Zahlungsdienstleister Wirecard | Bildquelle: AFP

Wirtschaftsprüfer und Wirecard Größtmöglicher Misstrauensbeweis

Stand: 29.06.2020 17:39 Uhr

Die Wirtschaftsprüfer von EY versagen Wirecard den Jahresabschluss für 2019. Nach Informationen von WDR, NDR und SZ stellen sie das gesamte Geschäft mit asiatischen Drittpartnern in Frage.

Von Massimo Bognanni (WDR) und Georg Mascolo (WDR/NDR)

Das Schreiben, das an diesem Montagmorgen im beschaulichen Aschheim eintraf, war nur sechs Seiten lang. Doch der Brief an den Vorstand des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard hatte es in sich. Zwei Prüfer des Wirtschaftsprüfkonzerns EY hatten es aufgesetzt. In dem Brief, der WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" vorliegt, versagen die Abschlussprüfer das Testat für den Jahresabschluss 2019. Damit ist die Bilanz des Konzerns unvollständig und nichtig: der größtmögliche Misstrauensbeweis.

Der Vorgang ist für den Dax-Konzern ein weiterer Schlag in einer nicht enden wollenden Kette von Rückschlägen. Die Nachrichten überschlugen sich zuletzt: Unternehmensrazzia, Milliarden auf asiatischen Treuhandkonten, die nicht existieren, Firmenpleite, Haftbefehle für Vorstände - einer stellt sich, der andere nicht. Und nun der Ärger mit den Abschlussprüfern.

Kritik an der Informationspolitik

Die Wirtschaftsprüfer, die seit einigen Jahren die Bilanzen des Konzerns testiert haben, kritisieren vor allem das Drittpartnergeschäft in Asien, das zuletzt angeblich gut die Hälfte des Umsatzes und nahezu 90 Prozent des Gewinns der Wirecard AG ausmachte.

In ihrem Schreiben erheben die Prüfer Vorwürfe, was die Informationspolitik des einstigen Börsenlieblings anbelangt. Dokumente wie Kontoauszüge oder Kontoeröffnungsbelege seien, trotz mehrfacher Aufforderung, nicht vorgelegt, versprochene Gesprächskontakte nicht vermittelt worden. Inzwischen sind auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und die Münchner Staatsanwaltschaft über die neuesten Prüfer-Erkenntnisse informiert worden.

Treuhänder gewechselt

Die EY-Prüfer hinterfragen nun auch Vorgänge aus dem Jahr 2018. Ende vergangenen Jahres hatte der Konzern seinen Treuhänder für Teile des Asien-Geschäfts gewechselt. Ein Treuhänder, der Wirecards Treuhandkonten bis Ende 2019 verwaltete, soll angeblich einst Guthaben bei der Oversea-Chinese Banking Corporation in Singapur in Höhe von rund 980 Millionen Euro bestätigt haben.

Doch nun wollen es die EY-Prüfer offenbar noch einmal genau wissen: Anfang vergangener Woche baten sie den Dienstleister um eine Bestätigung der Guthaben zum 31. Dezember 2018. Der Treuhänder antwortete: "Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass dies nicht mein Schreiben und der Briefkopf unserer Firma ist. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir solche Guthaben nicht halten, noch dies bestätigt haben." Darüber hinaus habe man das letzte Mal im März 2017 treuhänderisch für eine Wirecard-Firma gearbeitet.

Schon 2018 Unterlagen gefälscht?

Das bedeutet, dass nicht nur für das Geschäftsjahr 2019 womöglich Guthaben fehlen und Unterlagen gefälscht wurden, sondern vielleicht bereits für 2018. "Damit besteht der begründete Verdacht", heißt es daher in dem Schreiben der EY-Prüfer an den verbliebenen Wirecard-Vorstand, "dass auch die uns vorliegenden Saldenbestätigungen des Treuhänders sowie die uns erteilten Auskünfte zu den Kontoständen zum 31. Dezember 2018 falsch waren."

Im Bundestag werden inzwischen erste Stimmen laut, die einen Untersuchungsausschuss fordern. Schließlich hatte kein Aufsichtsorgan die Bilanzlöcher bei Wirecard erkannt, obwohl es wiederholt Hinweise auf geschönte Bilanzen gab. Auch die Rolle von EY würde dann geklärt werden müssen, denn die Wirtschaftsprüfer hatten die Abschlüsse der Firma in der Vergangenheit testiert.

EY versagt Wirecard den Jahresabschluss
Benedikt Strunz, NDR
29.06.2020 18:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Juni 2020 um 16:10 Uhr.

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