Ein Mitarbeiterin des Gesundheitswesens bereitet in Angers (Frankreich) eine Impfdosis vor. | REUTERS
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Bekämpfung von Covid-19 Verengter Blick aufs Impfen

Stand: 17.02.2021 19:26 Uhr

Forscher werfen der Bundesregierung vor, im Kampf gegen die Corona-Pandemie zu stark auf Impfstoffe zu setzen. Laut dem rbb geht nur ein Bruchteil der Fördergelder in die Medikamentenforschung.

Von Anna-Maria Deutschmann, Kaveh Kooroshy und Sven Dröge, rbb

Wie Recherchen des rbb für die ARD ergeben, wurden seit Beginn der Pandemie in Deutschland insgesamt rund eine Milliarde Euro für die Erforschung von Mitteln, die gegen Covid-19 helfen sollen, bereitgestellt. Der allergrößte Teil davon fließt in die Impfstoff-Entwicklung: Lediglich 17,5 Millionen Euro sind demnach für die Erforschung von Medikamenten vorgesehen, die eine Covid-19-Erkrankung lindern könnten. Das heißt: Nicht einmal zwei Prozent der Gelder. Das geht aus Daten des BMBF hervor, die dem rbb vorliegen.

Keine Fördergelder trotz vielversprechender Ansätze

An der Berliner Charité behandelte Lungenexperte und Forscher Florian Kurth seinen Patienten Frank Zornow vor drei Monaten auf einer Covid-19-Normalstation. Dort testen die Ärzte das Präparat Cenicriviroc. Das kommt eigentlich aus der Leberforschung und soll nun, so die Hoffnung der Forscher, einen schweren Verlauf der Krankheit und somit auch überlastete Intensivstationen verhindern. Damals bekommt der 67-jährige Zornow kaum noch Luft, die Ärzte befürchten, dass sich sein Zustand verschlimmern könnte. Kurth schlägt ihm die Teilnahme an der Studie vor. Der Zustand des Patienten bessert sich.

Ob das an Cenicriviroc lag, ist noch nicht klar, denn damit eine solche Studie nicht beeinflussbar ist, wissen weder Ärzte noch Patienten, wer wirklich das Medikament erhält - und wer nur ein Placebo als Vergleich. Mit einer solchen sogenannten Doppelblind-Studie erforschen Kurth und sein Forscherkollege Frank Tacke das Medikament. Den vielversprechenden Ansatz verfolgen sie schon seit Beginn der Pandemie.

 

Im Mai 2020 beantragen sie dafür Forschungsgelder beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), bekommen aber eine Absage. Dem Projekt werde niedrige Priorität eingeräumt, heißt es in dem Schreiben, das dem rbb vorliegt. "Wir beide verstehen bis heute nicht warum. Wir haben leider keine inhaltlichen Gründe bekommen - außer, dass das Geld nicht ausgereicht hat, um alle Anträge zu fördern", so Tacke. Die Forscher fühlen sich ausgebremst.

Kaum Forschungsgelder für Medikamente

So wie der Charité geht es auch anderen Wissenschaftlern aus Forschung und Industrie, die nach aussichtsreichen Medikamenten in der Covid-19-Behandlung suchen. Die hessische Firma Biotest beispielsweise hat nach eigenen Angaben ein Mittel für bestimmte Covid-19-Erkrankte entwickelt - ein Nischenprodukt, das aber die Sterblichkeit um bis zu 70 Prozent verringern könnte. So könnten nicht nur Menschenleben gerettet, sondern auch die Auslastung der Intensivstationen reduziert werden. Doch auch Biotest bekommt nach eigenen Angaben keine Forschungsgelder.

Das Bundesgesundheitsministerium erklärt die Diskrepanz in der Förderpraxis mit den hohen Kosten in der Impfmittelforschung. Es sei "zu beachten, dass bei der Impfstoffentwicklung wesentlich umfangreichere klinische Prüfungen für eine hinreichende Nutzen-Risiko-Abschätzung und damit die Erteilung einer Zulassung notwendig sind. Gleichzeitig werden Impfstoffe im Gegensatz zu Therapeutika einer großen Bevölkerungsgruppe verabreicht und nicht nur an Covid-19 erkrankte Patientinnen und Patienten." Zudem verwies das Ministerium auf einen neuen Fonds, der Anfang Januar aufgelegt worden sei und weitere rund 50 Millionen Euro umfasse.

Experte: Impfstoffe allein reichen nicht

Rolf Hilgenfeld, Molekularmediziner an der Universität Lübeck, hält die Vernachlässigung der Medikamentenforschung für fahrlässig. Er sei überzeugt, dass jede Impfstoffkampagne auch gleichzeitig von einer Medikamentenentwicklung begleitet werden müsse. "Schon allein deswegen, weil sich immer mehr zeigt, dass viele Impfstoffe gegen die neu auftretenden Mutanten nicht wirksam sind", sagte Hilgenfeld in der ARD.

"Dieses Virus wird uns auf Jahre hinaus beschäftigen", meint Hilgenfeld "Und es wird sich immer weiter verändern. Die Wirkstoffe, die die Viren direkt angreifen, werden auch noch in Jahren wirksam sein - und deswegen können wir die Pandemie nur beenden, wenn wir Impfstoffe und Therapeutika haben."

Deutschland wird bei Therapeutika abgehängt

Laut dem Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) sind im Feld der Therapeutika andere Länder führend: "Die Studien, die maßgeblich zu den beiden zugelassenen Covid-19-Medikamenten beigetragen haben, und zur Aufklärung, dass bestimmte Medikamente ungeeignet sind, wurden in den USA und Großbritannien durchgeführt."

International liegt Deutschland bei der Medikamentenforschung laut Weltgesundheitsorganisation, anders als bei Impfstoffen, nicht im Spitzenfeld. Lediglich 102 interventionelle Studien zu neuen Medikamenten werden hierzulande durchgeführt, also Studien, bei denen Medikamente an Corona-Erkrankten getestet werden. In Frankreich sind es dagegen 234, in den USA sogar 768 Studien. Deutschland liegt den Angaben zufolge weltweit auf Platz sieben.

Charité finanziert Projekt selbst

Die Charité hält das Medikamentenprojekt ihrer Forscher am Ende für so vielversprechend, dass sie es aus eigenen Mitteln finanziert. Erst im September 2020 geht es los, ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pandemie - wertvolle Zeit, die verstrichen ist. Dabei könnte das Medikament vielleicht schon jetzt dabei helfen, dass weniger Menschen schwer erkranken. Denn gerade Behandlungsverläufe wie der von Patient Frank Zornow, dessen Zustand sich damals schnell verbessert hatte, lassen die Forscher hoffen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Februar 2021 um 07:46 Uhr.