Frau arbeitet im Homeoffice | Bildquelle: Sebastian Gollnow/dpa

Energieversorger Mit der Schufa gegen "Bonushopper"

Stand: 08.09.2020 06:01 Uhr

Wer günstig Strom und Gas beziehen will, muss Preise vergleichen und gegebenenfalls den Anbieter wechseln. Energieversorger wollen das offenbar mit der Schufa und einer Wirtschaftsauskunftei ändern.

Von Lea Busch und Peter Hornung, NDR

Strom- und Gaskunden, die ihren Anbieter häufiger wechseln wollen, könnten schon bald systematisch davon abgehalten werden. Nach Recherchen des NDR und der "Süddeutschen Zeitung" haben die Schufa und die Münchner Wirtschaftsauskunftei CRIF Bürgel Datenbanken entwickelt, in denen offenbar branchenweit Vertragsdaten möglichst vieler Kunden gespeichert werden sollen.

Verbraucher- und Datenschützer fürchten, dass damit Energieversorger wechselfreudige Verbraucher identifizieren und in der Folge ablehnen könnten. Anfang November wollen sich die Datenschutzbehörden der Länder und des Bundes zu diesem Thema abstimmen.

schufa
galerie

Die Schufa hat die Finanzen der Verbraucher im Blick - und sieht in Wechselkunden offenbar ein mögliches neues Geschäftsfeld.

 Unattraktive "Bonushopper"

Kunden, die schon nach der Mindestvertragslaufzeit wieder wechselten, seien für Energieversorger grundsätzlich unattraktiv und als "Bonushopper" verschrien, sagte Barbara Saerbeck vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Wenn Strom- und Gasunternehmen durch solche Datenbanken künftig sehen könnten, dass Kunden schon häufiger gewechselt haben, könnten sie diese dann entweder systematisch ablehnen oder ihnen attraktive Konditionen vorenthalten, befürchtet Saerbeck.

Das Hamburger Portal "Wechselpilot" hat festgestellt, dass bei manchen Energieversorgern mittlerweile bereits jeder fünfte Neukunde abgelehnt wird. Häufig würden für die Ablehnungen keine Gründe genannt, so Jan Rabe, Geschäftsführer von "Wechselpilot". Abgelehnte Kunden müssten dann zu einem anderen Versorger und im ungünstigsten Fall in einen teuren Grundversorgungstarif.

Datensammlung über vertragstreue Kunden

Bisher dürfen nur Daten von Kunden, die ihre Rechnungen nicht zahlen oder die betrügen, branchenweit ausgetauscht werden. Die neuen Datenbanken sollen dagegen auch Daten von vertragstreuen Kunden enthalten. Der Datenschutzexperte und frühere Landesdatenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, sieht das sehr kritisch. Solche Pools führten dazu, dass Verbraucher unter den Anbietern nicht mehr frei wählen könnten. Die Kunden würden auf diese Weise "zum Freiwild der gesamten Branche".

Die größte deutsche Wirtschaftsauskunftei, die Schufa, konzipierte den Recherchen zufolge eine Datenbank namens "Schufa-E-Pool". Darin sollen Energieversorger "wertvolle Hinweis" "durch Informationen zu dem bestehenden Energiekonto und der bisherigen Laufzeit" finden, heißt es in einem Werbeflyer. Die Unternehmen könnten diese Daten für ihren "Entscheidungsprozess im Neukundengeschäft" einsetzen.

Eine Frau hält neben einem Gasherd Geldscheine in ihrer Hand | Bildquelle: dpa
galerie

Wie viel Gas und Strom verbrauchen die Kunden, wie wechselfreudig sind sie? Darauf soll der "Schufa-E-Pool" Antworten liefern.

Noch sind es Planungen

Die Wirtschaftsauskunftei CRIF Bürgel entwickelte offenbar einen ähnlichen Pool für Energieversorger, dessen Konzept nach Informationen von NDR und SZ derzeit von der zuständigen bayerischen Datenschutzbehörde geprüft wird. Das Unternehmen wollte sich auf Nachfrage nicht zu Details äußern. Ein Sprecher erklärte lediglich, dass man "generell keine Auskunft über mögliche zukünftige Projekte" gebe. CRIF Bürgel wie auch die Schufa betonten, dass man sich stets an geltendes Recht halte.

Schufa-Sprecher Ingo A. Koch erklärte, der "Schufa-E-Pool" sei bislang nicht "marktfähig": "Wir verfolgen die Idee grundsätzlich aber weiter." Es sei derzeit offen, "ob und wenn, in welcher Ausgestaltung" sie wieder aufgegriffen werde. Die Datenbank wurde den Recherchen zufolge bis Mitte August 2020 im Internet sowie in einer aktuellen Unternehmensbroschüre beworben. Die Internetseite war erst entfernt worden, nachdem NDR und SZ zu den Hintergründen dieser Datenbank angefragt hatten. Bei der Vorstellung des "Schufa-E-Pools" in einer Firmenbroschüre habe es sich um ein "redaktionelles Versehen" gehandelt.

