Mehmet Göker (Archibvild vom 22.04.2010) | picture alliance / dpa
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Umstrittener Versicherungsvertreter Die Rückkehr des Mehmet Göker

Stand: 02.03.2021 06:00 Uhr

Mehmet Göker war in den 2000er-Jahren der prominenteste und umstrittenste Versicherungsvertreter Deutschlands. Dann floh er in die Türkei. NDR-Recherchen zeigen: Er ist wieder aktiv - mit einer abgewandelten Verkaufsmasche.

Von Eva Schulze-Gabrechten, NDR

"Wir verdienen ein Scheiß Geld!", schreit Mehmet Göker energisch zu seinen Anhängern und will sie damit zu Höchstleistungen anfeuern. So kennt man ihn schon von früher. Göker ist der prominenteste und umstrittenste Versicherungsvertreter Deutschlands. Als Gründer und Chef des Unternehmens MEG sorgte er in den 2000er-Jahren bundesweit für Aufsehen. Doch nach wenigen Jahren stürzte er ab: Insolvenz, Strafverfahren, Flucht in die Türkei. 2012 folgte ein internationaler Haftbefehl.

In den vergangenen Jahren war es ruhig um Göker. Doch nach NDR-Recherchen ist der Versicherungsvertreter wieder am deutschen Markt aktiv. Mit einem neuen Geschäftsmodell, das deutliche Parallelen zum umstrittenen MEG-System aufweist.

Der Fall Cornelia B.

Es geht wieder um private Krankenversicherungen: Statt neue Policen - wie zu MEG-Zeiten - verkauft Göker jetzt die sogenannte "Optimierung" bestehender Tarife, per Telefon von der Türkei aus. Gemeinsam mit weiteren Verkäufern, die er eigens dafür ausbildet. Abgewickelt werden die "Tarifoptimierungen" über eine Firma in Frankfurt am Main, die "Finanz Check Rhein-Main GmbH".

Cornelia B. aus München musste erleben, was es bedeutet, sich auf Gökers Geschäft einzulassen. Vor einigen Monaten wird die 67-Jährige von der "Finanz Check Rhein-Main GmbH" angerufen. Ein Mitarbeiter verspricht ihr eine "Tarifoptimierung", durch die sie viel Geld sparen könne. Kurz darauf wird sie von einem vermeintlichen Mitarbeiter ihrer Krankenversicherung, der Allianz, angerufen. Er empfiehlt ihr das Angebot der "Finanz Check Rhein-Main GmbH". Daraufhin überweist Frau B. 7000 Euro an das Unternehmen.

Laut NDR-Recherchen sei der an Frau B. verkaufte Tarifwechsel nicht durchführbar gewesen. "Es wurde einfach ein Fantasiebetrag erfunden", so Javier Garcia, Experte für Tarifwechsel. Die Ersparnisse, die Frau B. versprochen wurden, seien "vollkommen unrealistisch", die Rechnung in Höhe von 7000 Euro "Abzocke".

Ermittlungen wegen Betrugsverdacht

Die Allianz gibt an, man habe Frau B. weder angerufen, noch den Tarifwechsel empfohlen. Offenbar eine gängige Masche in Gökers System. Ein Insider berichtet, dass Versicherte, die das Angebot nicht innerhalb weniger Tage annehmen, von Mitarbeitenden Gökers angerufen würden. "Da wird dann gesagt: 'Hallo, wir sind von der Versicherung, bitte schicken Sie das Mandat zurück'", so der junge Mann, der selbst für Göker arbeitet. Weder die "Finanz Check Rhein-Main GmbH", noch Göker selbst wollten sich zu diesen Vorwürfen äußern.

Frau B. hat ihr Geld mithilfe einer Anwältin zurückerhalten. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ermittelt mit der "Finanz Check Rhein-Main GmbH" aktuell gegen fünf Beschuldigte wegen Betrugsverdacht. Sie sollen über die Firma Geschädigten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen den Abschluss günstiger Versicherungen versprochen haben, um hierdurch die vereinbarte Provision zu erhalten.

Unerlaubte Werbeanrufe

Hinter Gökers neuem Geschäft steckt ein Vertriebssystem, das er das "Göker-Konzept" nennt. Auf Instagram und Facebook wirbt Göker offensiv um Teilnehmer. "Dieses Konzept ist unschlagbar! Das hier ist die Chance deines Lebens!", schreit er in einem aktuellen Werbevideo. Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt, dass Göker damit hauptsächlich junge Männer erreicht. Sie sollen von ihm lernen, wie man am Telefon "Tarifoptimierungen" verkauft. Dazu seien keinerlei Vorkenntnisse nötig, wirbt Göker.

Wer mitmacht, lernt von Göker Vertriebsmethoden, die offenbar missbräuchlich sind. So fordere er dazu auf, sich am Telefon fälschlicherweise mit einem Doktortitel auszugeben, berichten ehemalige Schüler. Göker selbst bezeichnet sich Versicherten gegenüber unzutreffend als "Jurist" - entsprechende Sprachaufnahmen liegen dem NDR vor. "Man muss Omas und Opas über den Tisch ziehen", so ein ehemaliger Teilnehmer. "Und damit kann man nachts nicht schlafen."

Nach seinen Angaben hätten die meisten Angerufenen kein Interesse an einer "Tarifoptimierung" und fühlten sich belästigt. Die Bundesnetzagentur bestätigt, dass gegen die "Finanz Check Rhein-Main GmbH" Beschwerden wegen unerlaubter Werbeanrufe vorliegen.

Göker plant Rückkehr

Göker hingegen verspricht seinen Schülern das große Geld: "Mit mir wirst du nie wieder finanzielle Sorgen haben." Ehemalige Teilnehmer ziehen aber ein ernüchterndes Fazit. "Ich habe keinen Cent verdient", so ein Informant, der fünf Monate für Göker gearbeitet hat. Auch andere Aussteiger berichten von keinen oder sehr geringen Verdienstmöglichkeiten. Göker will dazu keine Stellung nehmen.

Mit Entscheidung vom 15. Februar hat das Landgericht Kassel den Haftbefehl gegen Göker aufgehoben. Die Staatsanwaltschaft hat Rechtsmittel eingelegt. In einem seiner jüngsten Instagram-Videos kündigt Göker an, er werde nun baldmöglichst zurück nach Deutschland kommen. Er gibt sich kämpferisch: "Ich hole mir jetzt, was mir immer rechtmäßig zustand."

Über dieses Thema berichtete NDR Fernsehen am 02. März 2021 um 21:15 Uhr in der Sendung "Panorama - die Reporter".