Siemens Niederlassung in Abuja, Nigeria. | NDR
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"Suisse Secrets" Neue Spur in Siemens-Schmiergeldskandal

Stand: 21.02.2022 06:02 Uhr

Das Leak aus der Schweizer Bank "Credit Suisse" entlarvt unbekannte Konten eines Ex-Siemens-Managers. Nach Recherchen von NDR, WDR und SZ könnten die Millionen ein neues Licht auf einen Korruptionsskandal werfen.

Von Massimo Bognanni, WDR, sowie Lisa-Maria Hagen, Volkmar Kabisch, Elena Kuch, Johannes Jolmes, Antonius Kempmann, Benedikt Strunz und Julia Wacket, NDR

München, im Frühjahr 2007. Der größte Schmiergeldskandal der deutschen Geschichte erschütterte die Republik. Fahnder hatten die Siemens-Zentrale gestürmt, Beweise dafür gesichert, dass der Konzern über Jahre hinweg Politikern und Beamten auf der ganzen Welt Schmiergeld gezahlt hatte, um an lukrative Aufträge zu kommen. Konzernchef Klaus Kleinfeld musste seinen Posten räumen, ebenso Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer. In diesen aufwühlenden Tagen stellte sich ein Beschuldigter der ermittelnden Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl.

Ein reuiger "König von Nigeria"

Der frühere Chef von Siemens in Nigeria, Eduard Seidel, so schien es, war gekommen, um zu beichten. Der Mann, den Kollegen den "König von Nigeria" nannten, räumte ein, nigerianische Amtsträger in 22 Fällen bestochen zu haben. Er erzählte abenteuerliche Geschichten, etwa von Koffern voller Bargeld und von Geldbestellungen per Fax.

Eduard Seidel | NDR

Der Ex-Siemens-Manager Seidel wurde zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt. Bild: NDR

Im Dezember 2008 erhielt Seidel einen Strafbefehl wegen "Bestechung ausländischer Amtsträger", wurde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt und musste 240.000 Euro zahlen. Die ausgesprochen milde Strafe, sie war auch dem Umstand geschuldet, dass Seidel stets versicherte, niemals Geld in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben - weder "direkt noch indirekt".

Zweistellige Millionenbeträge auf Schweizer Konten

In den bislang geheimen Daten aus der Schweizer Großbank Credit Suisse, die NDR, WDR und die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) mit weltweiten Kooperationspartnern unter dem Titel "Suisse Secrets" ausgewertet haben, taucht nun auch der Name Eduard Seidel auf, als Inhaber von insgesamt sechs Schweizer Konten. Diese Konten wurden zwischen 1985 und 2005 eröffnet, also zum Teil in jener Zeit, als Seidel für Siemens Schmiergeld in Nigeria verteilte. Im Frühling 2006, ein Jahr, bevor er sich der Münchner Staatsanwaltschaft stellte, wies eines seiner Konten Vermögenswerte von rund 54 Millionen Schweizer Franken auf, so steht es in den geleakten Bankdaten.

Das große Vermögen des Eduard Seidel verwundert. Denn im Verhör mit der Staatsanwaltschaft gab Seidel an, lediglich in "geordneten" finanziellen Verhältnissen zu leben. Als Vermögen zählte er ein paar Immobilien in Deutschland auf, ein Anwesen in Portugal, ein Haus in Bruchsal, das er seiner Tochter überschrieben habe - von Schweizer Konten berichtete er der Staatsanwaltschaft nichts. Vor seinem Ausscheiden 2004 verdiente er bei Siemens 300.000 Euro im Jahr - viel Geld, aber keine Erklärung für die enormen Vermögenswerte auf seinem Schweizer Bankkonto.

Siemens dementiert Wissen über Konten

Von Siemens selbst heißt es dazu, man kenne Seidels Konten nicht. Und so bleibt die Frage bislang ungeklärt, woher die Millionen stammen. Die mysteriösen Konten dürften auf jeden Fall das Interesse der Münchener Strafermittler wecken. Denn in der Vergangenheit waren mehrere Fälle bekannt geworden, in denen Siemens-Manager Schmiergelder abgezweigt hatten. Zuletzt hatten die Panama Papers einen solchen Fall enthüllt.

Auf Nachfrage erklärt ein Anwalt von Eduard Seidel, sein Mandant verwahre sich "entschieden gegen den Vorwurf, er habe Geld von Siemens gestohlen oder Geld erhalten aufgrund korrupter oder krimineller Verhaltensweisen in Nigeria". Seidel sei stets loyal zu seinem Arbeitgeber und seinen früheren Kollegen gewesen. "Soweit er sich Verfehlungen hat zu Schulden kommen lassen, hat er sich gegenüber der Staatsanwaltschaft München selbst erheblich belastet und auch mit Siemens reinen Tisch gemacht." Eine Antwort auf die Frage, woher das Geld auf den Schweizer Konten stammt, liefert aber auch das Anwaltsschreiben nicht.

Wurden die Gelder gemeldet?