Stromzähler | Bildquelle: dpa
galerie

Laut Schufa könnten Kunden, die sonst Schwierigkeiten beim Wechsel hätten, von der Datenbank profitieren.

Auf Fakten beruhendes Energiekonto?

Ohnehin sei "die Idee hinter dem E-Pool nicht das Verhindern eines Wechsels", so Schufa-Sprecher Koch. Entsprechenden Begehrlichkeiten aus der Energiewirtschaft sei die Auskunftei schon frühzeitig entgegengetreten. Es werde in der Datenbank "nach gegenwärtigem Entwicklungsstand lediglich die faktische und zeitliche Existenz des aktuellen Energiekontos gespeichert" sowie gegebenenfalls unbezahlte Rechnungen. Mit solchen Informationen seien Energieversorger sogar in der Lage, Kunden als Vertragspartner anzunehmen, die sie sonst vielleicht nicht annehmen würden.

Das sieht Verbraucherschützerin Barbara Saerbeck anders. Selbst wenn nur wenige Angaben zu Energiekonten gespeichert würden, bestehe die Gefahr, dass Kunden künftig diskriminiert würden. Die Angabe der Laufzeit reiche schließlich, um herauszufinden, ob jemand nach kurzer Zeit schon wieder wechseln wolle, so Saerbeck.

E-Auto an einer Ladestation | Bildquelle: dpa
galerie

Kostenfaktor E-Auto: Wer seinen Wagen zu Hause lädt, kann mit einem Preisvergleich und einem günstigeren Tarif deutlich sparen.

 Legitim oder kritisch?

Die für Datenschutz zuständigen Aufsichtsbehörden der Bundesländer wollen in der ersten November-Woche darüber beraten, ob solche Datenbanken für Energieversorger künftig zulässig sind. Der für die Schufa zuständige Hessische Landesbeauftragte für Datenschutz hält es aufgrund der Wettbewerbssituation für rechtlich vertretbar, dass Strom- und Gasversorger Kundendaten in branchenweiten Datenbanken teilten. "Wenn ich sehe, dass im Markt der Energieversorger schon die ein oder andere Insolvenz passiert ist - hauptsächlich aufgrund nutzloser Akquisitionskosten - dann muss ich dieses legitime Interesse einfach anerkennen", so Behördenvertreter Michael Kaiser. Vertreter anderer Datenschutzbehörden sagten NDR und SZ dagegen, sie sähen eine solche Speicherung eher kritisch.

"Gläserner Kunde" "ethisch fragwürdig"

Eine Umfrage von NDR und SZ unter 75 Strom- und Gasversorgern ergab ein uneinheitliches Bild. Zahlreiche Firmen berichteten, sie seien von den Auskunfteien wegen der Datenpools angesprochen worden. Einige erklärten, sie könnten sich eine Teilnahme vorstellen, sollten alle datenschutzrechtlichen Regelungen eingehalten werden, andere äußerten sich ablehnend.

Eine Sprecherin des niedersächsischen Energieversorgers Firstcon sagte, der Wunsch nach einem "gläsernen Kunden" sei zwar "aus wirtschaftlicher Perspektive nachvollziehbar, aber ethisch fragwürdig." 

Vattenfall-Logo auf einer Batterie
galerie

Vattenfall ist an dem Projekt interessiert. Auch Konkurrent E.ON prüft die Pläne von Schufa und ORIF Bürgel.

EnBW lehnt ab, Vattenfall ist "im Austausch"

Von den drei größten deutschen Energieversorgern mit Privatkundengeschäft äußerte sich nur EnBW klar ablehnend. E.ON dagegen räumte ein, "mit der Schufa und CRIF Bürgel im Rahmen von Projekten zusammengearbeitet und Datenpools geprüft" zu haben. Über die Projektphase sei man aber nicht hinausgekommen. Vattenfall erklärte, man sei mit den beiden Auskunfteien "zu deren Produktportfolio im Austausch". 25 Unternehmen, darunter Stromdiscounter wie Fuxx, Stromio und Immergrün beantworteten die Medienanfragen nicht.

Gas und Strom: Datenbanken gegen Wechselkunden
Peter Hornung, NDR
08.09.2020 06:38 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief im Deutschlandfunk in der Sendung "Informationen am Morgen" am 08. September 2020 um 06:16 Uhr.

Darstellung: