Ein kleines Mädchen schaut auf das Display eines Smartphones. | Bildquelle: dpa

Corona-Falschbehauptungen Verschwörungsmythen im Kinder-Chat

Stand: 10.11.2020 18:45 Uhr

Pandemie-Leugner machen mit Falschbehauptungen Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen. Dabei werden Verschwörungsmythen auch in Chatgruppen für Kinder und Jugendliche verbreitet.

Von Eric Beres und Christian Saathoff, SWR

Eines der Chatmitglieder hat die Maskenpflicht offenbar satt. In der Gruppe "Samuel Eckert Youngsters" auf der Plattform Telegram gibt er auch gleich einen Tipp, wie man sich davon befreien kann: "Wenn du in der Schule sitzt mit Maulkorb, dann anfangen zu japsen und nach Luft zu schnappen und danach vom Stuhl fallen lassen (vorher üben sonst verletzt man sich). Dann wird man nach Hause geschickt. Deine Eltern müssten dann mit dir zum Arzt und sagen: 'Hier, mein Kind ist grad komplett umgekippt.'"

Danach bekomme man ganz sicher ein Attest gegen die Maskenpflicht. In dem Chatraum bietet ein "Samuel Eckert" an, sein Vater sei Arzt und könne solche Atteste ausstellen.

Experten: Corona-Masken für Kinder und Jugendliche ungefährlich

Samuel Eckert, der Gründer der Chatgruppe, ist ein bekennender Corona-Leugner aus Baden-Württemberg, der mehrere Firmen in der Schweiz betreibt. Zusammen mit dem Sinsheimer HNO-Arzt Bodo Schiffmann wetterte er zuletzt auf einer "Info Tour" in mehreren deutschen Städten gegen die Corona-Maßnahmen. Thema dabei fast immer wieder: Die angeblich tödliche Gefahr von Masken für Kinder und Jugendliche.

Doch bis heute gibt es keinen einzigen bestätigten Fall. Mediziner wie Burkhard Rodeck, Generalsekretär der "Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin", halten das Maskentragen für ungefährlich: Im Interview mit Report Mainz sagte er: "Wir kennen aus der Kinder- und Jugendmedizin einen großen Bereich, in dem auch ganz kleine Kinder Masken tragen. Das ist die Kinderonkologie. Kinder-Krebserkrankung, Knochenmark transplantierte Kinder. Und all diese Kinder tragen diese Maske ohne irgendein Problem."

Verschwörungstheorien in "Youngsters"-Gruppe

Doch in Eckerts Chatgruppe, die "Samuel Eckerts Youngsters" heißt und inzwischen mehr als 270 Mitglieder zählt, wird das Maskentragen als gefährlich angeprangert. Das sei "Körperverletzung und möglicherweise sogar Mord", schreibt etwa ein User. Mehr noch: Diese Erzählung wird von vielen Chatmitgliedern geschickt mit gängigen Verschwörungsmythen verknüpft.

Das belegen zahlreiche Chatverläufe aus der Gruppe, die Report Mainz exklusiv vorliegen. In die Gruppe bekommen nur Zehn- bis 17-Jährige Zutritt. Man muss sich mit Video und Dokumenten vorstellen - Kinder unter 14 müssen zusätzlich eine Einverständniserklärung der Eltern vorlegen.

In der Gruppe heißt es etwa: "Habt Ihr schon von Bill Gates gehört? Er hat gesagt vier Jahre Corona Maßnahmen und zehn Jahre Wiederaufbau. Das System heißt the Great Reset." Dazu kommentiert eine Userin: "Nach vier Jahren hat der auf jeden Fall sein beschissenes Überbevölkerungsproblem gelöst." Solche Aussagen knüpfen an das Narrativ von Corona-Leugnern an, der Microsoft-Gründer wolle die Bevölkerung durch Massen-Impfungen dezimieren.

Dass es um mehr als nur die lästige Alltagsmaske geht, zeigt auch dieser Kommentar: "Die Zeit des Systems tickt." Weiter heißt es: "Wir müssen Milliarden werden!!! Und dann alle Merkel umzingeln!!"

Zudem wird der jüngste Terror-Anschlag in Wien als "Fake" bezeichnet. "Sie benutzen das jetzt, um das mit der Wahl zu verstecken", schreibt eine Userin, offenbar in Anspielung auf den vom Trump-Lager behaupteten Wahlbetrug in den USA. In der Chatgruppe steht auch, dass es angeblich gar keine Corona-Toten gebe. Das alles unter den Augen einer erwachsenen Administratorin, die solche Aussagen kaum moderiert.

Chat-Gründer streitet Instrumentalisierung ab

Im Interview mit Report Mainz rechtfertigt Samuel Eckert dies damit, dass man keine Zensur betreiben wolle: "Bei uns werden die Leute angehalten, selber zu denken. Wir schreiben keinem vor, was er zu denken hat", sagt Eckert.