Nicht nur Seidels Versteckspiel, auch das Verhalten der Credit Suisse und ihrer früheren Tochterfirma Claridien Leu wirft Fragen auf. Das 1998 in Kraft getretene schweizerische Geldwäschegesetz verlangt von Banken, die Konten verdächtiger Kunden zu melden.

Dass Seidel eine wichtige Figur im Siemens-Schmiergeldskandal war, ließ sich auch jenseits der Alpen bestens nachvollziehen. Internationale Medien berichteten über den Fall und nannten dabei auch den Namen Eduard Seidels. Mehr noch, Seidel, tauchte ab 2007 in einer internationalen Datenbank auf, die Finanzinstitute zur Risikobewertung ihrer Kunden nutzen. Doch ausweislich der Suisse Secrets hatte Seidel 2016 noch immer rund zehn Millionen Schweizer Franken bei der Bank liegen.

Staatsanwaltschaft war nicht informiert

Bei der Staatsanwaltschaft München ging bis heute kein Hinweis auf das verdächtige Vermögen ein. "Es ist vollkommen klar, dass die Bank unter Geldwäsche-Verdachts-Gesichtspunkten melden muss, wenn sie Anhaltspunkte dafür hat, dass Gelder vorhanden sind, die aus einer Straftat stammen können", sagt Staatsanwältin Bäumler-Hösl, die damals in dem Fall ermittelte.  

Hat die Credit Suisse die Seidel-Millionen nicht wie vorgeschrieben gemeldet? Die Bank will sich auf Nachfrage nicht zu einzelnen Kunden äußern. In einem mehrseitigen Schreiben teilt das Geldhaus allerdings mit, es sei "absurd anzunehmen, dass Credit Suisse illegale Aktivitäten tolerieren oder in irgendeiner Weise unterstützen würde". Zudem käme die Bank ihren Meldepflichten für Geldwäsche nach und halte sich an alle gesetzlichen Vorgaben.

Luxusimmobilien über Briefkastenfirma erworben

Ein weiteres Leak könnte Hinweise darauf geben, wo die Millionen gelandet sein könnten. Unter dem Schlagwort "Pandora Papers" veröffentlichte das International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) im vergangenen Jahr unter anderem gemeinsam mit NDR, WDR und SZ Informationen aus einem weiteren Datensatz.

Auch hier spielt Eduard Seidel eine Rolle: als Eigentümer einer 2008 erworbenen anonymen Briefkastenfirma auf den Britischen Jungferninseln. Laut der Dokumente kaufte diese Briefkastenfirma im Jahr 2009 offenbar für Seidel vier Immobilien in Dubai, darunter eine Villa auf der legendären Palmen-Insel "The Palm Jumeirah". Auch Fragen zu dieser herrschaftlichen Residenz ließ der "König von Nigeria" unbeantwortet.

Suisse Secrets Logo | NDR
Suisse Secrets

Die "Suisse Secrets" bezeichnen einen Datensatz der Schweizer Großbank Credit Suisse mit Informationen zu mehr als 18.000 Konten und mehr als 30.000 Konto-Besitzern. Das Datenleck reicht von den frühen 1940er-Jahren bis weit ins vergangene Jahrzehnt. Insgesamt befinden sich auf den im Datensatz enthaltenen Konten mehr als 100 Milliarden US-Dollar.

Unter dem Deckmantel des Schweizer Bankgeheimnisses bot die Großbank in diesem Zeitraum auch Kriminellen, brutalen Diktatoren und umstrittenen Geheimdienstchefs offenbar einen sicheren Hafen für ihre Vermögen - allen öffentlichen Bekundungen einer "Weißgeldstrategie" zum Trotz.

Der Datensatz wurde der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) von einer anonymen Quelle zugespielt. Die SZ hat die Daten mit mehr als 160 Journalistinnen und Journalisten aus 39 Ländern geteilt. An den Recherchen beteiligt waren unter anderem "The Guardian", "Le Monde" und "Miami Herald". In Deutschland arbeiteten Reporterinnen und Reporter von NDR, WDR und SZ an dem Datensatz.

Koordiniert wurden die "Suisse Secrets" von der SZ sowie dem internationalen Journalisten-Netzwerk OCCRP (Organized Crime and Corruption Reporting Project). Das OCCRP ist eine gemeinnützige Organisation und wird unter anderem durch öffentliche Mittel des US-amerikanischen und des dänischen Außenministeriums sowie durch die EU finanziert.

Der Whistleblower, der die Daten an die Journalisten gegeben hat, teilte in einem Statement unter anderem mit: "Ich glaube, dass das Schweizer Bankgeheimnis unmoralisch ist. Der Vorwand, die finanzielle Privatsphäre zu schützen, ist lediglich ein Feigenblatt, um die schändliche Rolle der Schweizer Banken als Kollaborateure von Steuerhinterziehern zu verschleiern. (…) Diese Situation ermöglicht Korruption und bringt die Entwicklungsländer um dringend benötigte Steuereinnahmen."