Blumen und Kerzen liegen am Tatort vor dem abgesperrten Kaufhaus in Würzburg. | dpa
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Würzburger Messerangriff Das Motiv bleibt offen

Stand: 15.07.2021 12:02 Uhr

Nach dem Messerangriff von Würzburg versuchen die Ermittler herauszufinden, was den mutmaßlichen Täter antrieb. Die Hinweise auf islamistischen Terrorismus erhärteten sich zuletzt nicht.

Von Florian Flade und Georg Mascolo, NDR/WDR

Die Ermittler des bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) versuchen mit großem Aufwand, das Motiv der schrecklichen Tat von Würzburg zu klären. Abdirahman J. A. gilt als psychisch krank, er war bereits in der Vergangenheit aufgefallen, wurde deshalb in eine Klinik eingewiesen. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass es sich um einen islamistisches Terroranschlag handeln könnte. Schon während seiner Tat im Einkaufszentrum, so erinnert sich ein Sicherheitsmann, soll er "Allahu akbar!" gerufen haben, Arabisch für "Gott ist groß".

Florian Flade
Georg Mascolo

"Ich mache Dschihad"

Dann ist da noch die Aussage, die Abdirahman J. A. gegenüber einer Polizistin getätigt haben soll, die ihn nach seiner Festnahme im Krankenhaus von Kitzingen "spurentechnisch" untersuchte. Gegen 19:25 Uhr, so gab die Beamtin zu Protokoll, soll der Somalier "ohne vorherige Ansprache oder Frage" ganz plötzlich gesagt haben: "Ich mache Dschihad."

War der Messerangriff von Würzburg also die Tat eines psychisch-kranken Menschen oder doch islamistischer Terrorismus? Anfangs hatte es noch geheißen, es gebe "eklatante Hinweise" auf einen radikalislamischen Hintergrund der Tat. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse aber konnten diesen Verdacht nicht erhärten.

Keine islamistischen Hinweise gefunden

Zwei Mobiltelefone von Abdirahman J. A. wurden inzwischen ausgewertet, darauf wurden keine dschihadistische Propaganda, keine Enthauptungsvideos oder ähnliches gefunden, ebenso wenig extremistische Chats, oder gar Hinweise darauf, dass J. A. bei seiner Tat von einem Dschihadisten irgendwo auf der Welt angeleitet worden war. Auch Material der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) fand sich entgegen erster Medienberichte nicht in seinem Zimmer in der Würzburger Obdachlosenunterkunft. Nur zwei Gebetsteppiche und eine Gebetskette entdeckten die Ermittler.

Kurz vor seiner Tat hatte Abdirahman J. A. noch eine WhatsApp-Nachricht an eine somalische Handynummer verschickt. Es war wohl eine Abschiedsbotschaft, darin war die Rede davon, dass man sich im Paradies wiedersehen werde. Islamistische Aussagen aber fanden sich nicht in der Nachricht. Die Ermittler konnten die Empfängerin identifizieren. Es handelt es sich um die Mutter des Asylbewerbers. Am 27. Juni, zwei Tage nach der Tag, erhielt sie einen Anruf von der deutschen Polizei. Genau wie die Ex-Frau des Attentäters, die seit 2016 von ihm geschieden ist. Beide gaben an, Abdirahman J. A. sei keinesfalls ein radikaler Extremist.

Abdirahman J. A. schweigt über Tatmotiv

Anfang des Jahres hatte sich ein ehemaliger Mitbewohner des Somaliers bei den Behörden gemeldet. Er gab an, vor Jahren mal ein Telefonat von Abdirahman J. A. belauscht zu haben. Dabei habe dieser erzählt, er habe in Somalia bei der Terrormiliz Al-Shabaab gekämpft, und habe auch Attentate verübt. Der Hinweis erreichte den für Terrorismusverfahren zuständigen Generalbundesanwalt in Karlsruhe. Man ging den Aussagen nach, es fanden sich jedoch keinerlei Belege, die Sache wurde eher als Versuch der Denunziation gewertet. Inzwischen wurde der einstige Mitbewohner nochmals befragt, nun heißt es, es sei wohl doch nur ein Missverständnis gewesen.

Die Ermittler erhofften sich von Abdirahman J. A. selbst mehr Aufklärung darüber, warum er am 25. Juni zum Mörder wurde. Doch er schweigt bislang und wird dies wohl auch weiterhin tun. In dieser Woche sollte eigentlich eine Befragung stattfinden, die wird es nun wohl doch nicht geben. Denn dafür müsste der Attentäter sein Einverständnis erklären. Sein Pflichtverteidiger Hans-Jochen Schrepfer sagt, in den Stunden nach der Tat sei sein Mandant  "in einer anderen Welt" gewesen, "wie weggetreten." Ein Gespräch sei unmöglich gewesen. Der Täter habe stattdessen mit sich selbst geredet, "teils auch geschrien."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk u.a. am 28. Juni 2021 um 12:35 Uhr und am 29. Juni 2021 um 18:22 Uhr.