Ein pflegebedürftiger Mann und eine Pflegerin in der eigenen Wohnung | Bildquelle: Retzlaff

Häusliche Pflege Versorgungsnotstand wegen Corona?

Stand: 24.03.2020 06:00 Uhr

Pflegeverbände schlagen Alarm: Ab Ostern könnten bis zu 200.000 Menschen nicht mehr häuslich versorgt werden, denn viele Betreuungskräfte aus Osteuropa verlassen aus Angst vor Corona Deutschland.

Von Gottlob Schober, SWR

Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) rechnet nach Recherchen des ARD-Magazins Report Mainz kurzfristig mit einem Versorgungsnotstand, wenn Betreuungskräfte aus Osteuropa in Deutschland fehlen. Viele von ihnen verlassen aus Angst vor der Corona-Krise Deutschland. Wenige Osteuropäerinnen kommen derzeit aber als Ersatz nach. Auch Wartezeiten von bis zu 15 Stunden an der Grenze schrecken ab.

"Wir rechnen damit, dass ab Ostern 100.000 bis 200.000 Menschen schrittweise nicht mehr versorgt sind, dass sie alleine zuhause bleiben und dass sie dann in Altenheimen oder Kliniken versorgt werden müssen", sagt der Geschäftsführer des Verbandes, Frederic Seebohm. Sie müssten zusätzlich zu jenen Menschen betreut werden, die sowieso jetzt schon in Altenheimen und Kliniken versorgt werden, warnt er.

Frederic Seebohm, Geschäftsführer des Verbands für häusliche Betreuung und Pflege Screenshot: Report Mainz | Bildquelle: Screenshot: Report Mainz
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Experte Seebohm rechnet mit einer sechsstelligen Zahl von Personen, für die andere Pflegemöglichkeiten gesucht werden müssen.

 "Pflegeheime sind voll"

"Die Krankenhäuser können diese Personen nicht aufnehmen, weil sie die Plätze für Erkrankte brauchen. Die Pflegeheime sind voll. Das heißt, dort können auch momentan nicht ad hoc Tausende zusätzliche pflegebedürftiger Menschen aufgenommen werden", sagt der Kölner Pflegeforscher Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung zu den Zahlen des VHBP. Momentan wisse man nicht, wie so etwas bewerkstelligt werden sollte.

Auf Anfrage von Report Mainz nahm das Bundesgesundheitsministerium zu den Zahlen keine Stellung.

Problemlage Schwarzarbeit

Derzeit sind nach Schätzung des VHBP rund 300.000 osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland tätig. 90 Prozent von ihnen, also ca. 270.000, arbeiten schwarz. "Die Betreuungskräfte sind und waren immer schon systemrelevant, und dabei spielt es keine Rolle, ob sie legal oder illegal beschäftigt sind", erklärt Isfort. Sie seien einfach als Personen hier in Deutschland systemrelevant, weil nur sie das Versorgungssystem der Pflegebedürftigkeit stabilisieren.

Daher fordert VHBP-Geschäftsführer Seebohm die Bundesregierung auf, den Betreuungspersonen eine Passiermöglichkeit einzuräumen, damit sie die Grenze überqueren könnten. "Das bedeutet eine Registrierungspflicht für diese Betreuungspersonen, damit man weiß, wer kommt", sagt er.

Pflegeforscher Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung Screenshot: Report Mainz
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Pflegeforscher Isfort fordert Maßnahmen, um den betroffenen Betreuungspersonen weiterhin ihre Arbeit zu ermöglichen.

Virenschleuder Bus

Bisher kamen die Betreuungskräfte vor allem mit Bussen. Doch Busreisen sind in Deutschland jetzt verboten. Deshalb werde laut VHBP der Transport auf Kleinbusse oder Autos mit fünf Personen verlagert. "Das ist ein gewaltiges Infektionsrisiko für Betreuungskräfte, die die Hochrisikogruppe Pflegebedürftige versorgen", sagt VHBP-Geschäftsführer Seebohm im Gespräch mit Report Mainz.

Gerade die vielen illegalen Betreuungskräfte, die nicht durch Agenturen betreut und transportiert würden, brauchten Fahrten ohne Infektionsrisiko. Seebohm schlägt deshalb vor, Fahrten mit Einzeltaxis vom Wohnort bis zum Auftragsort einzurichten. Der Fahrerwechsel könne an der Grenze stattfinden.

Gottlob Schober | Bildquelle: SWR / Report Mainz Logo SWR

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