Bremer Feuerwehrleute bekämpfen ein Feuer, das in einer Halle in der Bremer Neustadt ausgebrochen ist.  | dpa
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Bremer Feuerwehrskandal Rassismus auf fast jeder Wache

Stand: 03.06.2021 15:18 Uhr

Die Sonderermittlerin im Bremer Feuerwehrskandal erhebt schwere Vorwürfe: Die Leitungsstrukturen begünstigten sexistische Übergriffe, Mobbing und Rassismus. Hinweise auf rechtsextreme Netzwerke sieht sie aber nicht.

Von Sebastian Manz, RB, und Reiko Pinkert, NDR

Rund ein halbes Jahr hat die ehemalige Richterin und Staatsrätin Karen Buse (SPD) an ihrem Bericht über die Diskriminierungsvorwürfe innerhalb der Bremer Berufsfeuerwehr gearbeitet. Anlass waren Recherchen von Radio Bremen, NDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) über rechtsextreme Umtriebe und Mobbing innerhalb der Feuerwehr. Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) setzte seine ehemalige Stellvertreterin Buse als Sonderermittlerin ein. Erklärtes Ziel: etwaige strukturelle Missstände innerhalb der Berufsfeuerwehr erkennen.

Solche Missstände gibt es laut des Abschlussberichts, der Radio Bremen, NDR und SZ vorliegt, zuhauf. Demnach gab es in der Vergangenheit deutlich mehr Fälle von Diskriminierung, als im letzten Jahr bekannt wurden.

Pornofilme im Gemeinschaftsraum

Dutzende Feuerwehrleute hatten sich - teils anonym - an Buse gewandt. Unter anderem berichten mehrere Frauen von sexistischem Verhalten männlicher Kollegen. So heißt es etwa in dem Bericht: "Die wenigsten Beamtinnen erfreuen sich an abendlichen Pornofilmen im gemeinsamen Aufenthaltsraum auf der Wache." Einige Frauen hätten dies gegenüber den Kollegen geäußert und zur Antwort bekommen, dass sie den Gemeinschaftsraum verlassen könnten, wenn ihnen das Fernsehprogramm nicht zusage.

Einen weiteren Fall dokumentiert der Bericht mit den Worten: "Der Hinweis, dass ein Vorgesetzter Nacktfotos einer Feuerwehrbeamtin auf dem PC gespeichert hatte und diese jeweils den auf der Wache neu anfangenden Beamten vorgeführt haben soll, löste bei der Feuerwehrleitung keine unmittelbare Reaktion aus."

Es sei bei allen Vorfällen auffällig, dass sie von der Feuerwehrleitung formal und inhaltlich unzureichend behandelt worden seien, so die Sonderermittlerin. "Ohne an dieser Stelle auf Details eingehen zu können, muss doch festgestellt werden, dass die Opfer keinerlei Zuwendung oder Schutz erhielten, während sich um die Täter mit einiger Fürsorge bemüht wurde", heißt es wörtlich. Dabei habe sich eine Tendenz erkennen lassen, die Vorfälle als "privat" einzustufen, obwohl der dienstliche Bezug offensichtlich gewesen sei.

Initiationsriten für Neulinge

An der Tagesordnung sind laut dem Bericht auch Initiationsriten, die Neulinge auf Anordnung von Vorgesetzten absolvieren müssten. Demnach sei eine Variante dieses Rituals, dass der Neuling einen laut Bericht "extrem unappetitlichen Pornofilm" ansehen und dabei Schokoladenpudding essen müsse.

Rassismus weit verbreitet

Auch Homophobie und Rassismus gehören laut Bericht zum Alltag in vielen Bremer Feuerwachen. Abwertende Begriffe wie "N****" würden auf fast jeder Wache "ganz ausnahmsweise" bis "regelmäßig" als Bezeichnung für "Nicht-Biodeutsche" verwendet.

Auch das hätten Feuerwehrbeamte der Sonderermittlerin berichtet und meist erläuternd hinzugefügt, dass nicht Ausländer oder Migranten generell so benannt würden. Die Begrifflichkeiten seien nur als Reaktion auf besonders aufwühlend und schwierig erlebte Einsätze bei diesen Bevölkerungsgruppen gefallen.

Die Sonderermittlerin hat laut Bericht lediglich Feuerwehrleute und Notärzte befragt, nicht jedoch Menschen, die von diesen behandelt wurden und sich anschließend rassistisch oder sexistisch diskriminiert fühlten.

Screenshot aus dem Chatverlauf eines Feuerwehrmanns | Reiko Pinkert/ NDR

2014 wurde diese Bild in einer Feuerwehr-Chatgruppe geteilt. Bild: Reiko Pinkert/ NDR

Kein rechtsextremes Netzwerk

Trotz dieser Aussagen sieht die Sonderermittlerin keine Hinweise auf strukturellen Rassismus bei der Bremer Berufsfeuerwehr. Auch gäbe es kein rechtsextremes Netzwerk. Angehörige der Feuerwehr, die rechtsextremes Gedankengut hätten, würden dieses laut Bericht nicht nach außen tragen.

Radio Bremen, NDR und SZ hatten im vergangenen Jahr berichtet, dass Angehörige der Berufsfeuerwehr Bremen sich in Chats über Jahre hinweg Hakenkreuz-Bilder, Fotos von Adolf Hitler sowie rassistische und menschenverachtende Sprüche über Muslime und Juden geschickt hatten.

Screenshot aus dem Chatverlauf eines Feuerwehrmanns | Reiko Pinkert/ NDR

In dem Chatverlauf finden sich viele rassistische und sexistische Bilder. Bild: Reiko Pinkert/ NDR

"Angst und Schrecken"

Die eklatantesten Missstände macht die Sonderermittlerin in der Führungsstruktur der Behörde aus. Diese sei rückständig, autoritär und angstbesetzt. Nicht selten werden demnach Vorgesetzte selbst zu Tätern. "Nicht wenige Beamtinnen und Beamte haben in den Gesprächen, aber auch anonym, von Mobbing durch Vorgesetzte berichtet", heißt es im Bericht. Führungspersonal agiere mit Willkür und versetze die Belegschaft in Angst und Schrecken, hätten mehrere Feuerwehrleute der Sonderermittlerin berichtet.

Die ehemalige Richterin Buse kommt trotz der erheblichen Fehlentwicklungen, die ihr Bericht aufzeigt, zu einem vergleichsweise milden Gesamturteil über den Zustand der Bremer Berufsfeuerwehr. "Nein, es brennt nicht, aber an der einen oder anderen Stelle schlägt der Rauchmelder an", lautet ihre Metapher.

Welche Konsequenzen der Bericht für die Bremer Feuerwehr hat, steht noch nicht fest. Kommende Woche befasst sich die Bremer Bürgerschaft mit dem Papier. Der für die Feuerwehr zuständige Innensenator Mäurer wollte sich mit Verweis auf die anstehende Sitzung nicht äußern.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hatten wir im 7. Absatz weitere rassistische Beleidigungen aus dem Bericht zitiert. Wir haben uns dazu entschieden, exemplarisch nur den Begriff "N****" zu nennen.

Über dieses Thema berichtete das nachtmagzin am 25. November 2020 um 00:30 Uhr.