zeigen Recherchen von Report Mainz.

Von Heiner Hoffmann und Ahmet Senyurt, SWR Mainz

Die Kommunalwahl in NRW ist nur noch wenige Tage entfernt, die Parteien sind in der finalen Phase ihres Wahlkampfes. Recherchen von Report Mainz und dem Nachrichtenportal "Der Westen" zeigen: Es treten auch Kandidaten mit Verbindungen zu den verfassungsfeindlichen Grauen Wölfen an. Laut Verfassungsschutz sind die "Grauen Wölfe" eine türkische, rechtsextremistische Bewegung, die ein großtürkisches Reich anstrebt und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Mit dieser Gruppierung hat auch Stadtrat Hasan Tuncer aus Mülheim Erfahrungen gemacht. Vor einigen Jahren gründete er das "Bündnis für Bildung”, vertritt die Gruppierung im Stadtrat. Als sich ein Vorstand des Bündnisses als Anhänger der "Grauen Wölfe" entpuppte, habe man ihn damit konfrontiert. Doch hinter ihrem Rücken habe der Mann in der Zwischenzeit zahlreiche neue Mitglieder angeworben. Im Interview mit Report Mainz sagt Tuncer: "Wir sind unterwandert worden, von 'Grauen Wölfen', von Vertretern oder von Entsendeten anscheinend von Moscheegemeinden. Ich bin komplett abgeschnitten von denen, die möchten mir keine Informationen geben, antworten auf keine Mail."

Aufruf zur Unterwanderung in Deutschland

Ferit Sentürk, der das Bündnis gekapert haben soll, ist nun neuer Spitzenkandidat und bekennt sich offen zu seiner Ideologie: "'Die Grauen Wölfe', denen ich angehöre, passiv, aktiv, auch als Vorstandsmitglied, ich bin da Beisitzer, sind im Durchschnittsalter über 50. Die Leute, die dort sitzen, kommen wirklich nur zum Kaffee trinken, freitags zum Beten. Ich steh' zu denen."  Er streitet ab, das Bündnis unterwandert zu haben. Er habe lediglich neue Mitglieder angeworben, dies sei ein demokratischer Vorgang.

Türkeiexperte Burak Copur warnt vor einer generellen Strategie der "Grauen Wölfe" auch in Deutschland: "Der Vordenker der 'Grauen Wölfe' hat schon vor Jahren dazu aufgerufen, die politischen Parteien in Deutschland zu unterwandern. Und diesem Aufruf sind natürlich viele seiner Anhänger gefolgt bis heute. Mit dieser Unterwanderungsstrategie versucht die Bewegung, die Interessen der Türkei, der türkische Nation, auch in der deutschen Politik zu vertreten."

Teilnahme an Veranstaltungen rechtsextremer Gruppierungen

Selten sind die Verbindungen so klar wie in Mülheim/Ruhr. Im Duisburger Norden hängen überall Plakate von Sevket Avci, Stadtrat der CDU, zuvor jahrelang Integrationsratsvorsitzender. Und gern gesehener Gast im türkischsprachigen Fernsehen mit internationaler Reichweite.

Avci wurde bereits vor Jahren in einem Bericht der CDU-Organisation "Union der Vielfalt" genannt. Ihm wird eine Nähe zu den "Grauen Wölfen" nachgesagt. Auch in einem Dossier der Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus in NRW taucht der ehemalige Integrationsratsvorsitzende der Stadt Duisburg und jetzige Stadtrat auf: Er stehe den "Grauen Wölfe" nahe, heißt es dort.

Report Mainz und "Der Westen" liegt unter anderem ein Foto vor, das Avci auf einer Veranstaltung einer rechtsextremen Gruppierung aus der Türkei zeigt. Im Hintergrund "grüßt" das Konterfei eines bei ethnischen Minderheiten berüchtigten Neo-Faschisten. Recherchen von Report Mainz und "Der Westen" belegen zahlreiche weitere Zusammenkünfte mit und bei türkischen Rechtsextremisten und deren Vereinen. Zudem sprach im vergangenen Jahr laut einem Artikel einer türkischsprachigen Online-Zeitung ein Abgeordneter der rechtsextremen MHP aus der Türkei eine Wahlempfehlung für Avci aus.

Anhänger der MHP formen das Erkennungszeichen der "Grauen Wölfe".
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Anhänger der MHP formen das Erkennungszeichen der "Grauen Wölfe".

Keine Antwort von der CDU in Duisburg

Laut Grundbuchauszug gehört dem CDU-Politiker zudem das Gelände, auf dem sich die Grauen Wölfen in Duisburg immer wieder trafen. An der Wand prangt dort ein großes Schild, das auf die "Ülkücü-Bewegung" - "Graue Wölfe" - hinweist.

Avcis Anwalt teilt dazu mit, dass sein Bruder mit der Verwaltung des Grundstücks betraut sei. Avci habe keine politische Nähe zur "Ülkücü-Bewegung" - er lehne sie im Gegenteil ab. Als langjähriger Integrationsratsvorsitzender sei er auf tausenden Veranstaltungen eingeladen gewesen und habe nicht immer Einfluss darauf, wo mit wem er auf Fotos abgebildet werde.

Die CDU Duisburg reagierte auf Anfragen von Report Mainz und "Der Westen" bislang nicht. Während eines Pressetermins in Sachsen auf das Thema angesprochen, antwortete Parteichef Armin Laschet: "'Graue Wölfe' werden aus der CDU ausgeschlossen."

Doch wie viel Nähe zu den "Grauen Wölfen" ist erlaubt? Der Fall Avci ist der CDU-Parteiführung schon länger bekannt. Mitglieder der Gruppierung "Union der Vielfalt" hatten schon 2016 im Rahmen einer Präsentation auch Avcis mutmaßliche Nähe zu den "Grauen Wölfen" thematisiert. Dies sei jedoch ohne Konsequenzen geblieben, sagt der damalige Mitinitiator Salim Cakmak im Interview mit Report Mainz.

Der Türkeiexperte Burak Copur sieht den Fall in der Duisburger CDU nicht als Einzelfall: "Das Ganze hat System. Es gibt solche Fälle in anderen Parteien auch." Problematisch sei das Desinteresse der deutschen Parteien "an diesen extremistischen Tendenzen in der türkischen Community", so Copur im Interview mit Report Mainz.

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