Schweine | Report Mainz
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"Schweinestau" Verstöße gegen Tierschutz wegen Corona?

Stand: 05.01.2021 13:44 Uhr

Überfüllte Ställe, verletzte Tiere: Report Mainz liegen Aufnahmen aus Schweinebetrieben vor, die Verstöße gegen den Tierschutz zeigen. Die Betreiber sehen die Pandemie als Ursache. Doch Experten kritisieren die Haltung generell.

Von Monika Anthes und Edgar Verheyen, SWR

Es ist Mitte November, als Report Mainz einen landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe des Möhnesees in NRW besucht. Alfred Tigges betreibt dort eine Schweineproduktion mit mehr als 1000 Tieren. Er erzählt, dass sich seine Schweine in den Ställen drängen. Sie seien zu alt und zu schwer, die Ställe überbelegt.

"Wir kriegen die Abteile nicht schnell genug geräumt. Deshalb sind wir aktuell auf Kollisionskurs mit dem Tierschutz", sagt er im Interview mit dem ARD-Politikmagazin. Das sei eine Folge der Corona-Pandemie. Seit Monaten haben die Schlachthöfe ihre Produktion deutlich gedrosselt. Bei Tönnies gingen die Schlachtzahlen zum Beispiel auf etwa 70 Prozent der Vorpandemie-Ära zurück. Man spricht seither von einem "Schweinestau".

Landwirte machen Verluste mit jedem gemästeten Tier

Und die Supermärkte unterbieten sich seither mit Kampfpreisen. Derzeit mache Landwirt Tigges einen Verlust über die gesamte Mastzeit von 35 Euro pro Schwein. Andere Landwirte, wie Horst Bonn, schicken ihre Tiere sogar zum Schlachten ins Ausland. "Die werden dann auf der Autobahn ein paar hundert Kilometer weggefahren und dann als Salami oder Schinken wieder ein paar hundert Kilometer zurückgefahren", erklärt Bonn.

Was bedeutet diese Situation für den Tierschutz? Report Mainz liegt exklusiv Bildmaterial aus mehreren Schweinemastbetrieben in Norddeutschland vor. Die Aufnahmen stammen vom Deutschen Tierschutzbüro. Darauf zu sehen sind viele verletzte Schweine. Dicht gedrängt stehen sie völlig verdreckt in dunklen Buchten. Mit den Aufnahmen konfrontiert erklären mehrere Landwirte: Schuld an den Missständen sei die Corona-Krise. Anonym sagte ein Landwirt gegenüber Report Mainz: "Wir haben ja seit Ende März Corona. Und seither stauen sich die Schweine sehr zurück. Dadurch ist der Platz im Stall sehr eng, weil die Schweine viel zu schwer werden. Klar, das führt auch zu Tierschutzproblemen."

Schweine | Report Mainz

Deutschlands oberster Schlachthofveterinär kritisiert die Schweine-Haltung auf Betonspaltenböden. Bild: Report Mainz

Schlachthofveterinär kritisiert Schweinehaltung

Deutschlands oberster Schlachthofveterinär, Kai Braunmiller aus Bayreuth, glaubt nicht daran, dass nur die Corona-Krise verantwortlich für die Situation in vielen Ställen ist. Er sieht generelle Probleme in der konventionellen Schweinemast, vor allem kritisiert er die Haltung der Tiere auf Betonspaltenböden. Diese hält er für nicht tierschutzgerecht.

"Wir haben eine wissenschaftliche Untersuchung machen lassen, was die Liegeschäden angeht. 92 Prozent dieser Tiere bekommen Liegeschäden, 40 Prozent leichte, rund 50 Prozent mittlere und schwere, wie man sie hier auch gesehen hat. Das sind eigentlich Straftatbestände, die so überhaupt nicht zu tolerieren sind", sagt Braunmiller gegenüber Report Mainz. Folgt man den Ausführungen des Veterinärs, dann würden in Deutschland von den rund 50 Millionen Schweinen, die pro Jahr hierzulande gemästet werden, mehr als 90 Prozent rechtswidrig gehalten - mehr als 40 Millionen Tiere. 

