Eingang zur Jugendherberge in Prora auf Rügen

Corona-Krise in Deutschland Stehen Sozialunternehmen vor dem Aus?

Stand: 14.04.2020 19:23 Uhr

Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung treffen viele Sozialunternehmen hart: Sozialprojekte und Jugendherbergen stehen vor dem Aus. Hat die Politik sie bei der Planung des Rettungsschirms vergessen?

Von Ulrich Neumann und Pascal Siggelkow, SWR

Seit fast 20 Jahren ist die Ausstellung "Dialog im Dunkeln" in Hamburg sehr beliebt. Im Schnitt kommen 100.000 Besucher jährlich. Dadurch finanziert sich das Sozialprojekt. Die Grundidee: Sehende werden zu Blinden gemacht und von echten Blinden durch stockfinstere Räume geführt. Die "Pseudo-Blinden" müssen sich auf der Straße, auf dem Markt oder in einem Restaurant zurechtfinden. Auf diese Weise soll Verständnis für die alltäglichen Lebenssituationen von Blinden geschaffen werden.

Gebäude "Dialog im Dunkeln" | Bildquelle: report Mainz
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"Dialog im Dunkeln" will Sehenden zeigen, wie sich Blinde in unserer Welt zurechtfinden.

"Dialog im Dunkeln" vor der Insolvenz?

"Dialog im Dunkeln" ist eine gemeinnützige GmbH. Das bedeutet, wirtschaftlich steht sie auf eigenen Füßen. Doch in Corona-Zeiten kommen keine Besucher mehr: Die Einnahmen brechen weg, der Einrichtung droht die Insolvenz. Andreas Heinecke, der Initiator von "Dialog im Dunkeln", sieht seine Ausstellung von der Politik im Stich gelassen. Es gerate jetzt zum Nachteil, einen sozialen Auftrag mit wirtschaftlichem Ansatz zu verfolgen und nicht ausschließlich spenden- und steuerfinanziert zu sein, beklagt er gegenüber dem Politikmagazin Report Mainz.

Ähnlich kritisch äußert sich Matthias Bartke, SPD-Bundestagsabgeordneter und zugleich Vorsitzender des Ausschusses Arbeit und Soziales. Bislang gelte der Rettungsschirm nur für gewerbliche Unternehmen. Er wisse nicht, warum das so ist. "Ich fürchte, dass es einfach ein Flüchtigkeitsfehler gewesen ist. Aber der muss natürlich behoben werden."

"Zahlungsunfähigkeit könnte sehr bald drohen"

In der gleichen schwierigen Situation wie "Dialog im Dunkeln" befinden sich Jugendherbergen, Schullandheime und Naturfreundehäuser: keine Einnahmen, niemand kommt mehr. Tausende solcher Häuser gibt es in Deutschland. Wenn nichts passieren würde, gäbe es schon bald die ersten Insolvenzen, sagt Stephan Schenk, Bundesfachgruppenleiter der Naturfreundehäuser "Das ist nach meinem Eindruck bei vielen Häusern tatsächlich nur noch eine Frage von Wochen, bis Zahlungsunfähigkeit drohen könnte." Benjamin Krohn vom Vorstand der Hamburger Schullandheime sieht zudem die Gefahr, dass einmal geschlossene Häuser nicht mehr geöffnet werden. Das hätten die Krisen der vergangenen Jahrzehnte gezeigt.

Dabei sind gerade solche Sozialunternehmen wichtige Orte sozialen Lernens, sagt Sozialwissenschaftlerin Laura Haverkamp vom Verein SEND. Der kümmert sich vor allem in Deutschland, aber auch international, um den Aufbau eines Netzwerkes für Sozialunternehmer. "Diese Unternehmen setzen all ihre Kraft nicht für individuelle Profitmaximierung ein, sondern dafür, gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen", sagt Haverkamp im Interview mit Report Mainz.

Schnelle Hilfe für Sozialunternehmen?

Diese Unternehmen brauchen schnell Hilfe, das weiß auch Bartke. Der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales will sich für eine rasche Lösung einsetzen. "Das ist für alle soziale Unternehmen derzeit eine große Bewährungsprobe. Aber es ist auch für den Staat eine Bewährungsprobe. Und der Staat muss diese Unternehmen retten. Deutschland ohne Jugendherbergen zum Beispiel geht doch gar nicht."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Politmagazin "Report Mainz" am 14. April 2020 um 21:45 Uhr.

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