Blick auf den Hamburger Hafen (Archivbild: Februar 2020) | dpa
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Hamburger Hafen Größter Kokainfund aller Zeiten

Stand: 24.02.2021 12:07 Uhr

Zollfahnder haben im Hamburger Hafen 16 Tonnen Kokain sichergestellt. Es ist der größte Kokainfund aller Zeiten in Deutschland und Europa. Experten warnen vor einem "gigantischen Sicherheitsproblem".

Von Philipp Eckstein und Benedikt Strunz, NDR

Es war offenbar ein Tipp aus den Niederlanden, der die Beamten auf die Spur der Drogen brachte. Nach Informationen des NDR war es bei einer Importfirma aus Rotterdam in der Vergangenheit zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Die Hamburger Zollfahnder überprüften deshalb fünf Container, die die Firma aus Paraguay nach Hamburg bestellt hatte.

Benedikt Strunz
Philipp Eckstein

Eigentlich sollten die Container Spachtelmasse enthalten. Doch beim Röntgen wurde rasch klar, dass sich in den Containern auch zahlreiche Blechdosen befanden, die offenbar mit etwas anderem befüllt waren. Beim Entladen stießen die Beamten dann auf mehr als 1700 Dosen, die insgesamt mehr als 16 Tonnen Kokain enthielten.

Man sei in Hamburg ja einiges gewohnt, sagte der Leiter des Zollfahndungsamtes Hamburg, René Matschke, dem NDR. Dieser Fund stelle aber alles bislang dagewesene in den Schatten. "Der Straßenverkaufswert der Drogen liegt zwischen 1,5 und 3,5 Milliarden Euro", so Matschke, es handele sich um einen außergewöhnlichen Ermittlungserfolg.

Fahndungserfolg auch in Antwerpen

Nach einem Hinweis der Hamburger Ermittler nahmen auch die niederländischen Sicherheitsbehörden die Firma aus Rotterdam genauer unter die Lupe - erfolgreich. Am vergangenen Sonntag konnten in Antwerpen in Belgien weitere 7,2 Tonnen Kokain beschlagnahmt werden. Heute Vormittag wurde dann ein 28-jähriger Mann in den Niederlanden festgenommen, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Zoll und Staatsanwaltschaft Hamburg. Es handelt sich offenbar um den Geschäftsführer der Importfirma. Im Zuge der Aktion wurden auch mehrere Geschäftsräume in Rotterdam und Umgebung durchsucht.

Die in Hamburg sichergestellten 16 Tonnen sind die größte Menge Kokain, die jemals in Europa sichergestellt wurde. Auch weltweit handelt es sich um einen Rekordfund. Die Sicherstellung reiht sich ein in einen Trend. Seit mehreren Jahren stoßen Fahnder auf immer größere Mengen Kokain. 

Zoll "schlecht organisiert"

Die Beschlagnahme im Hamburger Hafen müsse ein "großer Weckruf" sein, sagt Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Der Drogenschmuggel sei ein "gigantisches Sicherheitsproblem", da die enormen Gewinne in neue Straftaten und auch in die Legalwirtschaft flössen. Es müsse jetzt breit diskutiert werden, ob man mit der aktuellen Drogenpolitik gut aufgestellt sei und was man der Drogenkriminalität entgegenstellen könne, so Fiedler. Dabei komme vor allem dem Zoll eine zentrale Aufgabe zu. Das Problem sei aber, dass der Zoll, der auch Polizeiaufgaben übernehme, in diesem Bereich "fürchterlich schlecht organisiert" sei. Dort brauche es eine "komplette Neuaufstellung". Zuständig dafür sei Bundesfinanzminister Scholz, der sich klarmachen müsse, dass er auch Polizeichef sei, so Fiedler.

Ähnlich äußerte sich Frank Buckenhofer von der Polizei- und Zollgewerkschaft GdP. "Deutschland ist bei der Schmuggelbekämpfung erbärmlich aufgestellt", sagte Buckenhofer dem NDR. Manche Zollfahndungsdienste könnten ihren gesetzlichen Auftrag kaum noch erfüllen. Fiedler sprach sich dafür aus, einen Drogengipfel einzuberufen.

Ermittlerinnen und Ermittler gehen davon aus, dass für jedes Kilogramm Kokain, das sie finden, zehn Kilo nicht gefunden werden. Gleichzeitig steigt auch die Zahl der Konsumentinnen und Konsumenten.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), sagte dem NDR, Kokain sei heute "in der Mitte der Gesellschaft angekommen". Schätzungen zufolge seien "in Deutschland mittlerweile zwischen 40.000 und 60.000 Menschen kokainabhängig", so Ludwig. Gerade in der Altersgruppe der 18-25-Jährigen habe der Konsum zugenommen. "Die Sicherstellungen von tonnenweise Kokain an den deutschen und europäischen Häfen" bereiteten ihr Bauchschmerzen.

Insgesamt fehlen aber offenbar Daten dazu, wer die immer größeren Mengen an Kokain in Deutschland eigentlich konsumiert. Genau diese Frage sollen Forscher der Uniklinik Hamburg Eppendorf in einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums klären. Die Ergebnisse der "KOKOS"-Studie sollen Ende des Jahres vorliegen und dann dafür genutzt werden, die Suchtprävention zu stärken.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Februar 2021 um 14:00 Uhr.