Polizeiabsperrung vor dem Haus von Walter Lübcke | dpa
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Prozess zum Lübcke-Mord Akten von Rechtsanwalt sichergestellt

Stand: 02.12.2020 15:19 Uhr

Der mutmaßliche Lübcke-Mörder hat zum Geschehen in der Tatnacht unterschiedliche Angaben gemacht. Um herauszufinden, welches Geständnis glaubhaft ist, wurden nach NDR-Informationen Akten des ehemaligen Verteidigers sichergestellt.

Von Julian Feldmann und Nino Seidel, NDR

Das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) hat am Dienstag die Durchsuchung von Kanzleiräumen angeordnet, um Unterlagen des ehemaligen Verteidigers des mutmaßlichen Lübcke-Mörders Stephan E. sicherstellen zu lassen. Durchsucht werden sollte nicht bei dem Ex-Verteidiger Frank Hannig selbst, sondern bei dessen Anwalt Alfred Dierlamm in Wiesbaden. Dierlamm vertritt Hannig in einem anderen Ermittlungsverfahren und hatte die von Hannig angelegten sogenannten Handakten aus dem Verfahren gegen Stephan E. für ihn aufbewahrt.

Angeklagter korrigierte Aussagen mehrfach

Hintergrund der Sicherstellung ist, dass Stephan E. in dem Verfahren mehrere Versionen zum Tatablauf geschildert hat. Das Gericht möchte nun mithilfe der Handakten klären, welche Tatversion zutrifft. Konkret geht es um die Glaubwürdigkeit von E. und wie die unterschiedlichen Geständnisse zustande gekommen sein könnten. Die vertraulichen Notizen des Rechtsanwalts Hannig über Gespräche mit seinem Mandanten E. sollen nunmehr Klarheit darüber bringen, was in der Tatnacht tatsächlich geschehen ist.

Stephan E., der Angeklagte im Lübcke-Prozess

Der mutmaßliche Mörder Stephan E. gab verschiedene Versionen des Tatablaufs zu Protokoll.

Am Mittwochmorgen händigte Dierlamm die Handakten dem OLG aus, bestätigte der Rechtsanwalt dem NDR. "Dieses Vorgehen ist strafprozessual zulässig", erklärte Dierlamm.

Gab es einen Komplizen - oder nicht?

Dabei spielt vor allem eine mögliche Tatbeteiligung des ebenfalls angeklagten Markus H. eine Rolle. H. muss sich derzeit wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Mord an Lübcke vor dem OLG verantworten. Die Anklage geht bislang nicht davon aus, dass Markus H. aktiv an der Tat beteiligt war. Das Gericht ist derzeit weder von einer Tatbeteiligung noch von einer Beihilfe von H. überzeugt und hat deswegen im Oktober den Haftbefehl aufgehoben. 

Rechtsanwalt Dierlamm geht davon aus, dass nur Teile der Akten in das Verfahren eingebracht werden. "Nach der Durchsicht wird der Senat entscheiden, welche Aktenteile beschlagnahmt werden können", so Dierlamm.

Eine OLG-Sprecherin bestätigte auf NDR-Anfrage, dass die Dokumente sichergestellt und bereits gesichtet seien. Am morgigen Verhandlungstag sollen die Akten Thema sein.