Einschüsse an der Tür der Synagoge in Halle | Bildquelle: dpa

Terrorismus Neue Gefahr durch Waffen aus dem Drucker

Stand: 04.08.2020 17:00 Uhr

Beim Anschlag von Halle hat der mutmaßliche Attentäter Waffen aus einem 3D-Drucker verwendet. In Sicherheitskreisen ist man alarmiert, die Bundesregierung sieht jedoch keinen Handlungsbedarf.

Von Florian Flade, WDR, und Georg Mascolo, WDR/NDR

Stephan B. schießt auf die Eingangstür der Synagoge von Halle, ein Schuss nach dem anderen. Es wirkt mühsam, immer wieder muss er nachladen. So ist es in dem verstörenden Video zu sehen, das der Rechtsextremist während seiner Tat ins Internet übertragen hat.

Die dicke Holztür hält den Schüssen glücklicherweise stand, es kommt nicht zu einem Blutbad. Zwei Menschen aber fallen B. zum Opfer: Eine zufällig vorbeikommende Passantin erschießt er, und einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss wenige Straßen entfernt. 

Die Waffen, mit denen Stephan B. seinen Anschlag am 9. Oktober 2019, dem jüdischen Feiertag Yom-Kippur, verübte, hatte er selbst gefertigt. Es handelt sich um zwei Maschinenpistolen, eine Pistole und eine Schrotflinte einfachster Bauart. B. ist kein Fachmann, kein gelernter Büchsenmacher. Alles, was er für den Waffenbau brauchte, suchte er sich im Internet zusammen - und stellte es mit einem 3D-Drucker her.

3D-Technologie erleichtert illegalen Waffenbau

Stephan B. muss sich inzwischen vor dem Oberlandesgericht Naumburg für sein Attentat und den zweifachen Mord vor Gericht verantworten. Am Montag ging es dabei auch um dessen selbstgebaute Waffen.

Die Kriminaltechniker des Bundeskriminalamts hatten sie untersucht und Schusstests auf ballistische Gelatineblocks durchgeführt, die menschliches Gewebe nachbilden. Das Ergebnis des Gutachtens: Obwohl die Waffen nicht ganz reibungslos funktionierten und es während des Attentats immer wieder zu Ladehemmungen kam, können sie "potenziell tödliche Verletzungen" hervorrufen.

Gefährliche Zäsur

Der Anschlag von Halle gilt in den Sicherheitsbehörden als gefährliche Zäsur: Erstmals hat sich ein Terrorist in Deutschland für einen Anschlag Schusswaffen selbst gebaut, deren Bestandteile aus einem 3D-Drucker stammen. Ermittler vergleichen diese Form der Waffenherstellung bereits mit den selbstgebauten Bomben aus freiverkäuflichen Grundstoffen wie Wasserstoffperoxid und Aceton, wie sie islamistische Terroristen verwendeten.

"Die ausgereiftere und kostengünstiger werdende 3D-Druck-Technologie erleichtert die illegale Herstellung und Beschaffung von Waffen für eine immer größere Personenzahl. Hiervon kann ein erhebliches Risiko ausgehen", warnt Michael Mertens, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Er fordert eine Diskussion darüber, was getan werden kann, um die Waffenherstellung per 3D-Druck zumindest zu erschweren.

Bauanleitungen im Netz

Im Jahr 2013 hatte der US-Amerikaner Cody Wilson, selbsternannter "Krypto-Anarchist", erstmals eine Waffe präsentiert, die bis auf den eisernen Schlagbolzen komplett aus Kunststoffteilen gefertigt war - hergestellt mit einem 3D-Drucker. Wilson nannte die einschüssige Pistole "The Liberator" (Der Befreier) und stellte die Bauanleitung frei verfügbar ins Internet.

Mit seiner Organisation "Defense Distributed" propagierte Wilson die Waffenherstellung und den Waffenbesitz für jedermann. Seine Anhänger verbreiten im Netz Druckvorlagen für Waffenteile und Anleitungen, wie Pistolen oder sogar Sturmgewehre mithilfe von 3D-Druckern produziert werden können. Sie nennen es das "Wiki Waffen Projekt". Mehrere US-Bundesstaaten versuchen seitdem, die Waffenproduktion per 3D-Druck unter Strafe zu stellen.

