Werbung eines Wettbüros | imago images/Stefan Großmann
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Online-Glücksspiel Warnungen vor Sportwetten-Werbung

Stand: 14.07.2021 05:01 Uhr

Zunehmende Werbung in Medien für Sportwetten sorgt für Ärger. Bremens Innensenator wirft der "Bild" verharmlosende Berichterstattung vor. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sieht den Jugendschutz in Gefahr.

Philipp Eckstein

Von Philipp Eckstein, ARD-Hauptstadtstudio

Der Markt für Sportwetten und Online-Glücksspiele ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Gleichzeitig sorgte die Politik mit der Vergabe von Lizenzen für Sportwetten und dem neuen Glücksspielstaatsvertrag für eine weitere Öffnung. Glücksspielfirmen geben viele Millionen aus, um neue Kundschaft zu werben und erste große Medienunternehmen steigen in das Geschäft ein. Einige Politikerinnen und Politiker und viele Spielsuchtexperten beobachten das mit Sorge.

Innensenator beschwert sich über "Bild"

Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) wandte sich in einem Schreiben an den Deutschen Presserat, um auf eine "besorgniserregende, da gezielt verharmlosende" Berichterstattung der "Bild"-Zeitung über Sportwetten hinzuweisen. Die Zeitung berichte "penetrant und positiv" über das Thema, heißt es in dem Schreiben, das dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt.

Ulrich Mäurer (Archivbild) | dpa

Bremens Innensenator Mäurer befürchtet, dass sich "Bild"-Leser in die Gefahr der Spielsucht begeben. Bild: dpa

Auf der Homepage der "Bild" gebe es zahlreiche redaktionelle Beiträge, "die das Thema Sportwetten in schillernden Farben darstellen". Dabei werde der Leserschaft weisgemacht, "mit den richtigen Tricks" und dem notwendigen Wissen "lasse sich richtig Geld verdienen".

Mäurer kritisiert insbesondere, dass die "Bild"-Zeitung mit der Marke "BildBet" mittlerweile selbst Sportwetten anbietet. So werde die Zeitung bei ihrer Berichterstattung auch von wirtschaftlichen Interessen geleitet und nehme in Kauf, "dass die Leser sich in die Gefahr der Spielsucht begeben." Unter dem "Deckmantel der Presseberichterstattung" werde so letztlich Werbung gemacht, die sich jeder Regulierung entziehe, heißt es in dem Schreiben.

Hoffnung auf Presserats-Richtlinie

Der Bremer Innensenator betont, dass es ihm nicht nur um den aktuellen Einzelfall geht, sondern vielmehr um einen allgemeinen Missstand, mit dem sich der Presserat auseinandersetzen solle. Mit dem Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags zum 01. Juli 2021, mit dem weitere Online-Glücksspielangebote legalisiert wurden, erwarte er eine extreme Zunahme an Werbung und mehr Berichterstattung. Der Presserat solle daher, ähnlich wie bei Drogen, eine Richtlinie in den Pressekodex aufnehmen, die es der Presse verbiete, die Teilnahme an Glücksspielen zu verharmlosen.

Die Art und Weise, wie "Bild" über das Thema Glücksspiele berichtet, hatte bereits in der Vergangenheit für Kritik gesorgt. Auf der Homepage der Zeitung gibt es zahlreiche Berichte zu Online-Glücksspielen und Sportwetten, darunter eine sogenannte Wettschule sowie Quotentipps von vermeintlichen Experten.

Neben diesen redaktionellen Inhalten wird für Glücksspielanbieter geworben, darunter das eigene Sportwettangebot "BildBet", das mit der Glücksspielfirma BetVictor betrieben wird. Der Medienkonzern Axel Springer, der die "Bild" herausgibt, hatte die Partnerschaft im Oktober verkündet, kurz nachdem die ersten Lizenzen für Sportwetten vergeben worden waren.

