Polizisten untersuchen den Tatort in Wolfhagen-Istha | Bildquelle: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Mordfall Lübcke Verdächtiger hatte Kontakt zu Waffensammler

Stand: 18.12.2020 07:34 Uhr

Ermittler haben Ende 2019 ein großes Waffen- und Sprengstoffdepot in Ostwestfalen ausgehoben. Nach NDR-Recherchen stammt der Verdächtige aus dem Umfeld des mutmaßlichen Waffenlieferanten im Mordfall Lübcke.

Von Julian Feldmann und Nino Seidel, NDR

Polizisten rückten im November 2019 zu einem Hof in Steinhagen in der Nähe von Bielefeld aus, um das Wohnhaus des 66 Jahre alten Dieter R. zu durchsuchen. Polizei und Staatsanwaltschaft fanden zahlreiche Waffen und Sprengstoff. Weil die Experten vom Landeskriminalamt (LKA) in Nordrhein-Westfalen aufgefundene Sprengmittel als sehr gefährlich einstuften, brachten sie diese noch vor Ort kontrolliert zur Detonation.

Wie viele und welche Schusswaffen die Ermittler damals in R.s Haus genau sicherstellten, will die Staatsanwaltschaft Bielefeld heute nicht sagen. Ende 2019 teilte eine Polizeisprecherin mit: "Wir haben zum Abtransport der Schusswaffen einen großen Lkw benötigt." Wenige Stunden nach dem Ende der Durchsuchung bargen Beamte die Leiche von Dieter R. - offenbar hatte sich der 66-Jährige das Leben genommen, teilte die Polizei damals mit.

Spur durch Lübcke-Ermittlungen

Wie NDR-Recherchen nun belegen, kam die Polizei Dieter R. im Zuge der Ermittlungen im Mordfall Lübcke auf die Spur. Beamte einer eigens in Nordrhein-Westfalen eingerichteten Ermittlungskommission gingen Hinweisen nach, die möglicherweise Bezüge zu illegalen Waffen haben könnten.

Der Ostwestfale Dieter R. fiel den Ermittlern als Kontaktperson von Elmar J. auf. Den Trödelhändler J. hatte Stephan E., der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, als angeblichen Verkäufer der Tatwaffe genannt. Elmar J., der in einem kleinen Ort im Kreis Höxter lebt, streitet den Vorwurf bis heute ab. Nach seiner Festnahme im Juni 2019 hatte das nordrhein-westfälische LKA nach NDR-Informationen eine Ermittlungskommission mit dem Namen "Telum" (lateinisch für "Waffe") gebildet.

Die "EK Telum" führte - so der offizielle Auftrag in Polizeisprech - "gefahrenabwehrende Ermittlungen" im Umfeld des mutmaßlichen Waffenhändlers J. durch. Das heißt, die Beamten suchten nach möglichen Waffenlagern und Handelswegen von illegalen Schusswaffen. Insgesamt befragte die "EK Telum" mehr als 150 Personen, sagt ein LKA-Sprecher auf NDR-Anfrage.

Waffennarr ist vorbestraft

Bei den Ermittlungen im Umfeld von Elmar J. stieß die Polizei auf Dieter R. aus Steinhagen bei Bielefeld. Die Ermittler im Mordfall Lübcke notierten in einem Vermerk, den der NDR einsehen konnte, die regelmäßigen Telefonkontakte von J. - darunter auch die Nummer von R. Der 66-Jährige war den Behörden bereits 2005 wegen eines spektakulären Waffenfunds in seinem Haus bekannt geworden. R. war damals zu einer Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren verurteilt worden. Gegenüber dem NDR bestätigte J. jetzt, dass er Kontakt zum Waffennarr R. hatte.

Nach NDR-Informationen erkundigten sich die Fahnder der "EK Telum" im Umfeld von J., von wem dieser möglicherweise Waffen gekauft haben könnte. Dazu legten sie einem Zeugen, der mit Elmar J. regelmäßig Flohmärkte aufgesucht hatte, auch ein Foto von Dieter R. vor. Der Zeuge erkannte R. als J.s Bekanntschaft vom Flohmarkt.

Ermittler bestätigen "Verdachtsmomente"

Nun bestätigt das LKA Nordrhein-Westfalen gegenüber dem NDR die Ermittlungen in dem Zusammenhang. Bei der Überprüfung von Dieter R. hätten die Ermittler "Verdachtsmomente festgestellt", so ein Sprecher des LKA auf Anfrage, "die einen Verstoß gegen das Waffengesetz nahelegten".

Das LKA fand jedoch keine Hinweise darauf, dass der Tatvorwurf gegen Dieter R. in Verbindung mit Elmar J. stehen würde. Deswegen sei "die weitere Bearbeitung dieses Sachverhalts aus den Ermittlungen der" EK Telum" ausgetrennt und an die für den Wohnsitz örtlich zuständige Polizeibehörde abgegeben worden", so ein LKA-Sprecher.

Schweigen wegen postmortaler Persönlichkeitsrechte

Die Durchsuchung bei Dieter R. wurde dann von der örtlichen Polizei durchgeführt. Die zuständige Staatsanwaltschaft Bielefeld teilte dem NDR mit, sie habe nach R.s Ableben das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt. Darüber hinaus wolle man mit Verweis auf "postmortale Persönlichkeitsrechte" des Verstorbenen keine weiteren Details zu Dieter R. und seinen Waffen nennen.

Auch die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf, die gegen Elmar J. ermittelt, will mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen keine Fragen zu dem Fall beantworten. Während Elmar J. von der Polizei in Nordrhein-Westfalen als rechtsextremistischer Gefährder eingestuft wird, gibt es bei Dieter R. keine Hinweise auf einen Bezug zum Rechtsextremismus.

Fest steht, dass Dieter R. und Elmar J. gut bekannt waren. Im Gespräch mit NDR-Reportern bestätigte der mutmaßliche Waffenverkäufer J. nun, dass er R. seit etwa 20 Jahren kannte. Man habe sich regelmäßig auf Flohmärkten in der Region getroffen. Außerdem sei er mehrmals bei R. zu Hause gewesen, sagte J. dem NDR. Die zahlreichen Waffen, die bei R. gefunden worden sind, könne er sich nicht erklären.

Wurde Kugelschreiber zu Waffe umgebaut?

Bei den Ermittlungen zum Mordfall Lübcke tauchte der Name Dieter R. auch an anderer Stelle auf. Der Ostwestfale hatte offenbar mindestens zwei Gegenstände von Markus H. gekauft. H. muss sich derzeit vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Mord verantworten, ist mittlerweile jedoch aus der Untersuchungshaft entlassen worden, weil kein dringender Tatverdacht mehr besteht. H. war auf einer Online-Plattform für Waffenhändler tätig, bot dort unter anderem Zubehör für Schusswaffen an.

Zum einen ergaben die Ermittlungen, dass R. 2017 ein Werkzeug von H. über die Handelsplattform gekauft haben soll. Zum anderen soll R. laut eines Vermerks der Ermittler von H. einen Kugelschreiber "mit interessantem Mechanismus" gekauft haben. Die Mordermittler vermuten, dass diese Stifte möglicherweise zu einer Waffe oder einem verbotenen Gegenstand umgebaut werden könnten. Markus H. hatte in E-Mail-Korrespondenz mit einem anderen Käufer eines solchen Stiftes jedoch darauf hingewiesen, dass ein solcher Umbau illegal wäre. Bei einer Durchsuchung 2005 hatte die Polizei laut Presseberichten 17 "Schießkugelschreiber" bei R. beschlagnahmt.

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