Mit geteilten Verschwörungsmythen in dem Chat scheint er kein Problem zu haben: "Welches Problem haben Sie damit, dass Menschen über ein Ereignis kritisch diskutieren? Von allen Bereichen her? Warum darf man über Nine Eleven oder über Wien oder über Paris nicht die Frage stellen, ob das ein Fake-Angriff war?"

Kinder hätten zudem die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten über ihre Erfahrungen in der Schule auszutauschen. Damit konfrontiert, dass Minderjährige in den Chats womöglich instrumentalisiert werden, sagt Eckert: "Instrumentalisieren ergibt sich mir nicht."

Experten warnen vor Chatgruppe

Beate Leinberger vom Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten e.V. hält "Samuel Eckerts Youngsters" hingegen für bedenklich: "Das ist hochmanipulativ von diesen Moderatoren. Kinder und Jugendliche werden dazu benutzt, die eigenen Werte oder auch Verschwörungstheorien zu unterstützen. Hier greift keiner ein, es wird nicht reguliert, sondern die Kinder und Jugendlichen werden in ihren Ängsten und Unsicherheiten belassen."

Die Sozialpsychologin und Expertin für Verschwörungserzählungen, Pia Lamberty, bewertet die Chats so: "Es ist keine ungefährliche Gruppe. Kinder, die permanent mit so verschwörungsideologischen Inhalten konfrontiert werden, sind da einer Gefahr ausgesetzt, im Sinne von, dass die sich radikalisieren können, aber auch, dass sie sich gesundheitlich einer Gefahr aussetzen." Nach Recherchen von Report Mainz werden aus der Gruppe auch gezielt Redner für Corona-Demos rekrutiert.

Emotionale Videos von Kindern in Gruppen verbreitet

Auch mit Videos, die das vermeintliche Leid von Kindern durch das Masketragen zeigen sollen, wird in verschiedenen Chatgruppen gezielt Stimmung gemacht. In einem dieser Videos werden Kinderfotos mit dramatischer Kinderstimme inszeniert. Wörtlich heißt es: "Jetzt ist Lisa tot. Weil sie Maske aufbehalten hat. Tod durch Sauerstoffmangel."

Und in einem Wahlwerbespot des Gründers der "Querdenken"-Bewegung, Michael Ballweg, der vergangenen Sonntag bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart antrat, sagt ein Kind: "Mama, ich kann durch die Maske nicht atmen." Bestärkt wird das Kind anschließend durch die Aussage der vermeintlichen Mutter: "Ich hoffe, dieser Wahnsinn hört bald auf."

Kinderarzt Burkhard Rodeck kommentiert das Video so: "Das ist eine Art psychologische Konditionierung. Wenn ich meinem Kind etwas aufsetze, ob das Maske oder Hut oder irgendetwas ist und das konnotiere mit einer Bemerkung, 'Hoffentlich hört dieser Wahnsinn bald auf', dann ist doch selbstverständlich, wie dieses Kind dann im Laufe der Zeit auf diese Aktion reagiert und auf das Maskentragen in diesem Fall reagiert. Insoweit ist auch hier wieder diese Altersgruppe in diesem Werbevideo instrumentalisiert und das ist zu verurteilen."

Aktionen vor Schulen

Inzwischen treten Corona-Kritiker auch im reellen Leben ganz offen an Kinder und Jugendliche heran, so wie Ende Oktober vor der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt. Im Umfeld einer Demo von Corona-Leugnern bedrängten mehrere Erwachsene Schülerinnen und Schüler, forderten sie zu sogenannten CO2-Tests auf, mit der sich die Gefährlichkeit des Maskentragens angeblich beweisen lasse.

Ein Schüler, der die Szenerie beobachtet hat, berichtet Report Mainz: "Sie haben Schülerinnen und Schüler aktiv dazu aufgefordert, die Maske abzuziehen, keine Maske zu tragen. Sie waren durchaus aggressiv, nicht körperlich, aber inhaltlich. Sobald wir eine Sache gesagt haben, die ihnen inhaltlich nicht gepasst hat, haben sie das unterbunden - durch mantramäßiges Wiederholen einzelner, weniger Sätze, die wissenschaftlich nachweislich falsch sind."

Mehr zu dem Thema sehen Sie heute Abend im Report Mainz im Ersten um 22 Uhr.

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 10. November 2020 um 22:00 Uhr.

Autor

Eric Beres Logo SWR

Eric Beres, SWR

@journalix73 bei Twitter

Autor

Christian Saathoff Logo SWR

Christian Saathoff, SWR

@saathchr bei Twitter
Darstellung: