Ein Mitarbeiter von CureVac arbeitet in einem Labor. | Bildquelle: REUTERS

Impfstoff gegen Corona Wer macht das Rennen - und wann?

Stand: 20.07.2020 06:00 Uhr

Forscher weltweit suchen nach einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus. Wer das Rennen macht, ist offen. Drei Entwickler-Teams haben bereits große, abschließende Studien gestartet.

Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR

Die Liste der Weltgesundheitsorganisation wächst stetig: Immer wieder ergänzt sie neue potenzielle Corona-Impfstoffe in ihrer Übersicht. Demnach forschen Wissenschaftler weltweit inzwischen an mehr als 160 Kandidaten. Die meisten von ihnen werden noch im Labor entwickelt oder an Tieren getestet. Aber 23 Impfstoffe werden bereits Freiwilligen gespritzt. Doch wer macht das Rennen und vor allem wie schnell?

Welcher der Impfstoffkandidaten sich durchsetze, sei "gegenwärtig nicht vorhersagbar", sagt Klaus Überla. Er ist Virologe an der Uniklinik Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO), einem Expertengremium, das Impfempfehlungen für Deutschland entwickelt.

Drei Projekte in abschließender Testphase

Aber immerhin sind bereits bei drei Projekten, einem aus Großbritannien und zwei aus China, die großen Phase-3-Studien angelaufen. "Das ist schon der letzte Schritt einer klinischen Testung", erklärt Ulrike Protzer, Professorin an der Technischen Universität München, die an Impfstoffen gegen verschiedene Viren forscht. Aber dieser Schritt sei auch der aufwendigste und teuerste und der, der am längsten dauere - typischerweise etwa zwei Jahre, sagt Protzer. Im Moment versuche man das natürlich zu beschleunigen, indem man möglichst viele Testpersonen parallel einschließe.

Oxford-Team weit fortgeschritten

Die weltweit ersten Phase-3-Studien haben die Forscher der Universität Oxford zusammen mit dem Pharma-Unternehmen AstraZeneca im Mai und Juni gestartet. In Großbritannien, Südafrika und Brasilien soll jeweils an Tausenden Freiwillige geprüft werden, ob der Impstoff sie gegen das neue Virus schützt. Geplant ist noch eine weitere Studie mit etwa 30.000 Probanden in den USA und anderen Ländern. "Wir hoffen, dass wir im Herbst Ergebnisse aus den größeren Studien haben werden", schrieb eine Sprecherin von AstraZeneca auf Anfrage des NDR.

Eine medizinische Mitarbeiterin der Oxford Universität setzt einem Probanden eine Injektion. | Bildquelle: dpa
galerie

Forscher auf der ganzen Welt arbeiten an Impfstoffen gegen das Coronavirus, darunter auch die britische Universität Oxford.

Das chinesische Unternehmen Sinovac hat eine große Phase-3-Studie in Brasilien gestartet, wo sich das Virus derzeit stark ausbreitet. Um möglichst schnell herauszufinden, ob ihr Impfstoff vor einer Ansteckung schützt, sollen gezielt Menschen geimpft werden, die besonders gefährdet sind: etwa 9000 Mitarbeiter von zwölf Kliniken, die sich auf die Behandlung von Corona-Patienten spezialisiert haben.

Der dritte Kandidat, der nun in die abschließende Phase tritt, stammt vom chinesischen Staatsunternehmen Sinopharm. Mitte Juli hat es eine Studie in den Vereinigten Arabischen Emiraten gestartet, bei der 15.000 Freiwillige geimpft werden sollen.

Indischer Forschungsrat drängt zu Eile

Schlagzeilen machte zuletzt die Impfstoff-Entwicklung in Indien. Dort war Anfang Juli ein Brief des Direktors des Indischen Rates für medizinische Forschung (ICMR) geleakt worden. Er hatte an Kliniken geschrieben, in denen Freiwillige im Rahmen von ersten Studien geimpft werden sollen. Er forderte zu Eile auf. Es sei vorgesehen, einen Impfstoff bis spätestens 15. August, nach Abschluss aller Studien, auf den Markt zu bringen, heißt es in dem Brief.

Wissenschaftler kritisierten dies scharf. Die Indische Akademie der Wissenschaften schrieb etwa, dieser Zeitplan sei nicht durchführbar, ohne wissenschaftliche Standards zu verletzen. Das ICMR teilte in einer Presseerklärung mit, es halte sich an die Normen und habe nur dazu aufrufen wollen, unnötige Bürokratie zu vermeiden und die Rekrutierung von Probanden zu beschleunigen.

