Beleuchteter Wirecard-Schriftzug | dpa
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Wirecard Gab es die 1,9 Milliarden Euro doch?

Stand: 21.11.2021 18:45 Uhr

1,9 Milliarden Euro haben Wirecard zu Fall gebracht. Bislang lautet die Hypothese, dass das Geld nie existiert hat. Doch Recherchen von NDR,WDR und SZ legen nahe, dass es aus der Firma abgeflossen sein könnte.

Georg Mascolo, Nils Wischmeyer und Lena Kampf, NDR/WDR

Alfred Dierlamm wartet bereits auf seinen Auftritt auf der Bühne im Atrium des Museums für Kommunikation in Berlin, während die Zuhörer noch in der Kaffeepause sind. Die Stühle vor ihm sind leer. Der Strafverteidiger steht am Sprechpult und wartet auf seinen großen Auftritt. Davon hatte er schon viele, vertritt er doch in der Regel Wirtschaftsmanager in Strafverfahren. Selten aber war eine Lage komplexer als bei seinem aktuellen Mandanten, bei Wirecards Ex-CEO Markus Braun. Dieser sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft, eine Haftprüfung steht gerade an. Und Dierlamm will an der aktuellen Situation etwas ändern, deshalb holte er zu einem Rundumschlag aus. 

Georg Mascolo
Lena Kampf

Kaum haben sich die Gäste gesetzt, macht Dierlamm klar, worum es ihm heute gehen wird. In der Einleitung der Moderation sei von einem "nicht ganz unerheblichen Bilanzskandal gesprochen worden", sagt der Rechtsanwalt. "Bei dem Attribut 'unerheblich' möchte ich Ihnen hier nicht widersprechen", sagt er. Doch: "Ob es sich im eigentlichen Sinne um einen Bilanzskandal handelt", sei genau die Frage. Dierlamm nämlich glaubt, Beweise gefunden zu haben, die den Fall ganz anders darstellen könnten.

Tatvorwürfe - genug für 15 Jahre Gefängnis

Die bisherigen Tatvorwürfe gegen seinen Mandanten wiegen schwer: bandenmäßiger Betrug an Investoren und Banken in Milliardenhöhe, Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Untreue - genug für 15 Jahre Gefängnis. Markus Braun scheint im Zentrum des größten Wirtschaftsskandals zu stehen, den Deutschland je erlebt hat. Im Juni 2020 wurde klar, dass 1,9 Milliarden Euro auf Wirecard-Konten in Asien fehlen, der Konzern meldete daraufhin Insolvenz an.

Das Geld, so die These der Staatsanwaltschaft: nicht vorhanden. Es sei quasi erfunden worden, um den Kapitalmarkt zu täuschen. Und Braun soll in all das verwickelt gewesen und sogar Kopf der Bande gewesen sein, die täuschte.

Nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" tauchen seit einigen Monaten tatsächlich immer mehr Belege für bislang unbekannte und dubiose Zahlungsflüsse über Konten der konzerneigenen Wirecard-Bank auf. Hunderte Millionen Euro seien demnach über vermeintliche Partner aus Asien über die Wirecard-interne Bank zu Gesellschaften in der Karibik und in andere Offshore- und Steuerparadiese geflossen.

Das wirft viele Fragen auf. Einige davon: Gab es das für den Fall entscheidende Drittpartnergeschäft von Wirecard etwa doch? Waren die 1,9 Milliarden Euro tatsächlich existent, nur eben nicht bei Wirecard? Hat sich womöglich eine Bande rund um den flüchtigen Vorstand Jan Marsalek sehr viel stärker am Unternehmen bereichert als bisher gedacht? So sieht es jedenfalls Alfred Dierlamm. Sein Mandant wäre damit teilweise entlastet und sollte - so sieht er es - aus der Untersuchungshaft entlassen werden.

Wo ist das Geld, wenn es doch welches gibt?

