Putenstall (Symbolbild) | picture alliance / dpa
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Antibiotika für Nutztiere Immer noch resistente Keime auf Putenfleisch

Stand: 24.08.2021 05:00 Uhr

Auf Putenfleisch finden sich laut einer Stichprobe offenbar noch immer Keime, die gegen Antibiotika resistent sind. Dabei versprechen Industrie und Politik seit Jahren, das Problem anzugehen.

Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR

Sie hätten das getan, was Millionen Verbraucherinnen und Verbraucher tun, erklärt Reinhild Benning von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) - nämlich Putenfleisch bei einem Discounter kaufen. Statt das Fleisch zuzubereiten, haben sie es aber in ein Labor geschickt und auf antibiotikaresistente Krankheitserreger untersuchen lassen.

Oda Lambrecht
Christian Baars

Das Ergebnis der Universität Greifswald, das dem NDR vorliegt, bestätigt erneut ein großes Problem: Auf vielen Fleischstücken finden sich resistente Keime, bei denen also bestimmte Antibiotika nicht mehr wirken. Von den insgesamt 62 Proben waren 19 damit belastet - also knapp ein Drittel.

Übertragungen in beide Richtungen möglich

Solche Bakterien können auf verschiedenen Wegen von Tieren zu Menschen - oder auch umgekehrt - übertragen werden. Wie viele Infektionen bei Menschen durch resistente Keime von Tieren verursacht werden, ist allerdings unklar. Prinzipiell bestehe aber "immer eine Übertragungsgefahr", sagt die Mikrobiologin Katharina Schaufler von der Universität Greifswald, die das Geflügelfleisch untersucht hatte.

Bei mangelnder Küchenhygiene etwa können sich Keime vom rohen Fleisch aus weiter verbreiten. Gerade bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem könnten sie eine Erkrankung auslösen, so Schaufler. Und Infektionen mit resistenten Keimen sind schwierig zu behandeln, weil die entsprechenden Antibiotika nicht mehr anschlagen.

Wichtige Medikamente gefährdet

Besorgniserregend sind vor allem Bakterien mit Resistenzen gegen Wirkstoffe, die nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Humanmedizin besonders wichtig sind. In der aktuellen Untersuchung fanden sich solche Erreger in elf der 62 Fleischproben.

Einer dieser lebenswichtigen Wirkstoffe ist Colistin. Das Mittel wird in Deutschland vor allem in der Geflügelhaltung verwendet. Viele Ärzte und Organisationen fordern seit Jahren, dieses Antibiotikum bei Tieren zu verbieten oder zumindest deutlich seltener einzusetzen. Auch nach Ansicht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sollte der Einsatz auf "das unbedingt therapeutisch notwendige Maß" reduziert werden.

Seit Jahren kein wirklicher Rückgang mehr

Doch noch immer wird es in großen Mengen verwendet. Zwar ist der Colistin-Einsatz von 2011 bis 2016 deutlich zurückgegangen. Seitdem hat sich die Situation jedoch kaum mehr verbessert. Auch bei den meisten anderen Antibiotika stagniert die eingesetzte Menge seit Jahren.

Auf Anfrage des NDR verweist der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) auf die bereits erreichten Reduzierungen. Es sei das erklärte Ziel, den Antibiotika-Einsatz auch in Zukunft weiter zu senken. Man habe in Gesprächen mit der Regierung sogar angeboten, auf Colistin künftig komplett zu verzichten. Allerdings hatte der Verband dies mit der Forderung verknüpft, dass andere Mittel zur Vorbeugung und Behandlung der Tiere zugelassen werden müssten.

Alternativen durchaus vorhanden

Die Leiterin der Geflügel-Klinik an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Silke Rautenschlein, sieht jedenfalls "durchaus Möglichkeiten, den Einsatz weiter zu reduzieren". Die Fachtierärztin für Geflügel und Mikrobiologie erklärt zum Beispiel, dass langsam wachsende Masthühner meist seltener antibiotisch behandelt werden müssten als schnell wachsende. Außerdem könne man das Infektionsrisiko senken, wenn man die Ställe länger leer stehen lassen würde, bis neue Tiere eingestallt werden.

"Wir bekommen eigentlich nur einen reduzierten Antibiotika-Einsatz über eine bessere Haltungsform hin", ergänzt die Fachtierärztin für Mikrobiologie, Katharina Schaufler, von der Uni Greifswald. Die Tiere dürften nicht so eng beieinanderstehen, aber das koste halt.

Dazu schreibt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft dem NDR, die meisten Tierhalter hätten bereits seit 2018 die Besatzdichte verringert, und man setze weiter auf eine "sukzessive Reduzierung".

Expertin sieht Regierungsversagen

Die Agrarexpertin der Deutschen Umwelthilfe, Reinhild Benning, sieht die Politik in der Verantwortung. "Wir haben ein Resistenz-Risiko in der Lebensmittelkette, das nur mit beherzten politischen Maßnahmen und mehr Tierschutz im Stall beendet werden kann und gebremst werden kann", sagt Benning. Sie wirft der Regierung "Versagen" vor, dass es in den vergangenen Jahren nicht gelungen sei, den Antibiotika-Einsatz weiter zu senken.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium bestätigt auf Nachfrage das Problem und erklärt gegenüber dem NDR, die Situation sei "nicht zufriedenstellend". Das Ministerium schreibt aber auch, die Bundesregierung setze sich seit vielen Jahren für "Strategien" ein, den Antibiotika-Einsatz bei Mensch und Tier auf das "ausschließlich medizinisch notwendige Maß" zu beschränken.

Ministerium lässt forschen

Das von Julia Klöckner geführte Ministerium weist zudem daraufhin, dass verschiedene Projekte ausgeschrieben seien, die Forschung und praktische Vorhaben fördern sollen, um etwa die Tiergesundheit bei Mastgeflügel zu verbessern - mit dem Ziel, die eingesetzte Antibiotikamenge zu reduzieren.

Außerdem habe man gerade erst die Europäische Kommission aufgefordert, bei der "anstehenden Überarbeitung der EU-Tierschutzgesetzgebung verbindliche Haltungsanforderungen an die Putenhaltung" einzubeziehen. In Deutschland gibt es bislang keine konkreten Tierschutz-Vorschriften für die Haltung von Puten - anders als etwa für Schweine. Tierschutzverbände kritisieren das seit Jahren.

EU-Parlament entscheidet über Verbot

Unterdessen wird auf europäischer Ebene gerade heftig darüber gestritten, ob einige Reserveantibiotika in der Tierhaltung verboten werden sollen, also Medikamente, die für die Behandlung von Menschen besonders wichtig sind und deshalb möglichst wenig eingesetzt werden sollten. Mitte September will das EU-Parlament darüber abstimmen. Der Ausgang ist ungewiss.

Über dieses Thema berichtete B24 Aktuell am 24. August 2021 um 06:09 Uhr.