Zwei Jugendliche mit Tablet-Pcs | picture alliance / imageBROKER
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Cybergrooming Täter sind oft selbst sehr jung

Stand: 14.09.2021 05:24 Uhr

Das Anbahnen sexueller Kontakte zu Kindern und Jugendlichen im Netz ist verboten. Tatverdächtige sind häufig selbst noch minderjährig. Das zeigt auch ein Selbstversuch von Report Mainz, der vor drei Jahren begann.

Von Claudia Butter und Christian Stracke, SWR

Über beliebte Onlinedienste bahnen sie sexuelle Kontakte zu Kindern und Jugendlichen an oder schicken ihnen unverlangt pornografische Bilder zu - die Tatverdächtigen in solchen Fällen sind keineswegs immer ältere Pädophile, sondern zunehmend selbst noch Jugendliche. Das haben Recherchen des ARD-Politikmagazins Report Mainz ergeben.

Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Hochschule der Polizei Brandenburg bestätigte im Interview mit Report Mainz: "Seit mehreren Jahren können wir feststellen, dass die Anzahl der minderjährigen Tatverdächtigen zum Beispiel bei Cybergrooming, aber auch bei Kinderpornografie und Jugendpornografie massiv angestiegen ist. Mittlerweile ist fast jeder zweite Tatverdächtige selbst Kind oder Jugendlicher." Das stellte der Cyberkriminologe im Rahmen einer Sonderauswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) fest. Die Pandemie, während der Kinder und Jugendliche länger zuhause das Internet nutzten, habe das Problem noch verschärft.

Täter werden immer jünger

Auch die Kriminalpolizei bestätigte diesen Trend gegenüber Report Mainz. So sagte Kriminalhauptkommissar Volker Olbrisch, der die Ermittlungsgruppe zu Besitz und Verbreitung kinder- und jugendpornografischer Schriften bei der Kriminalpolizeidirektion Offenburg leitet: "Wir stellen fest, dass die Täter immer jünger werden. Wir haben jetzt schon 11-, 12-, 13-Jährige, die wirklich mit Hardcore Kinderpornografie zusammenkommen", so Olbrisch. "Wir haben auf der einen Seite diese kinderpornografischen Darstellungen, die irgendwie an sie herangekommen sind, die sie dann weiterverbreiten. Auf der anderen Seite haben wir aber auch Bilder oder Videos, die die Jugendlichen von sich selbst machen und in Chat-Gruppen einstellen. Und dann natürlich auch Fälle von Cybergrooming."

Selbstversuch als 13-jähriges Mädchen im Netz

Report Mainz hatte bereits vor drei Jahren über das Thema Cybergrooming, also das Anbahnen sexueller Kontakte zu Kindern und Jugendlichen im Netz, berichtet und einen Selbstversuch unternommen. Eine Redakteurin hatte sich als 13-jähriges Mädchen ausgegeben und sich bei einem beliebten Messenger-Dienst angemeldet. Innerhalb eines Tages erhielt sie acht pornografische Fotos, die Männer bei der Selbstbefriedigung zeigten. Mehr als 20 Männer versuchten, sexuellen Kontakt zu dem vermeintlich 13 Jahre alten Mädchen aufzunehmen.

Nach der Berichterstattung wurden in mehreren Fällen Ermittlungsverfahren eingeleitet, die inzwischen abgeschlossen sind. Auch hier waren die Täter meist noch jung, einer war erst 16 Jahre alt. Henrik Blaßies von der Staatsanwaltschaft Pforzheim, der eines der Ermittlungsverfahren geleitet hat, erklärte: "Wir haben es tatsächlich häufig, dass entgegen den Erwartungen, die man vielleicht so hat, nicht nur der erwachsene Pädophile sich auf solchen Plattformen rumtreibt und entsprechende Straftaten begeht, sondern es ist auch so, dass in vielen Fällen Jugendliche hier die Straftäter sind. Man kann sagen, dass wir hier einen traurigen Trend bei den Jugendlichen sehen."

Zusammenhang von sexueller Gewalt und Porno-Konsum?

Ähnliches berichtet Sabine Maschke von der Universität Marburg. Die Erziehungswissenschaftlerin befragte mehr als 4000 Jugendliche zu ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Dabei habe sie einen Zusammenhang festgestellt, der sie alarmiere: "Es gibt einen starken, signifikanten Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Schauens von Pornografie und sexualisierter Gewalt. Je häufiger geschaut wird, desto stärker wird sexualisierte Gewalt ausgeübt. Wir haben gesehen, dass bei den jüngeren, männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren knapp die Hälfte fast täglich Pornografie konsumiert. Bei den Älteren sind es zwei Drittel."

Pornografische Inhalte für Minderjährige zugänglich zu machen, ist gesetzlich verboten. Ein Test von Report Mainz zeigte aber: Viele Pornoanbieter kontrollieren das Alter ihrer Nutzer offenbar gar nicht. Bei einer bekannten Plattform beispielsweise reichte es mit einem Klick zu bestätigen, dass man älter als 18 Jahre sei. Bei anderen Seiten ist nicht mal das erforderlich. Zu sehen sind dann Hardcore-Pornos, Gewalt gegen Frauen wie Fesseln, Würgen, Schlagen.

Medienkompetenz vermitteln

Zur Bekämpfung dieser Entwicklungen fordern Experten, darunter der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger, Verbesserungen bei der Vermittlung von Medienkompetenz an Schulen. Mit einem Smartphone erhielten Kinder Zugang zu einem globalen digitalen Kriminalitätsraum, über dessen Risiken sie nicht ausreichend aufgeklärt würden.

"Aus meiner Sicht werden wir die Tendenz erleben, dass die Zahlen minderjähriger Tatverdächtige noch weiter ansteigen", erklärte er. "Das liegt daran, dass wir noch immer keine effektiven Schutzmaßnahmen und Präventionsmaßnahmen im Zusammenhang haben. Wenn Kinder ab der ersten Klasse ein Smartphone bekommen, in der Pandemie wegen Homeschooling alle vor den Rechnern sitzen sollen, dann muss man auch ab der ersten Klasse verpflichtend in ganz Deutschland Medienkompetenz vermitteln."

Die Kultusministerien der Länder erklärten auf Nachfrage von Report Mainz, es gebe bereits eine Menge verschiedener Projekte und Unterrichtsinhalte zur Vermittlung von Medienkompetenz. Dabei variieren Umfang und Ausgestaltung von Bundesland zu Bundesland.

Über dieses Thema berichtete der ARD Report Mainz am 14. September 2021 um 21:45 Uhr.