Diesel-Zapfsäulen an einer Tankstelle | dpa
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Hohe Diesel-Preise Auf Kosten der Verbraucher

Stand: 25.10.2022 06:00 Uhr

Dieselkunden haben 2022 mehr für Kraftstoff gezahlt als nötig. NDR-Recherchen zeigen, wie ein einflussreicher Preisinformationsdienst der Dieselbranche offenbar zu Millionengewinnen verhalf - auf Kosten der Verbraucher.

Von Nils Naber und Antonius Kempmann, NDR

Wenn ein Autofahrer in Deutschland derzeit an die Tankstelle fährt, dann fließt aus dem Hahn in vielen Fällen auch Diesel russischen Ursprungs. Zwar hat die EU schon vor Monaten beschlossen, den Handel mit russischem Diesel zu beenden - allerdings greift das Embargo erst im nächsten Jahr. Beim Diesel-Preis an der Tankstelle ist das Embargo dagegen offenbar schon jetzt angekommen. Ein Grund ist nach NDR-Recherchen die Preisinformationsagentur Platts (S&P Global Commodity Insights) mit Sitz in London.

Platts rechnete russischen Diesel schon im Sommer dieses Jahres aus dem Preismodell für Nordwesteuropa heraus. Dies verknappte virtuell das Angebot, obwohl der russische Diesel tatsächlich noch im Markt vorhanden war und dies bis heute ist. Durch diese Praxis befeuerte Platts offenbar den starken Anstieg des Dieselpreises in diesem Jahr noch, legen NDR-Recherchen nahe.

Indizes mit "essenzieller Rolle"

Agenturen wie Platts sammeln jeden Tag Informationen bei Dieselhändlern ein und ermitteln einen Tagespreis pro Tonne. Sie bilden daraus einen Index für eine bestimmte Region. Dieser Index ist eine wichtige Orientierung für den Markt. "Diese Preisindizes sind wirklich die Grundlage für alles, was nach Europa importiert wird", sagt Kevin Schaefer, Geschäftsführer von Argus in Deutschland, einem Wettbewerber von Platts. Marktteilnehmer schrieben diese Indizes direkt in ihre langfristigen Lieferverträge. Damit spielten diese "eine essenzielle Rolle", so Schäfer.

Denn zumeist läuft der Handel mit Diesel über Jahresverträge. Beispielsweise sichert sich eine Tankstellenkette eine bestimmte Menge Diesel für das nächste Jahr bei einer Raffinerie oder einem Großhändler. Da Preise häufig stark schwanken, werden vorab keine Festpreise in die Verträge aufgenommen. Stattdessen einigen sich Käufer und Verkäufer auf den von einer unabhängigen Preisfindungsagentur bestimmten Betrag, der täglich neu bestimmt wird. In Deutschland ist das oft ein Index von Platts.

Viele Marktteilnehmer überrascht

Dieselhändler, die täglich mit diesem Preisindex zu tun haben, teilen im Gespräch mit dem NDR-Politikmagazin "Panorama 3" diese Einschätzung. "Platts ist mit Abstand der allerallergrößte Preissetzer im Ölmarkt", bestätigt ein Ölhändler, der anonym bleiben will. Die Preisinformationen zum Diesel seien "sehr wichtig und sehr präsent im Markt". Die Veränderung im Dieselpreisindex von Platts, also das Herausrechnen des russischen Diesels, hätte viele Marktteilnehmer überrascht. "In diesem Ausmaß hat es das noch nie gegeben", konstatiert ein weiterer Händler. Auch er will anonym bleiben.

"Ohne Berücksichtigung der verfügbaren Mengen aus Russland ist es dazu gekommen, dass die Preise höher notieren", so der Händler. Die plötzliche Veränderung der Berechnungsgrundlage des Index mitten im Jahr, also mitten in der Laufzeit der Lieferverträge, sei ungewöhnlich.

Platts bestätigte auf NDR-Anfrage die Veränderung des Diesel-Index zum 1. Juni. Der Wunsch danach sei von Marktteilnehmern an Platts herangetragen worden. Die Änderung des Index sei auch publik gemacht worden. Außerdem habe man eine neue Preisinformation angeboten, bei der russischer Diesel weiterhin in die Bewertung einfließt. Wie viele Händler diese neue Information tatsächlich nutzen, ist unklar.

Spürbare Konsequenzen

Tatsächlich hat der Anstieg des Dieselpreises in diesem Jahr viele Ursachen. Nur ein Teil der Preissteigerungen lässt sich offenbar auf den veränderten Index zurückführen. Doch aufgrund der großen Mengen Diesel, die in Deutschland täglich verbraucht werden, führen auch kleine Preissteigerungen zu spürbaren Konsequenzen.

Branchen, deren Geschäftsmodell auf Kraftstoffen fußt, wie etwa die Speditionsbranche, bringen die Preisanstiege beim Diesel in Bedrängnis. Carsten Pfaff, Inhaber der Spedition Pfaff in Hamburg, tankt etwa 30.000 Liter Diesel pro Woche in seine rund 55 Fahrzeuge. Preissteigerungen merkt er sofort. "Die Dieselpreise belasten uns doch schon sehr extrem", so Pfaff.

Beinahe 100.000 Euro Mehrkosten pro Monat bedeute das allein für seinen Betrieb. Pfaff kann zwar die plötzlichen Anstiege etwas abfedern, mit Schutzklauseln, die in seinen Lieferverträgen stehen, kann er Teile der Kraftstoffpreise an seine Kunden weiterreichen. Dennoch verschärft der gestiegene Dieselpreis die ohnehin angespannte Situation in der Speditionsbranche.

Kosten auf Tankstellenkunden abwälzen

Die Veränderung des Preisindex von Platts hat offenbar zu Preissteigerungen bei Diesel geführt, die sich in Nordwesteuropa auf mehrere hundert Millionen Euro an zusätzlichen Gewinnen für die Dieselbranche belaufen könnten, zeigen NDR-Recherchen. Platts gab an, keine Aussage zu Mehrgewinnen machen zu können und verwies auf beteiligte Unternehmen. Diese wiederum verwiesen auf Anfrage des NDR zumeist auf ihr Geschäftsgeheimnis.

Die Händler, die nur verdeckt mit dem NDR sprechen wollen, sehen die größten Profiteure vor allem in der Mitte der Wertschöpfungskette: "Ich würde sagen, diejenigen, die Rohöle verarbeiten: die Raffineure, Hersteller von den Fertigprodukten, Verarbeiter", sagt ein Händler. Die könnten weiterhin günstig russische Rohstoffe ankaufen und teurer verkaufen. Auf den Kosten sitzen blieben dann offenbar vor allem die Menschen an der Zapfsäule. "Im Idealfall gelingt es der Kette, das voll auf den Kunden umzuwälzen", so der Händler.

Kartellrechtliche Fragen

Dem Juristen Prof. Christian Kersting von der Universität Düsseldorf stellen sich durch die Veränderung des Index kartellrechtliche Fragen, wenn diese auf das Betreiben mehrerer Ölfirmen zurückzuführen sei: "Wenn man feststellen kann, dass das abgestimmt erfolgt ist, dann mache ich da kartellrechtlich ein sehr großes Fragezeichen dahinter", so Kersting. Die Antwort auf diese Fragen könnte aber nur eine Prüfung des Kartellamtes liefern. Das Kartellamt wollte sich gegenüber dem NDR zu den Recherchen nicht äußern. Es teilte lediglich mit, es schaue sich Preisinformationsagenturen im Zuge einer laufenden Untersuchung an. Wann diese abgeschlossen sei, sei noch offen.