Teilnehmer der "Mahnwache für das Grundgesetz" in Hamburg am 23. Mai | Bildquelle: FOCKE STRANGMANN/EPA-EFE/Shutter

"Hygienedemos" Mit Verschwörungsmythen angeheizt

Stand: 08.06.2020 18:00 Uhr

Das Coronavirus als Vorwand, um dauerhaft die Grundrechte einzuschränken - an diesen Verschwörungsmythos glauben nicht nur Teilnehmer von "Hygienedemos". Eine Umfrage zeigt, wie verbreitet diese Ansicht ist.

Von Silvio Duwe, rbb

Was Ende März als eine kleine Demonstration mit etwa 40 Teilnehmern in Berlin begann, hat sich zu einer Protestbewegung gegen die Corona-Beschränkungen, die Regierung und Behörden entwickelt. Woche für Woche kamen mehr Menschen zu "Hygienedemos" zusammen - trotz Versammlungsverboten und Abstandsregeln.

Die Demonstrationsteilnehmer einte ein tiefes Misstrauen gegenüber Staat und Medien. Journalisten wurden als "Lügenpresse" beschimpft, Polizisten als "Volksverräter". Es sind Kampfbegriffe der extremen Rechten, die bereits von Aufmärschen wie Pegida bekannt sind. Immer wieder wurde die Stimmung mit der im Herbst 1989 verglichen, als in der DDR Zehntausende gegen die SED-Regierung auf die Straße gingen.

Hygiene-Demonstration in Stuttgart: Teilnehmer tragen Aluhüte | Bildquelle: dpa
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Teilnehmer mit Aluhüten auf einer Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen

Verschwörungsmythen als Gefahr für die Demokratie?

Die Demonstranten der "Hygienedemos" würden das Coronavirus oft für eine Art internationalen Putsch halten, sagt Gesellschaftspsychologe Thomas Kliche. Viele glaubten, dass damit eine Systemkrise überdeckt werden soll, um ein autoritäres Regime zu installieren, eine Art Weltherrschaft, so Kliche.

Diese Analyse wird auch durch eine Umfrage bestätigt, die das ARD-Magazin Kontraste bei Infratest-dimap in Auftrag gegeben hat. Verschwörungsideologien sind demnach weit verbreitet: 17 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Corona-Krise für einen Vorwand der Politik halten, um die Freiheitsrechte dauerhaft einzuschränken. 38 Prozent der Befragten sagten, dass unter ihren Verwandten, Freunden und Bekannten mindestens einige sind, die glauben, dass die Politik das Coronavirus als Vorwand nutzt, um Freiheitsrechte einzuschränken.

Die Umfrage macht aber auch die Verunsicherung deutlich, zu der diese Entwicklung führt: Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie in Verschwörungsmythen eine wachsende Gefahr für die Demokratie sehen. Bei der Studie sind nach einer repräsentativen Zufallsauswahl 500 Menschen befragt worden.

Kein eindeutiges Profil

Es ist keine eindeutig definierbare Szene, die sich bei den "Hygienedemos" versammelt. Neben einer Gruppe singender Christen meditieren Esoteriker, dazwischen stehen bekannte Holocaustleugner, AfD-Politiker und gewaltbereite Rechtsextremisten. Allen gemein sind einfache Erklärungsmuster und der Wunsch, sich aufzulehnen, teils gar das System zu stürzen - mit kruden, nicht beweisbaren Theorien und Angstszenarien.

Diese verbreiten sich teils sogar live über Youtube und den Messengerdienst Telegram und erreichen so ein großes Publikum. Ken Jebsen, ein ehemaliger Radiomoderator, der heute mit Verschwörungserzählungen ein großes Publikum auf Youtube erreicht, präsentiert ganz eigene, nicht verifizierbare Komplott-Fantasien: "In Wirklichkeit geht es um ein Projekt, das nennt sich 'ID 2020', digitale Identität, die man in Zukunft bei der Geburt per Post bekommt", sagt Jebsen auf seinem Youtube-Kanal.

Als Joker geschminkt erklärt er, wer wirklich dahinter stecken soll: "Die gesammelten Daten laufen bei einem privaten Konzern ein" - einer davon sei die Gates-Foundation. Einige seiner Videos haben mehrere Millionen Abrufe.

"Obskure, verschrobene Gestalten"

Dabei profilieren sich die Verschwörungsideologen mit ihrer selbsternannten Expertise und viel Selbstbewusstsein, erklärt Psychologieprofessor Kliche. Er nennt sie "Moralunternehmer", mehr unternehmerisch, als moralisch: "Sie schreien, dass das öffentliche Gemeinwohl gefährdet sei und verkaufen mit ihren Ideen Bücher, T-Shirts und CDs. Sie gewinnen an Sichtbarkeit, Einfluss und Geld." Mit dem Verkauf ihrer Ansichten würden sie kleine politische Karrieren hinlegen, "wo sie sonst nur obskure, verschrobene Gestalten wären."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin Kontraste am 04. Juni 2020 um 22:00 Uhr.

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