Unklar ist, wo das Geld sich heute überhaupt befindet. Anhand von Kontoauszügen macht der Strafverteidiger Dierlamm aber ein Muster aus: eine Schattenstruktur bei Wirecard selbst. Demnach sei das Geld in der Regel von Wirecard-Partnern aus Asien gekommen, hätte im Betreff einen Bezug zum Zahlungsgeschäft gehabt und sei zunächst auf Konten bei der Wirecard Bank eingelaufen. Von dort sei es dann in großen, aber regelmäßigen Tranchen zu Firmen in Steuerparadiesen transferiert worden, unter anderem nach Dubai, auf die Britischen Jungferninseln oder nach Antigua.

Hunderte Millionen Euro sollen so geflossen und bei unbekannten Empfängern versickert sein. Um das alles vollständig zu entwirren, bräuchten die Ermittler sicherlich noch zwei bis drei Jahre. Kein deutsches Gericht, so offenbar das Kalkül von Dierlamm, wird seinen Mandanten bis dahin festhalten können. Bislang ist mit einer Anklage gegen Braun und andere im ersten Halbjahr 2022 zu rechnen.

Steckt ein Geldwäschesystem dahinter?

Auch die Staatsanwaltschaft kennt die dubiosen Millionentransfers, doch die Ermittlungsbehörde kommt offenbar zu einer anderen Interpretation als Dierlamm. Könnte dahinter ein gigantisches Geldwäschesystem stehen, mit dem Marsalek und seine Freunde Einnahmen aus schmutzigen Geschäften, womöglich von Mafiosi und Geheimdienstlern, gereinigt haben? Eine Art Dienstleister für die organisierte Kriminalität? Belege dafür gibt es bislang nicht. Die Staatsanwaltschaft will sich zum Stand der Dinge nicht äußern.

Sie bleibt bei ihrem Vorwurf, das Drittpartnergeschäft in Asien sei ganz oder größtenteils eine Erfindung gewesen. In Ermittlungsunterlagen heißt es, es gebe keine Hinweise auf die von Brauns Verteidigung behauptete Schattenstruktur von Marsalek & Co. Auf ein System also, das dazu gedient hätte, Milliardenerlöse aus Drittpartnergeschäften für andere Zwecke abzuzweigen. Sollte Dierlamms These von der Schattenstruktur sich aber als belastbar herausstellen, wäre die aktuelle Ermittlungshypothese vom aufgeblähten Konzern Wirecard und seinen Bilanzfälschungen kaum noch zu halten. Sollte es sich derweil um ein Geldwäschenetzwerk gehandelt haben, wie die Staatsanwaltschaft offenbar annimmt, hätte diese These weiterhin Bestand.

Auch für die Anleger wird es in diesem Moment interessant. Sie hatten bisher kaum Chancen auf Schadensersatz, Klagen gegen ehemalige Beteiligte oder auch Wirtschaftsprüfer scheinen ausweglos. Da kommen ein paar hundert Millionen Euro, die womöglich irgendwo vorhanden sein könnten, gerade recht - wenn man ihrer denn habhaft werden könnte. Der Anwalt von Jan Marsalek, dem flüchtigen Wirecard-Vorstand, der für das Asiengeschäft verantwortlich war, hat sich bisher zu den Vorwürfen nicht geäußert.

Kommt Ex-CEO Braun erstmal frei?

Bei beiden Interpretationen aber bleibt eine Frage offen: Was wusste Markus Braun? Aktuell läuft die mittlerweile vierte Haftprüfung für den ehemaligen CEO. Dreimal hat das Gericht seine vorzeitige Freilassung verneint. Nun hofft Dierlamm auf das Gegenteil und  kalkuliert: Wenn die Ermittler erst den komplizierten Millionenströmen nachspüren müssen, dauert das Verfahren vermutlich lange - so lange, dass Markus Braun vielleicht sogar erstmal auf freien Fuß kommen könnte.