Ex-Minister Borchert fordert mehr Tierwohl

Auch der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert glaubt, dass die jetzige Art der Schweinehaltung nicht dem Tierschutzgesetz entspricht. Zuletzt hat er federführend die nach ihm benannte Borchert-Kommission, im Auftrag der Bundesregierung, geleitet und Vorschläge zu einer Reform der Tierhaltung vorgelegt. "Die Ställe müssen umgebaut werden, das bedeutet natürlich eine gravierende Veränderung der jetzigen Art der Nutztierhaltung", sagt der CDU-Politiker im Interview mit Report Mainz.

Deshalb fordert er die Einführung des staatlichen Tierwohlkennzeichens für Schweine. Außerdem soll der Umbau der Ställe durch eine sogenannte Tierwohlprämie finanziert werden. Geplant sind 40 Cents pro Kilo Fleisch oder Wurst.

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Der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert will Ställe umbauen lassen. Finanziert werden soll das durch eine sogenannte Tierwohlprämie - 40 Cents pro Kilogramm Fleisch. Bild: Report Mainz

Bessere Haltungsbedingungen schon heute möglich

Einige Betriebe haben ihre Haltungssysteme bereits auf mehr Tierwohl ausgelegt und sind dennoch nicht "Bio". Jens van Bebber aus Samern in der Grafschaft Bentheim in Niedersachsen zum Beispiel setzt auf so genannte Offenstall-Systeme. Seine Schweine leben in großen Stallabteilen. Darin gibt es einen Bereich mit Stroh zum Wühlen und einen Außenbereich zum Koten.

Früher hielt der Landwirt rund 10.000 Tiere, heute sind es gerade noch 2000 Schweine. Und trotzdem gehe es ihm wirtschaftlich blendend: "Wir haben ein Ertragsniveau, was sehr viel besser ist als die konventionelle Haltung. Also komme ich mit weniger Schweinen jetzt sogar besser finanziell aus, als ich das vorher mit den vielen Schwein in der konventionellen Haltung gemacht habe." Es ist also wirtschaftlicher und den Tieren geht es sichtlich gut.

Die Politik zögert

Doch damit solche Konzepte zum Standard werden können, muss die Bundesregierung entsprechende Gesetze erlassen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will die Vorschläge der Borchert-Kommission umsetzen und auch der Bundestag hat ihr dafür bereits im Sommer grünes Licht gegeben. Doch konkrete Maßnahmen gibt es nicht - bis heute. Die CDU-Politikerin verweist auf die Koalitionsfraktionen. Diese müssten "das Gesetz im Bundestag aufsetzen".

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner präsentiert ein Schild mit der Aufschrift "#fairplayfürbauern" während der Vorstellung eines Gesetzentwurfs gegen unfaire Handelspraktiken. | dpa

Landwirtschaftsministerin Klöckner hat schon vor Monaten Verbesserungen angekündigt - doch konkrete Maßnahmen gibt es bislang noch nicht. Bild: dpa

Kritikern wie Borchert geht dies viel zu langsam: "Der Ball liegt im Feld der Politik. Hier ist das Kabinett insgesamt gefordert und hier sollten jetzt die betroffenen Ressorts sich zusammensetzen und gucken, wie kommen wir möglichst schnell zu Ergebnissen."

Auch Klaus Müller vom Verbraucherzentrale Bundesverband fordert die Bundesregierung auf, endlich zu handeln: "Es gibt bisher kein Gesetz, was beschlossen wurde zur Tierwohlkennzeichnung. Es gibt kein Gesetz zur besseren Nutztierhaltung. Es gibt kein Gesetz dafür, dass es insgesamt den Tieren heute besser geht. Und solange bleibt Papier geduldig."

Über dieses Thema berichtete das Erste in "Report Mainz - extra" am 05. Januar 2021 um 22:00 Uhr.

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Moderation 05.01.2021 • 21:49 Uhr

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