Bundesregierung: Waffengesetze ausreichend

Die Bundesregierung sieht keinen weiteren Handlungsbedarf in Sachen Waffen aus dem 3D-Drucker. Es seien derzeit "keine spezifischen, über die bestehenden Maßnahmen gegen die illegale Herstellung von Schusswaffen hinausgehenden Schritte in Bezug auf die Herstellung von Waffen in 3D-Druckern" geplant, teilte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums mit.

Waffen, die mithilfe eines 3D-Druckers erstellt wurden, seien Gegenstände im Sinne des Waffengesetzes. Für deren Herstellung, Umgang und Besitz bedürfe es einer Erlaubnis. Anderenfalls mache man sich strafbar. "Aus waffenrechtlicher Sicht bestehen damit ausreichende rechtliche Regelungen", so das Ministerium. Oder anders formuliert: Waffen ohne Besitzerlaubnis sind illegal - egal, wie sie hergestellt wurden. 

Anleitungen verbieten und Drucksperren einrichten

Polizeigewerkschaftler Mertens sieht jedoch durchaus Handlungsoptionen gegen die Proliferation von 3D-Druck-Waffen. Begrüßenswert wäre etwa "ein Verbot der Verbreitung von Waffenselbstbauanleitungen sowie 3D-Drucker-Software verbunden mit der Aufnahme eines entsprechenden Passus im Waffengesetz", so Mertens. Zusätzlich könnte geprüft werden, "inwiefern es rechtlich und tatsächlich möglich ist, Hersteller von Hard- und Software für 3D-Druck dazu zu verpflichten, dass mit Hilfe ihrer Produkte keine Waffen gedruckt werden können, die in falsche Hände geraten könnten", meint der Polizeivertreter.

Denkbar wären beispielsweise Drucksperren, so dass die Software der 3D-Drucker die Schablonen für Waffenteile erkennt und einen Druck verweigert. Ähnlich funktioniert es bereits bei Geldscheinen: Eine große Zahl von Farbkopierern und Druckern verfügt mittlerweile über eine eingebaute Sperre für die Vervielfältigung von Geldnoten, um Fälschungen zu verhindern. Ebenso wäre es wohl möglich, die gedruckten Kunststoffteile mit einer Markierung zu versehen, so dass zumindest nachvollziehbar wird, aus welchem Drucker die Waffenkomponenten stammen.

Opposition: Bundesregierung muss reagieren

Das Bundesinnenministerium hat in dieser Sache allerdings bislang keinen Kontakt zu den Herstellern von Druckern gesucht. "Es haben seitens des Ministeriums keine Gespräche mit Herstellern von 3D-Druck-Systemen stattgefunden. Es sind auch keine derartigen Gespräche aus den nachgeordneten Behörden bekannt", teilte eine Sprecherin mit.

Konstantin von Notz (Bündnis 90/Die Grünen) | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Grünen-Politiker von Notz fordert eine wissenschaftliche Begutachtung.

Die Opposition fordert weitere Maßnahmen gegen die Verbreitung der Waffen aus dem 3D-Drucker. "Die Bundesregierung muss wissenschaftlich begutachten lassen, was alles möglich ist, um dann zu entscheiden, wie man den Gefahren durch eine missbräuchliche Nutzung der Technik effektiv begegnet", fordert der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz.

"Waffen aus dem 3D-Drucker sind ein echtes Problem", warnt auch der FDP-Innenexperte Stephan Thomae. Viele der Schusswaffen "Marke Eigenbau" seien zwar noch fehleranfällig, aber die Technik werde sich weiterentwickeln. "Die Bundesregierung darf deshalb unter keinen Umständen auf der Stelle stehen bleiben." 

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 17. Oktober 2019 um 06:30 Uhr.

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Georg Mascolo | Bildquelle: picture alliance / SvenSimon Logo NDR/WDR

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