Historisches Foto des Hagenbeck-Portals | NDR/ Panorama
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Hagenbecks Tierpark Menschen wie Tiere ausgestellt

Stand: 26.10.2021 08:33 Uhr

Der Tierpark Hagenbeck in Hamburg tut sich offenbar schwer mit der Aufarbeitung seiner Völkerschau-Vergangenheit. Nachfahren von damals ausgestellten Menschen fordern endlich eine kritische Auseinandersetzung.

Von Anne Ruprecht und Mirco Seekamp, NDR

Es ist hierzulande eine nahezu unbekannte Geschichte, die Christian Karembeu erzählt: Vor nicht einmal 100 Jahren wurde sein Urgroßvater in einer Völkerschau von Hagenbecks Tierpark als angeblicher Kannibale präsentiert. Karembeu ist ein französischer Fußballstar und wurde 1998 Fußballweltmeister. In Frankreich hatte er schon vor Jahren auf die Geschichte seines Urgroßvaters aufmerksam gemacht. Auch in Deutschland wünscht er sich nun eine kritische Debatte und Aufarbeitung dieses Kapitels.

Willy Karembeu, der Urgroßvater von Christian Karembeu, kam mit einer Gruppe von 30 Männern, Frauen und Kindern nach Hamburg in den Tierpark. Hier mussten sie täglich für Besucher tanzen und mit den Speeren schwingen. Aus Holzbäumen sollten sie Einbäume bauen, mit denen die Besucher später auf einem Teich spazieren fahren sollten.

Plakat einer Völkerschau bei Hagenbeck  | Archiv Hagenbeck

Plakat einer Völkerschau bei Hagenbeck. Bild: Archiv Hagenbeck

Mit falschen Versprechen angeworben

Willy Karembeu gehörte zum Volk der Kanak und stammt aus Neukaledonien, einer ehemaligen französischen Kolonie im Südpazifik. Dort wird er gemeinsam mit rund 100 weiteren Kanak 1931 angeworben. Angeblich um ihre Heimat in Paris auf der Kolonialausstellung zu repräsentieren. Stattdessen werden sie, kaum in Paris angekommen, in den Zoo des Pariser Jardin d’Acclimatation gebracht und dort als angebliche Kannibalen zur Schau gestellt. Sie müssen wilde Schreie ausstoßen, die Zähne fletschen, "alle Besucher sollten Angst haben", erzählt Christian Karembeu.

Für Willy Karembeu und seine Gruppe war das nur eine Zwischenstation. Sie werden kurz darauf weitergereicht nach Hamburg, an Hagenbecks Tierpark, der die Gruppe als die "letzten Kannibalen der Südsee" anpreist. Nach einigen Wochen in Hamburg sind die Kanak so verzweifelt, dass sie in Briefen an den französischen Kolonialminister um Hilfe bitten. Selbst bei Regen müssten sie barfuß und nahezu unbekleidet viele Stunden am Tag tanzen, berichten sie - "wir möchten nicht länger hierbleiben".

In Frankreich wird die Sache kurz darauf publik und zum Skandal. Die Kanak rund um Willy Karembeu werden von Hamburg wieder nach Frankreich zurückgeholt und von dort in ihre Heimat gebracht. Sein Urgroßvater hätten diese Erfahrungen bis zu seinem Tod nicht losgelassen, erzählt Christian Karembeu, "sie fühlten sich wie Sklaven".

Christian Karembeu | NDR/ Panorama

Fordert Aufarbeitung: Christian Karembeu, Urenkel des angeblichen "Kannibalen", der in Hamburg ausgestellt worden war. Bild: NDR/ Panorama

Auch positive Erinnerungen an Völkerschauen

Wenn Mattis Haetta berichtet, wie sein Vater in Deutschland auf einer Völkerschau ausgestellt war, klingt das ganz anders. "Ich bin sehr froh, dass er in die Welt hinauskam", sagt er. Daniel Haetta war Same und wurde gemeinsam mit einer Gruppe von rund 30 Samen samt Rentieren, Hunden und Schlitten 1930 in Deutschland in der sogenannten "Riesen Polarschau" präsentiert. Organisiert hatte das die Firma Ruhe aus Alfeld in Niedersachsen, ein Konkurrent Hagenbecks. Die historische Forschung zeigt, dass Samen bei Hagenbeckschen Völkerschauen ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Daniel Haetta.

Völkerschau mit Samen | Mattis Haetta

Die bei einer konkurrierenden Völkerschau auftretenden Samen fühlten sich nach eigenen Angaben gut behandelt. Bild: Mattis Haetta

Dass sein Vater die Völkerschau vor allem positiv in Erinnerung hatte, erklärt Mattis Haetta auch damit, dass die Samen als Urvolk damals in Norwegen kulturell sehr unterdrückt wurden. In Deutschland hätten sie daher die Aufmerksamkeit für ihre Kultur auch genossen. Außerdem seien sie gut bezahlt worden. Der Vater habe sich nicht ausgestellt gefühlt. Daniel Haettas Enkeltochter ist da skeptischer. Die Fotos wirkten sehr exotisch und fremd im Vergleich dazu, wie sie ihren Großvater und ihre Kultur kenne, sagt Susanne Haetta. Vor allem die Zurschaustellung der Menschen finde sie problematisch aus heutiger Sicht. Sie glaubt jedoch, die Samen seien positiver dargestellt worden als andere Kulturen, "als eine Art romantisierte Idee von Wilden".

Der Tierpark und die schwierige Aufarbeitung

Der Tierpark tut sich aber offenbar schwer mit der Aufarbeitung. Vergangenes Jahr hatte es bereits Proteste in Bezug auf die Völkerschau-Vergangenheit gegeben. Damals hatte Hagenbeck zunächst trotzig reagiert: "Der Tierpark ist stolz auf seinen Gründer und das bleibt auch so", hieß es. Kurz darauf kündigte man jedoch eine öffentliche Aufarbeitung an.

Auf Fragen von Panorama 3 zu den Kanak, die als Kannibalen präsentiert wurden, gab es keine Antwort. Auch ein Interview vor der Kamera war nicht möglich. Der Tierpark verweist lediglich auf die vor einem Jahr angekündigte Aufarbeitung, die noch nicht abgeschlossen sei. Daher wolle man sich derzeit nicht äußern. In einem Statement schreibt das Unternehmen, Völkerschauteilnehmer "arbeiteten als Darsteller mit Verträgen und Gage für Hagenbeck, heute vergleichbar mit Artisten und Gauklern im Zirkus oder im Varieté". Weiter betonen sie, Hagenbeck habe sie immer als Gäste gesehen und nie misshandelt.

Carl Hagenbeck | Archiv Hagenbeck

Gründer Carl Hagenbeck sah die ausgestellten Menschen als "Gäste". Bild: Archiv Hagenbeck

Tierpark Gründer Carl Hagenbeck gilt als größter Organisator von Völkerschauen in Europa. 1874 begann Hagenbeck Menschen anderer Kulturen auf Tourneen durch Deutschland, aber auch in andere Länder zu schicken. Nach seinem Tod wurden dies von seinen Söhnen weitergeführt. Die Völkerschau der Kanak 1931 war die letzte von Hagenbeck. Zeitweise konnte sich das Familienunternehmen wirtschaftlich nur durch das Geschäft mit den Völkerschauen über Wasser halten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova bereits am 17. August 2020 um 14:11 Uhr in der Sendung "Grünstreifen". "Panorama 3" berichtet am 26. Oktober 2021 um 21:15 Uhr.