Hände greifen nach einem Impfausweis. | dpa
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Corona-Impfung Gefälschte Impfpässe werden zum Problem

Stand: 11.05.2021 06:02 Uhr

Arztpraxen und Corona-Impfzentren sind nach Recherchen von Report Mainz häufig von Impfpass-Fälschungen betroffen, ohne es zu wissen. Die geplante Digitalisierung der Impfpässe könnte das Problem eher verschärfen als lösen, meinen Kritiker.

Von Manuela Dursun und Christian Saathoff, SWR

Matthias Gronkiewicz ist misstrauisch geworden. In seinem Online-Shop für Stempel gehen seit einiger Zeit immer wieder dubiose Bestellungen ein, die angeblich für Impfzentren oder Ärzte angefertigt werden sollen. Das berichtet er im Interview mit Report Mainz. Doch die Stempel werden nicht in das jeweilige Impfzentrum oder die jeweilige Praxis bestellt, sondern sollen an Privatadressen geliefert werden, oft sogar in andere Städte.

"Ich tippe mal, dass Privatpersonen momentan eben durch die Diskussion um die Lockerung für Genesene und Geimpfte auf die Idee kommen, sich eine Impfbescheinigung selbst zu fälschen", so Gronkiewicz. In solchen Fällen würde er bei den betroffenen Impfzentren und Arztpraxen nachfragen, ob sie tatsächlich diese Bestellung aufgegeben hätten. Falls dies nicht der Fall sei, würde er den Auftrag ablehnen.

Allerdings sei ihm bewusst, dass sich längst nicht alle seiner Kollegen so verhalten: "Ich halte das Missbrauchspotential für sehr groß. Denn ein Besteller, der bei uns keine Lieferung erhält, hat so gesehen auch keinerlei Konsequenzen zu befürchten und bestellt einfach woanders", so Gronkiewicz gegenüber Report Mainz.

Stempel von Impfzentren und Arztpraxen zweckentfremdet

Allein 13 auffällige Bestellungen hat er innerhalb einer Woche bekommen. Report Mainz hat diesen Bestellungen hinterher recherchiert - in keinem der 13 Fälle war die Bestellung von Mitarbeitern der jeweiligen Arztpraxis oder des Impfzentrums aufgegeben worden.

Auch Hausarzt Thomas Beissner war betroffen. Anfang April bestellte eine Person einen Stempel mit Namen und Anschrift seiner Praxis in Dortmund. Der Stempel sollte allerdings nach Hamburg geliefert werden. Der Hausarzt erstattete Anzeige, doch die Polizei stellte ihre Ermittlungen nur wenige Wochen später ein, berichtet Thomas Beissner. Nach Aussage der zuständigen Behörden konnte ein Täter nicht ermittelt werden.

Report Mainz hat daraufhin vor Ort bei der Adresse recherchiert, an die der Stempel geliefert werden sollte. Unter der Lieferadresse findet sich ein Imbiss im Süden Hamburgs. Dessen Betreiber streitet gegenüber Report Mainz allerdings ab, die Bestellung aufgegeben zu haben - obwohl seine Handynummer mit den Kundenangaben in der Bestellung übereinstimmt.

Steigendes Interesse an Fälschungen auf Telegram

Report Mainz hatte vor einiger Zeit bereits berichtet, wie Händler von gefälschten Impfpässen über das Internet ihre Ware anbieten.

Auch die Psychologin Pia Lamberty hat die Nachfrage nach gefälschten Impfpässen untersucht. Im Gespräch mit dem ARD-Politikmagazin berichtet die Wissenschaftlerin: Während gefälschte Impfpässe zu Beginn eher über das Darknet angeboten worden seien, bekämen nun entsprechende Gruppen und Kanäle im Messengerdienst Telegram deutlich Zulauf. So habe sich allein in einer Gruppe, in der Impfpässe angeboten würden, die Mitgliederzahl innerhalb von knapp zwei Wochen versechsfacht. Eine der größten Gruppen zählt mittlerweile über 8000 Mitglieder. Lamberty beobachtet diese Entwicklung mit Sorge: "Das sind nicht alles Internet-Cracks. Durch diese neuen Entwicklungen auf Telegram ist es unglaublich simpel geworden, an einen gefälschten Impfpass zu kommen. Man braucht nur ein Handy. Das finde ich problematisch, dass dieser Zugang so viel einfacher ist."

Digitalisierung bestehender Impfpässe könnte Abhilfe schaffen

Kritiker monieren schon seit Längerem, dass der herkömmliche Papier-Impfausweis nicht fälschungssicher sei und fordern stattdessen direkt ein digitales Impfzertifikat einzusetzen. In anderen Ländern wie in Griechenland, Dänemark oder Estland gibt es dies schon länger.

Auch für die Polizei sei eine Fälschung auf dem Papier nur äußerst schwer zu erkennen, sagt Virginie Wegner vom LKA Hessen. "Es ist klar, dass, wenn wir solche digitalen Impfpässe haben, dass nicht nur die Fälschungssicherheit erhöht wird, sondern auch der Missbrauch, der damit getrieben wird, eingedämmt werden kann."

Spahn plant mit Apotheken - Kritiker skeptisch

Nach Plänen des Bundesgesundheitsministeriums sollen die Papier-Impfpässe von bereits Geimpften nun nachträglich digitalisiert werden. Dabei könnten laut Gesundheitsministerium Apothekerinnen und Apotheker helfen.

Doch auch die könnten einen gefälschten Impfpass kaum von einem echten unterscheiden, warnt der Vorsitzende des Digitalausschusses im Bundestag, Manuel Höferlin (FDP), im Interview mit Report Mainz. Deshalb sei das Risiko hoch, dass auch gefälschte Impfpässe digitalisiert würden: "Herr Spahn hat auf das alte System des Papier-Nachweises im Impfpass gesetzt, obwohl abzusehen war, spätestens seit der Corona-Warn-App, dass wir ein vertrauenswürdiges System brauchen, in dem digitale Impfungen nachgewiesen werden können. Das ist Schlafmützigkeit."

Deswegen sollten Geimpfte nur dort einen digitalen Impfnachweis bekommen, wo sie geimpft worden seien: "Nur der Arzt, nur das Zentrum, bei dem die Impfungen auch wirklich stattgefunden hat, kann das in ihren eigenen Unterlagen nachschauen. Nur so kann Vertrauen in das digitale Impf-Zertifikat hergestellt werden", so Höferlin. Auf Anfrage von Report Mainz verweist das Bundesgesundheitsministerium auf Äußerungen von Jens Spahn, demzufolge die Frage nach Einbindung der Apotheken noch nicht entschieden sei. Die Entscheidung solle in den nächsten Wochen fallen.

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 11. Mai 2021 um 21:45 Uhr im Ersten.

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Moderation 11.05.2021 • 18:46 Uhr

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