Zwei deutsche Impfstoffe in klinischen Tests

In Deutschland werden derzeit zwei mögliche Impfstoffe an ersten Probanden getestet. Die Tübinger Firma Curevac hat kürzlich eine Phase-1-Studie gestartet. Geplant ist, dass 168 Freiwillige in Tübingen, München, Hannover und in der belgischen Stadt Gent ihren Impfstoff verabreicht bekommen. Im Herbst will die Firma in die nächste Studien-Phase eintreten.

Etwas weiter ist schon das Mainzer Unternehmen Biontech. Es hatte im April die Genehmigung von der zuständigen Behörde - dem Paul-Ehrlich-Institut - dafür bekommen, ihren Impfstoff in Deutschland zu testen. Zudem hat es mit dem Pharmariesen Pfizer eine Untersuchung in den USA gestartet - mit geplant etwa 8000 Teilnehmern. Abschließend soll der Impfstoff in einer Studie mit bis zu 30.000 Probanden getestet werden. Bereits Ende Juli könnte diese vor allem in den USA und Europa beginnen, teilte das Unternehmen auf Anfrage des NDR mit.

Soweit sind die Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) noch nicht. Aktuell planen sie, im Herbst die ersten Freiwilligen zu impfen. Im Vergleich zu den schnellsten Projekten seien sie damit etwa ein halbes Jahr hinterher, sagt Marylyn Addo, Infektiologin am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE). Sie arbeitet gemeinsam mit Forschern der Universitäten Marburg und München an dem DZIF-Projekt.

Prognose schwierig

Wann aber der erste Impfstoff tatsächlich zugelassen werde und möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehe, sei "ganz schwierig vorauszusehen", sagt Addo. Sie sieht derzeit die britische Oxford-Gruppe sehr weit vorangeschritten sowie das US-Unternehmen Moderna, das angekündigt hatte, im Juli die abschließende Studie zu starten. Auch die beiden deutschen Firmen Curevac und Biontech seien schon in fortgeschrittenen Phasen. Was etwa in China oder Russland passiere, sei dagegen schwierig zu beurteilen. Bei manchen Projekten sei es nicht so richtig transparent, beklagt Addo.

Die Hoffnung sei, dass man Ende 2021 erste Impfstoffe haben könnte, sagt TU-Professorin Protzer. Es könne aber immer noch Probleme geben. Unklar sei etwa, wie wirksam die jetzt in der frühen Phase getesteten Mittel tatsächlich sind, auch wenn das Immunsystem der Probanden reagiert. Es könne etwa sein, "dass wir Antikörper oder Immunzellen erzeugen, die uns gar nicht richtig schützen, sondern die Erkrankung nur abschwächen oder auch gar nichts bewirken", sagt Protzer. Auch die Produktion so hochzufahren, dass man einen Impfstoff breiter anbieten könne, werde sicherlich noch dauern.

Pharmaverband erwartet langen Prozess

Immerhin gebe es erfreulich viele Projekte, so dass man am Ende damit rechnen könne, dass mehrere Stoffe auch unterschiedlicher Art letztendlich erfolgreich sein könnten, sagt Siegfried Throm vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA). Das sei auch deshalb wichtig, weil man voraussichtlich unterschiedliche Impfstoffe brauche, je nachdem, ob man ältere oder jüngere Personen impfe. Außerdem wisse man ja auch noch nicht, wie lange der Impfschutz ausreiche, und ob man eventuell mehrere Impfdosen brauche, so Throm.

In jedem Fall werde es "eine ganze Weile dauern, bis wirklich alle geimpft werden können", sagt Throm. "Eine schnelle, breite Immunisierung der Bevölkerung mittels der Impfungen und eine absolute Rückkehr zum Normalzustand vor der Corona-Pandemie wird wahrscheinlich die nächsten Jahre nicht möglich sein."

"Frau Addo, wann ist denn der Impfstoff da?!"
Oda Lambrecht, NDR
20.07.2020 06:31 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtet NDR Info am 20.07.2020.

Autor

Christian Baars, NDR Logo NDR

Christian Baars, NDR

Autorin

Oda Lambrecht Logo NDR

Oda Lambrecht, NDR

Darstellung: