Ein Passant in London trägt einen Mundschutz | Bildquelle: AFP

Studie zu Corona Radikale Maßnahmen für viele Monate?

Stand: 17.03.2020 18:33 Uhr

Die strikten Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie müssen laut einer aktuellen Studie noch monatelang aufrecht erhalten bleiben. Sonst drohen ein Kollaps des Gesundheitssystems und viele Tote.

Von Christian Baars, NDR

Eine aktuelle Studie des Imperial College in London zeigt, dass radikale Maßnahmen im Kampf gegen die COVID-19-Pandemie über Monate nötig sein könnten. Die Wissenschaftler, die unter anderem die britischen Regierung beraten, haben untersucht, wie sich bestimmte Interventionen auf die Ausbreitung des Virus auswirken. Dazu gehören unter anderem die jetzt angeordneten Schließungen von Schulen, der Verbot von Großveranstaltung, die Isolierung von Erkrankten und deren Haushaltsmitgliedern sowie die insgesamt deutliche Verringerung von Kontakten im Arbeitsumfeld.

Die Wissenschaftler haben dies exemplarisch für die USA und Großbritannien berechnet, sagen jedoch, dass es sich auch auf andere Länder übertragen lasse. Falls nichts unternommen werde und das Virus sich unkontrolliert ausbreiten könnte, würden ihren Prognosen zufolge allein in Großbritannien mehr als 500.000 Menschen sterben und in den USA 2,2 Millionen. Ohne eine Gegenmaßnahme würden in beiden Ländern die Intensivstationen in den Kliniken bereits in der zweiten April-Woche nicht mehr ausreichen.

Pflegerin in einer Intensivstation betreut einen Kranken | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Wie lange reichen die Betten in den Intensivstationen - das ist eine entscheidende Frage.

Virus zurückdrängen oder Auswirkungen lindern

Deshalb sind aus Sicht der Forscher radikale Einschränkungen des Soziallebens notwendig. Im Grundsatz sind dabei zwei strategische Ansätze möglich: entweder das Virus zurückzudrängen oder die Auswirkungen zu lindern. Der erste Ansatz zielt darauf, die Ausbreitung des Virus so gut wie möglich zu unterbinden und weitere Infektionen zu verhindern, solange kein Impfstoff zur Verfügung steht. Das werde aber noch mindestens zwölf bis 18 Monate dauern. Hierfür seien sehr strikte Maßnahmen wie Schulschließungen und eine bevölkerungsweite soziale Distanzierung nötig. Sollten diese in dieser Zeit wieder gelockert werden, könnten die Infektionszahlen schnell wieder steigen.

Probleme seien aber die enormen sozialen und ökonomischen Kosten dieser Strategie. Sie selbst könnten auch schwerwiegende Folgen für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung haben. Außerdem gebe es keine Garantie, dass die möglicherweise im kommenden Jahr verfügbaren Impfstoffe sehr wirksam seien.

Geschlossene Schule in Koblenz. | Bildquelle: dpa
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Was wären die Folgen - wenn Schulen und Kindergärten ...

Die Innenstadt von München. | Bildquelle: dpa
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... und andere öffentliche Einrichtungen über längere Zeit schließen müssten?

Es gibt auch einen weniger drastischen Kurs

Verfolgt man dagegen einen nicht so strikten Ansatz - also die Virus-Ausbreitung nicht ganz zu stoppen, sondern auszubremsen und gleichzeitig die Folgen möglichst zu verringern - würden zwar immer mehr Menschen infiziert, aber über einen möglichst langen Zeitraum. Es geht dann darum, die sogenannte epidemiologische Kurve abzuflachen. Dabei würde sich dann allmählich eine Immunität in der Bevölkerung aufbauen und irgendwann die Zahl der Fälle wieder abnehmen.

In dieser Zeit müsste man vor allem dafür sorgen, diejenigen zu schützen, die besonders gefährdet sind, also ältere und vorerkrankte Menschen. Alle Infizierten müssten isoliert werden, Kontaktpersonen in häuslicher Quarantäne verbleiben und die über 70-Jährigen möglichst wenig soziale Kontakte haben. Ansonsten würde jedoch das soziale Leben weitgehend normal weiter gehen. So könnten die Todesfälle verringert werden.

Trotz Eindämmung - viele Tote

Allerdings würden selbst bei einer "optimalen" Eindämmungsstrategie in der Spitze etwa achtmal so viele Intensivbetten benötigt wie in den USA und Großbritannien vorhanden. Und "selbst wenn alle Patienten behandelt werden könnten, würden nach unseren Prognosen immer noch etwa 250.000 Todesfälle in Großbritannien und 1,1 bis 1,2 Millionen in den USA auftreten", heißt es in dem Papier der Wissenschaftler.

Deshalb plädieren sie für die deutlich strengeren Maßnahmen. Es sei "derzeit die einzige praktikable Strategie". Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Maßnahmen würden jedoch tiefgreifend sein.

Gleichzeitig betonen sie, dass "es keineswegs sicher ist, dass die Unterdrückung langfristig erfolgreich sein wird". Es sei bisher noch kein Versuch unternommen worden, im Bereich der öffentlichen Gesundheit über einen so langen Zeitraum mit derart störenden Auswirkungen auf die Gesellschaft zu intervenieren. "Wie Bevölkerung und Gesellschaft darauf reagieren werden, bleibt unklar", schreiben die Wissenschaftler.

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