Auf einer Pinnwand sind die Namen Oleg Netepenko und Dmitry Gusev und Wisebits geheftet. | Strg_F (NDR)
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Pornoplattform Wer steckt hinter xHamster?

Stand: 15.10.2021 13:02 Uhr

Nicht zuletzt illegale Inhalte haben xHamster zur meistbesuchten Pornoplattform Deutschlands gemacht. Nun zeigen Recherchen von STRG_F des NDR und "Der Spiegel" erstmals, wer offenbar dahinter steht und profitiert.        

Von Yannah Alfering, Annette Kammerer, Sebastian Meineck, Patrizia Schlosser und Salome Zadegan, NDR

Es ist eine undurchsichtige Firmenstruktur, in der allerdings immer wieder ein Name auftaucht: Oleg Netepenko. Er ist 38 Jahre alt, stammt aus Russland. Er steckt - so legen es monatelange Recherchen von STRG_F des NDR und dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" nahe, hinter xHamster, Deutschlands meistbesuchter Pornoplattform. Denn ihm gehört die IT-Firma Wisebits zu 90 Prozent, die offenbar an der Spitze dieses Firmengeflechts steht. Es reicht von Zypern bis in die Karibik.

Bisher mussten sich noch nie Verantwortliche von xHamster.com öffentlich äußern. Niemand wusste, wer sie sind. Sie wollten anonym bleiben. Dabei gibt es seit Jahren Kritik an den Inhalten auf der Pornoseite - etwa wegen Spannervideos und Filmen und Fotos, die ohne Zustimmung aller Beteiligten veröffentlicht wurden, sowie wegen der Darstellung von Minderjährigen.

Laut den Nutzungsbedingungen von xHamster sind solche nicht-einvernehmlichen Videos und Fotos zwar verboten. Trotzdem werden sie immer wieder hochgeladen. Branchen-Insidern zufolge soll sich xHamster sogar auf solche Amateuraufnahmen spezialisiert haben. 

Pseudonyme statt Klarnamen

Ausgangspunkt der Recherche war die xHamster-Domain. Sie wurde im April 2007 in Russland angemeldet, zuerst anonym, später ließ sich ein Mann mit Moskauer Adresse als Eigentümer eintragen. Sein angeblicher Name: "Oleg Popov" - es ist nicht nur der Name des berühmten, mittlerweile verstorbenen Zirkusclowns, sondern wie die Recherche zeigt auch eine für xHamster gängige Form der Verschleierung.

Das trifft auch auf das Pseudonym "Tigus" zu, das als Teil einer Mailadresse auftauchte, mit der "Oleg Popov" nicht nur xHamster, sondern gleich mehrere Pornoseiten registriert hat, etwa "Rape Island" oder "vip-boys", die auf einer finnischen Sperrliste für Kinderpornografie geführt wird, weil sie womöglich kinderpornografischen Inhalt zeigte oder darauf verlinkte.

Ein Hochhaus steht vor blauem Himmel. | Strg_F (NDR)

In Limassol gibt es eine große russischsprachige IT-Szene. Bild: Strg_F (NDR)

Ein Rentner als Strohmann

Die Betreiber von xHamster haben offensichtlich einigen Aufwand betrieben, um ihre wahre Identität geheim zu halten. Wollen sich Betroffene bei der Plattform beispielsweise über heimlich gefilmten Content beschweren, landen sie über ein undurchsichtiges Kontaktformular bei einer Firma namens Hammy Media mit Sitz auf Zypern.

Offizieller Besitzer und Direktor der Firma Hammy Media ist ein Mardiros H., der laut zypriotischem Handelsregister allerdings auch Chef zahlreicher anderer Firmen auf der Mittelmeerinsel sein soll. Als STRG_F den 63-Jährigen in Limassol aufsuchte, erklärte dieser, er sei zwar "Direktor einer Firma" aber auch Rentner. Auf xHamster angesprochen griff Mardiros H. zum Handy: Er müsse kurz mit seinem Chef sprechen. Danach beendete er das Gespräch plötzlich mit der Begründung, er solle den Journalistinnen nichts sagen - "sorry".

Anonymität durch Off-Shore-Konstrukte

Laut den Finanzpapieren im zyprischen Handelsregister wies "Hammy Media" über einer Zeitspanne von neun Jahren gerade einmal 778.443 Dollar an Gewinnen aus. Zugleich aber konnten die an der Recherche beteiligten Journalistinnen und Journalisten Überweisungen in Millionenhöhe einsehen, die durch das Firmengeflecht hinter xHamster flossen. Zwei der Firmen aus dem Netzwerk tauchten auch in Geldwäscheverdachtsmeldungen auf. Der Banken-interne Alarm wurde ausgelöst, weil das Institut nicht nachvollziehen konnte, an wen das Geld am Ende geflossen war.

Zu den Firmen gehören auch Traffic Stars Ltd, Technius Ltd. und Tecom Ltd. Die beiden letztgenannten gehören mehrheitlich einer Holding auf den Britischen Jungferninseln und diese wiederum der Firma Wisebits mit Sitz in Limassol auf Zypern, die zu 90 Prozent Oleg Netepenko gehört. Bei ihm laufen also die Fäden im Unternehmensgeflecht zusammen. Er ist offenbar der Hauptprofiteur des xHamster-Imperiums.

Inside xHamster

In Limassol gibt es eine große russischsprachige IT-Szene, in die STRG_F und "Der Spiegel" Einblicke gewinnen konnten. Dort scheint es ein offenes Geheimnis zu sein, dass Wisebits hinter xHamster steht.

Reporterinnen aus dem Rechercheteam konnten auch mit einem Mitarbeiter der Firma selbst sprechen. Er berichtete, dass bei Wisebits jeder ein Pseudonym habe, einen Nickname. Die wahren Namen der Eigentümer will er deshalb auch nicht kennen. Er habe nur einmal mit ihnen bei einer Videokonferenz Kontakt gehabt. Den einen der beiden Chefs sollte er "Hawk" nennen, den anderen "Tigus".

Der Mann, der sich mutmaßlich "Tigus" oder auch "Oleg Popov" nennt, hatte 2007 bei der Registrierung der Internetadresse von xHamster eine Adresse in Moskau angegeben.  Sie taucht auch in den Firmenpapieren auf und gehört laut russischem Grundbucheintrag einem Oleg Netepenko. Auf die Frage, ob Oleg Netepenko hinter xHamster stecke, sagte ein russischer ITler in Zypern nur: "Your work is really good" - "Sie haben wirklich gute Arbeit gemacht." Weiter über ihn sprechen wolle er nicht, das sei nicht gut.

Ein weiterer Name, der in den Papieren immer wieder auftaucht, lautet Dmitry Gusev. Auch er ist einigen in Szene der ITler in Limassol bekannt - und zwar als "Chef von xHamster". Er hält die verbleibenden zehn Prozent an Wisebits und hat nach den Recherchen von STRG_F und "Der Spiegel" wiederholt Accounts unter dem Namen "Hawkins" angemeldet.

Beteiligte schweigen

STRG_F und der "Der Spiegel" haben alle genannten Firmen und Personen mit den Ergebnissen der Recherchen konfrontiert. Geantwortet hat ein Oleg R., der angibt, der Chef von xHamster zu sein. Doch auf die gestellten Fragen ging er nicht ein. Stattdessen schrieb er: "Ich glaube, jetzt bin ich es, der an der Reihe ist, die Fragen zu stellen" und forderte unter anderem eine namentliche Auflistung aller beteiligten "angeblichen Journalisten". Seine E-Mail endet mit der Frage: "What is your ultimate goal?" - "Was ist Ihr eigentliches Ziel?"

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Oktober 2021 um 09:22 Uhr.