Polizisten führen einen vorläufig festgenommenen Mann ab. Bei Ermittlungen gegen falsche Polizeibeamte wurden in Deutschland und der Türkei Objekte durchsucht und mehrere Personen festgenommen. | Bildquelle: dpa

Organisierte Kriminalität Schlag gegen die Call-Center-Mafia

Stand: 12.02.2020 09:45 Uhr

Mit einer Razzia ist die Polizei gegen eine Bande vorgegangen, die von der Türkei aus Rentner mit der Telefonmasche der "falschen Polizisten" betrogen hat. Es geht um Millionenbeträge.

Von René Althammer und Olaf Sundermeyer, rbb24 Recherche

Chef der 60-köpfigen Bande war nach Informationen von rbb24 Recherche der älteste von vier Brüdern der Großfamilie Ö. aus Datteln, der aus seiner Villa in Istanbul über Jahre das kriminelle Familiengeschäft führte. Mit der Festnahme der Brüder Ö. in der Türkei und in Deutschland gelang es Beamten der Polizeidirektion Osnabrück erstmals in Deutschland, auch die Hintermänner einer Form der organisierten Kriminalität zu überführen, mit der seit einigen Jahren vor allem Rentner über fingierte Anrufe durch falsche Polizisten um ihr Vermögen gebracht werden. Dabei kamen die Anrufe aus Call-Centern in Istanbul und Antalya, die am Morgen von der türkischen Polizei stillgelegt wurden.

Zeitgleich durchsuchten 100 Polizisten in Nordrhein-Westfalen 22 Wohnungen, Geschäftsräume und Fahrzeuge. In Datteln und Rheine wurden fünf Tatverdächtige festgenommen, darunter die Ehefrau des Clanchefs. Nach Polizeiangaben können seiner Bande mindestens 100 vollendete Betrugstaten nachgewiesen werden, mit einer Beute von mehr als drei Millionen Euro.

Nach einer bundesweiten Umfrage von rbb24 Recherche bei den Landeskriminalämtern sind Betrugshandlungen wie diese durch unterschiedliche Tätergruppen seit 2016 stark angestiegen. Die Anrufer saßen meist in Call-Centern in der Türkei. Auch deshalb werden die aller meisten Betrugsfälle nicht aufgeklärt.

Fortschritte bei Kooperation

In einigen Polizeibehörden gilt die vorbeugende Kriminalitätsbekämpfung durch die öffentliche Aufklärung potenzieller Opfer inzwischen als wirksamster Weg, dieser Betrugsmasche zu begegnen. Das Verfahren gegen die türkischstämmige Großfamilie Ö. gilt unter Ermittlern als wesentlicher Fortschritt in der deutsch-türkischen Polizei- und Justizzusammenarbeit. In der Vergangenheit hatten erfahrene Staatsanwälte aus dem Bereich Organisierte Kriminalität entsprechende Rechtshilfeersuchen zur Ermittlung von Straftätern in der Türkei regelmäßig als "aussichtslos" beschrieben.

In dieser Woche hieß es nun beim Bundeskriminalamt (BKA) auf Anfrage von rbb24 Recherche: "Mit Zunahme der polizeilichen Zusammenarbeitsanlässe haben sich belastbare Strukturen der Zusammenarbeit zwischen deutschen und türkischen Polizeibehörden entwickelt." So war die konzertierte Aktion der Behörden beider Länder auch auf Vermittlung durch BKA-Verbindungsbeamte zu Stande gekommen; unterdessen ist ein Polizist aus der Türkei zur Beobachtung der Aktion heute in Deutschland.

Auch in Dortmund, Bochum, Köln, Frechen, Münster und Olfen fanden Durchsuchungen statt, dabei wurden mehrere hochpreisige Autos beschlagnahmt. In der Vergangenheit soll sich die Bande auch deutsche Limousinen über Leasingbetrug erschlichen haben. Die türkische Polizei erhofft sich nach Informationen von rbb24 Recherche die Abschöpfung von kriminell erwirtschaftetem Vermögen der Großfamilie Ö. in der Türkei, wohin ein wesentlicher Teil ihrer Beute gelangt sei soll. Einzelne Familienmitglieder wurden wegen Drogenhandels bereits in Deutschland gesucht, und sollen sich dem Haftbefehl durch Flucht in die Türkei entzogen haben.

Betrüger geben sich als Polizisten aus

Aus ihren türkischen Call-Centern gaben sich die Betrüger am Telefon als Polizisten aus, die behaupteten, sie würden ihre Opfer vor Einbrecherbanden schützen und ihnen helfen, Gold und Schmuck in Sicherheit zu bringen. So unter Druck gesetzt, waren die Angerufenen dazu bereit, Geld und Wertgegenstände an angebliche Polizisten zu übergeben, bei denen es sich um lokale Abholer am unteren Hierarchieende der Bande handelte. Ihre Opfer fanden sie vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch anderen Bundesländern.

Seit 2017 liefen die Ermittlungen bei der Polizei in Osnabrück, zunächst gegen einen einzelnen Beschuldigten. Als diesem vor dem Landgericht in Osnabrück schließlich der Prozess gemacht wurde, packte er nach Informationen von rbb24 Recherche aus, Struktur und Vorgehensweise der Bande wurde sichtbar.

Psychische Folgen

Neben dem materiellen Schaden weisen Ermittler in Betrugsfällen durch "falsche Polizisten" stets auf die immensen psychischen Folgen für die Opfer hin. "Die Opfer leiden häufig unter Angstgefühlen, auch sinkt dadurch das Vertrauen gegenüber Behörden und Amtsträgern", sagt Marco Ellermann, Sprecher der Polizeidirektion Osnabrück.

So war es auch bei einer 91-Jährigen. Die alleinstehende Rentnerin aus Münster wurde im August vergangenen Jahres zum Opfer. Sie berichtet: "Er stellte sich am Telefon als Oberkommissar Spielmann vor, sagte, 'Sie sind bei uns in den besten Händen!'" Immer wieder habe er angerufen und gefragt, wie es ihr gehe. Schließlich habe er sie aufgefordert, ihr Geld von der Sparkasse zu holen, da es dort nicht sicher sei. Schließlich fuhr sie mit dem Taxi zur Bank und hob 35.000 Euro ab.

Zurück in ihrem Haus, rief der falsche Polizist wieder an. "Wir müssen jetzt ihr Geld sichern", habe der Mann am Telefon gesagt. "Machen Sie Ihr Haus ganz zu, Rollläden runter, als wenn niemand da ist, als wenn sie verreist sind, und legen sie das Geld vor die Tür auf die Matte." Dieser Aufforderung kam die Frau nach. Das Geld war dann weg.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. Februar 2020 um 09:45 Uhr.

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