Astrazeneca-Dosen | AFP
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Sinkende Nachfrage Impfstoff-Vernichtung nimmt zu

Stand: 06.08.2021 09:00 Uhr

Weil die Nachfrage sinkt und die Haltbarkeit begrenzt ist, müssen immer mehr Bundesländer Impfstoff vernichten. Allein Bayern hat im Juli laut einer Umfrage von NDR und WDR Zehntausende Impfdosen vernichtet.

Von Markus Grill, NDR/WDR

Seit Beginn der Pandemie hat Bayern insgesamt 53.000 Impfstoff-Dosen entsorgt, wobei mehr als die Hälfte davon allein im Juli "als Verwurf gemeldet" wurde. "Die im Sommer angestiegenen Zahlen sind die unmittelbare Folge einer abnehmenden Impfbereitschaft in der Bevölkerung", teilte das bayerische Gesundheitsministerium auf Anfrage mit. Auch in Baden-Württemberg lief Ende Juli die Haltbarkeit von 4000 Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca ab, die deshalb "fachgerecht entsorgt wurden", wie das dortige Gesundheitsministerium schreibt. 

Markus Grill

In Nordrhein-Westfalen lief am vergangenen Wochenende die Haltbarkeit von 350 AstraZeneca-Impfdosen ab. "Das ist das erste Mal, dass abgelaufene Impfstoffdosen, die von einem Impfzentrum zurückgeführt wurden, im Landeslager entsorgt werden mussten", teilt das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW mit. In Rheinland-Pfalz wurden seit Beginn der Pandemie nach Angaben des dortigen Ministeriums 5493 Impfdosen entsorgt, 2185 davon allein im Juli. 

Im sehr viel kleineren Saarland gab es 6000 AstraZeneca-Impfdosen, deren Haltbarkeit Ende Juli abgelaufen war und die nun vernichtet werden müssen. In Sachsen hingegen wurden im Juli 2335 Impfdosen entsorgt, seit Beginn des Jahres belaufe sich "der Gesamtverlust" auf 9734 Impfdosen, schreibt das dortige Sozialministerium. 

In den meisten Fällen handelt es sich bei dem vernichteten Impfstoff um Dosen des Pharmaunternehmens AstraZeneca. Auch in Schleswig-Holstein sind von diesem Impfstoff Ende Juli 3090 Dosen abgelaufen. In Bremen wurden seit Anfang des Jahres 2715 Impfdosen vernichtet, darunter allein im Juli 690 Dosen AstraZeneca. 

Noch weitere Dosen bei Ärzten vernichtet

Die nun vernichteten Impfstoffe betreffen ausschließlich Dosen, die in Impfzentren übrig blieben. Ob und wie viel Impfstoffdosen in niedergelassenen Arztpraxen unbrauchbar und entsorgt wurden, ist unklar, weil Ärztinnen und Ärzte dies an keine Behörde melden müssen. 

Bund nimmt Impfstoffe zurück

Impfdosen, die nicht mehr benötigt werden, die aber noch haltbar sind, können die Länder an den Bund zurückgeben. So will Hamburg in den kommenden Tagen 6000 Dosen AstraZeneca zurückgeben, Sachsen-Anhalt plant die Rückführung von 22.000 Impfdosen und Niedersachsen sogar von 120.400 Impfdosen, wie die jeweiligen Gesundheitsministerien auf Anfrage mitteilen. 

Weil die Nachfrage gerade deutlich einbricht, will das Bundesgesundheitsministerium "im Laufe des Augusts" auch dazu übergehen, an die Länder nicht mehr die Menge zu liefern, die ihnen nach ihrem Bevölkerungsanteil zusteht, sondern nur noch die Menge, die aus den Ländern auch konkret bestellt werde, wie Ministeriumssprecher Oliver Ewald mitteilt. Schließlich übersteige die Verfügbarkeit an Impfstoffen die Nachfrage bereits deutlich.

Weitergabe an andere Länder

Noch in dieser Woche will Deutschland deshalb 1,3 Millionen Impfdosen des Herstellers AstraZeneca an die Initiative COVAX liefern, die Impfstoffe in ärmeren Ländern verteilt. Ebenfalls im August will Deutschland zugunsten von anderen europäischen Ländern auf Lieferungen des Hersteller Johnson & Johnson verzichten. Hintergrund ist, dass das Bundeskabinett am 7. Juli bereits beschloss, 30 Millionen Impfdosen AstraZeneca und Johnson & Johnson an Drittstaaten abzugeben. 80 Prozent davon sollen an COVAX fließen, 20 Prozent sollen direkt an einzelne Länder verschenkt werden. 

International spendet Europa derzeit verhältnismäßig wenige Impfstoffdosen an ärmere Länder. Laut einem internen EU-Bericht von 2. August haben die USA bisher 59,8 Millionen Impfstoffdosen an 45 Länder weitergegeben. Weitere 20 Millionen Impfdosen sollen in den nächsten Wochen folgen. China hat demnach bereits 24,2 Millionen Impfstoffdosen an 71 Länder gespendet. Europa hingegeben nur 7,9 Millionen Impfdosen an 36 Länder, davon 3,3 Millionen Dosen über COVAX. EU-Außenvertreter Josep Borell hatte Ende vergangene Woche bereits kritisiert, dass die EU mit ihren bisher kärglichen Lieferungen nach Afrika und Lateinamerika riskiert, gegenüber China an Einfluss in den dortigen Ländern zu verlieren.

Über dieses Thema berichtete BR24 im Hörfunk am 06. August 2021 um 09:00 Uhr.