Springer sieht redaktionelle Trennung gewährleistet

Ein Sprecher des Konzerns weist auf Anfrage Vorwürfe zurück, "Bild" vermische redaktionelle und werbliche Inhalte. Die Zeitung berichte "ausgesprochen verantwortungsvoll" und weise "in den redaktionellen Beiträgen explizit auf die Risiken im Zusammenhang mit Glücksspiel hin". Zu jedem Artikel gebe es zudem einen Hinweis zu Hilfsangeboten für Spielsüchtige. "BildBet" sei wie jede andere Markenkooperation "ganz klar und sichtbar getrennt vom redaktionellen Angebot".

Auch andere Medienkonzerne verkündeten mittlerweile einen Einstieg in den lukrativen Online-Glücksspielmarkt. So bietet ProSiebenSat.1 unter der Marke "JackOne" mit der Firma Betsson Online-Sportwetten und auch virtuelle Automatenspiele an. Eine Sprecherin von ProSiebenSat.1 betont auf Anfrage, Vermarktung und Redaktion seien strikt getrennt.   

Milliardenmarkt mit Wachstumspotential

Der Markt für Sportwetten wuchs in Deutschland in den vergangenen Jahren stark. Laut Zahlen des Deutschen Sportwettverbands verdoppelte sich der jährliche Umsatz zwischen 2014 und 2019 von rund 4,5 Milliarden Euro auf mehr als neun Milliarden Euro. Nach einem Umsatzrückgang aufgrund der Corona-Krise erwartet die Branche im laufenden Jahr wieder Umsätze wie vor der Krise.

Mit den wachsenden Umsätzen nahmen auch die Ausgaben für Werbung zu. Gerade im Profifußball wird das deutlich. Fast alle Bundesligavereine und der DFB werben mittlerweile für Sportwettanbieter. Auch die ARD-Sportschau wird ab der kommenden Bundesliga-Saison von der Glücksspielfirma "Tipico" gesponsert. Ein Sprecher von ARD-Werbung Sales & Services verweist auf Anfrage auf die neue Rechtslage mit Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags. Die Firma sei zudem Premium-Partner der Deutschen Fußball Liga und habe damit ein Erstzugriffsrecht bei den Sponsoringpaketen der Bundesliga-Sportschau am Samstag. 

Hohes Suchtrisiko

Konrad Landgraf, Mitglied im Fachbeirat Glücksspiel und Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern warnt davor, dass gerade junge, sportbegeisterte Menschen von Werbung für Sportwetten angesprochen werden. Viele glaubten, dass sie ihr Sportwissen zu Geld machen könnten. Online-Sportwetten seien eine Glücksspielform, "mit einem hohen Suchtrisiko". Der Fachbeirat spreche sich daher für eine deutliche Einschränkung der Werbung aus. 

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, beobachtet die zunehmende Werbung mit Sorge. Gerade das Sponsoring beim Fußball laufe dem Jugendschutz und Spielerschutz zuwider, sagte die CSU-Politikerin dem ARD-Hauptstadtstudio. Das Thema gehöre "nicht nur in den Presserat sondern auch in die Ministerpräsidentenkonferenz", so Ludwig.

Bremens Innensenator Mäurer kündigte an, das Thema bei der nächsten Innenministerkonferenz anzusprechen. Es ist allerdings fraglich, ob sich die Länder auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können. Seit Jahren sorgt das Thema Glücksspiel zwischen ihnen für Streit. Während einige Länder den Markt stärker liberalisieren wollen, drängen andere auf schärfere Kontrollen. Im Ergebnis profitieren seit Jahren vor allem große Glücksspielanbieter von dem unentschlossenen und häufig uneinheitlichen Vorgehen der Aufsichtsbehörden.

Der Presserat teilt derweil auf Anfrage mit: Im September werde sich das Plenum des Presserats und der Trägerverein mit dem Schreiben aus Bremen befassen.

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 14. Juli 2021 um 11:12 Uhr.