Zollbeamte breiten sichergestelltes Kokain auf einem Tisch aus. | dpa
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Europol Bekannter Drogenboss in Berlin gefasst

Stand: 06.12.2022 08:11 Uhr

Beim Schlag gegen ein mutmaßliches Drogenschmuggler-Netzwerk wurde kürzlich eine bekannte Unterweltgröße in Berlin festgenommen: Schon vor 30 Jahren stand Ricardo R. im Visier von Drogenfahndern.

Von Florian Flade, WDR, Antonius Kempmann und Reiko Pinkert, NDR

In dem Video, das Europol veröffentlicht hat, sind vermummte Polizeibeamte zu sehen, die Villen stürmen. Es werden Männer in Jogginghose festgenommen, Luxusautos und teure Uhren beschlagnahmt. Die Ermittler haben offenbar viel Bargeld gefunden, aber auch Pistolen, Munition und große Mengen Rauschgift.

Europol spricht von einem wichtigen Schlag gegen ein kriminelles Netzwerk von Drogenhändlern, das "eines der gefährlichsten in der Europäischen Union" sei. Eine Bande, organisiert wie ein Unternehmen, die verantwortlich sein soll für den Schmuggel und Verkauf von großen Mengen an Kokain, Cannabis und Methamphetamin.

Europaweites Netzwerk

Im November schlug die gemeinsame Ermittlungsgruppe "Krone" zu, an der Polizei- und Justizbehörden aus elf Ländern beteiligt waren. 94 Durchsuchungen gab es europaweit, 44 Personen wurden festgenommen. Ausgangspunkt waren Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft in Litauen. Festnahmen gab es auch in Tschechien, Frankreich, der Slowakei, Lettland, Polen, Norwegen, Spanien, den USA - und in Deutschland.

Nach Recherchen von NDR und WDR nahmen Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) in der deutschen Hauptstadt einen Beschuldigten fest, der schon vor Jahren eine schillernde Größe der kriminellen Unterwelt war: Ricardo R., geboren 1956 im polnischen Katowice.

Früher wurde Ricardo R. der "polnische Al Capone" genannt. Er lebte in Deutschland, Belgien und Großbritannien. Seine Festnahme erfolgte in Berlin durch Polizeibeamte des Referats 412, spezialisiert auf die Russisch-Eurasische Organisierte Kriminalität (REOK). Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigte seine Festnahme auf Anfrage und erklärte, es seien bei R. auch 4,5 Kilogramm Rauschgift sichergestellt worden.

Ein Dutzend Alias-Namen

Ricardo R. stand bereits in den 1990er-Jahren im Visier von europäischen und US-amerikanischen Drogenfahndern. Er wurde verdächtigt, der Kopf eines internationalen Netzwerks von Rauschgift- und Zigarettenschmugglern zu sein.

US-Ermittler fanden mehr als ein Dutzend Alias-Namen, unter denen R. seine Geschäfte betrieb. Dabei ging es unter anderem um Heroin und Kokain, das angeblich über Thailand nach Belgien und Polen und anschließend weiter in die USA gebracht worden sein soll.

Im Oktober 2007 wurde Ricardo R., der inzwischen den Namen seiner ehemaligen deutschen Ehefrau angenommen hatte, in seiner Wohnung in London festgenommen und anschließend an die US-Behörden ausgeliefert.

30 Millionen Dollar Strafe

Er kam im August 2008 in New York vor Gericht und musste sich wegen Verschwörung zum Rauschgifthandel, Geldwäsche und illegalem Waffenbesitz verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf R. zahlreiche Taten im Zeitraum zwischen 1997 und 2007 vor, das Gericht verurteilte den Mafioso schließlich zu zehn Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 30 Millionen US-Dollar.

Einen Teil der gezahlten Strafe, insgesamt 585.000 Euro, spendete die US-Anti-Drogenbehörde DEA im August 2012 an die belgischen Ermittlungsbehörden, deren Unterstützung maßgeblich für die Zerschlagung der Bande um Ricardo R. gewesen sein soll. Sein Netzwerk soll einen Großteil der Drogengeschäfte über den Hafen in Antwerpen abgewickelt haben.

Häuser und Luxus-Autos eingezogen

Die US-Behörden konfiszierten im damaligen Verfahren gegen Ricardo R. zudem weitere Besitztümer. So wurden laut Gerichtsunterlagen zahlreiche Grundstücke und Liegenschaften in mehreren Ländern, etwa in der Ukraine und Russland, wie auch eine Villa in Nizza beschlagnahmt.

Ebenso zogen die Behörden R.s Luxusautos ein, darunter einen Aston Martin Vanquish, wie er aus James Bond Filmen bekannt ist. Außerdem konfiszierten die Ermittler zahlreiche Bankkonten in mindestens sieben Ländern, die als Firmenkonten oder über Drittpersonen eröffnet worden waren, von den Ermittlern aber R. zugerechnet wurden.

Ricardo R.s Anwalt ließ eine Anfrage unbeantwortet.